Russischer Waffentest Astronauten rätseln über Wolke im Weltraum

Die Crew der Internationalen Raumstation hat eine ungewöhnliche Wolke in mehreren hundert Kilometern Höhe fotografiert. Die Erscheinung ist mehr als eine Kuriosität: Nach Meinung von Experten deutet sie auf einen russischen Waffentest hin.

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Mike Hopkins

"Sah heute etwas ins All starten. Bin nicht sicher, was es war. Aber die Wolke, die es zurückließ, war wirklich erstaunlich", schrieb US-Astronaut Mike Hopkins auf Twitter (@AstroIllini) zu einem Foto der seltsamen Erscheinung. Luca Parmitano (@astro_luca), der zurzeit ebenfalls zur Crew der Internationalen Raumstation zählt, verbreitete später auch eine Aufnahme des Phänomens. "Eine riesige Wolke formt sich außerhalb der Atmosphäre nach der Desintegration", schreibt er.

Was haben die Astronauten an ihrem Arbeitsplatz in rund 400 Kilometern Höhe über der Erde beobachtet?

Das russische Militär hatte von Kapustin Jar im russischen Bezirk Astrachan aus eine dreistufige Interkontinentalrakete vom Typ RS-12M "Topol", auch bekannt unter dem Nato-Codenamen SS-25 "Sickle", abgeschossen. Das geschah im Rahmen eines Tests, wie unter anderem "Russia Today" berichtete. Wie geplant habe die Rakete ein Ziel auf dem Testgelände Saryschagan in Kasachstan getroffen, rund 2000 Kilometer vom Startplatz entfernt.

Zwei mögliche Szenarien

Die Münchner Raketen- und Militärexperten Markus Schiller und Robert Schmucker haben zwei mögliche Erklärungen für die Entstehung der Wolke. "Die 'Topol' fliegt eigentlich 10.000 Kilometer weit", erklärt Schiller. "Damit der Gefechtskopf und die dritte Raketenstufe in nur 2000 Kilometern Entfernung einschlagen, muss man sozusagen bremsen."

Möglichkeit eins: Nach dem Start werden zunächst die erste und zweite Raketenstufe abgetrennt und dann die Gefechtskopfeinheit von der dritten Stufe. Der Gefechtskopf besitzt eine eigene Steuerung, so dass er sein 2000 Kilometer entferntes Ziel danach eigenständig ansteuert. Die dritte Stufe aber würde ohne ein Abbremsmanöver weit darüber hinausschießen. Um das zu verhindern, könnte man sie einige Minuten in einer engen Spirale fliegen lassen. So kann sie genügend Schub verlieren, um am Ende in der Nähe des Gefechtskopfs einzuschlagen.

Möglichkeit zwei: Nach der Abtrennung der ersten beiden Stufen, aber vor der Trennung des Gefechtskopfs von der dritten Stufe hat Letztere abgebremst. Die Stufe verfügt über mehrere Klappen, durch die der verbrannte Treibstoff in verschiedene Richtungen abgelassen werden kann. So kann der Schub auf null heruntergefahren werden. Normalerweise würden Interkontinentalraketen erst kurz vor Erreichen ihres Ziels derart die Geschwindigkeit drosseln. Aber es sei möglich, dass die Russen genau das testen wollten, sagt Schiller: ein Bremsmanöver direkt nach dem Einsatzstart der dritten Stufe. In diesem Szenario hätte sich der Gefechtskopf erst anschließend abgekoppelt.

Umgehen eines Abrüstungsvertrags?

Die Wolke rührt so oder so vom verbrannten Komposit-Treibstoff her. Die "Topol" tankt im Prinzip das Gleiche wie die Booster des inzwischen ausgemusterten US-Space-Shuttles. Und deren typische weiße Wolken beim Start hat man bestens in Erinnerung.

Schiller und Schmucker nehmen an, dass das Manöver in knapp 300 Kilometern Höhe stattgefunden hat - also noch gut hundert Kilometer unterhalb der ISS-Bahn. Ganz genau lässt sich das allerdings nicht sagen; es ist möglich, dass dieser Raketentyp noch deutlich höher fliegt. Sie halten die zweite Variante für wahrscheinlicher.

Für beide Szenarien gilt: "Eventuell wollte man so einen Kurzschuss auf 2000 Kilometer testen", sagt Schiller, "eine Reichweitenklasse, die Russland durch den INF-Vertrag seit 1987 eigentlich verboten ist." Der faszinierende Astronauten-Schnappschuss hätte dann einen sehr ernsten Hintergrund.

Die INF-Verträge zielen auf die Vernichtung der Kurz- und Mittelstreckenraketen, die je nach Typ 500 bis 5500 Kilometer weit fliegen. Doch im Prinzip kann man natürlich mit einer Langstreckenrakete ebenfalls solche kürzeren Entfernungen anpeilen. In der Bundesrepublik waren die Vertragsverhandlungen wegen der hier stationierten Pershing-Raketen in den achtziger Jahren ein großes Thema.

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Seite 1
Layer_8 19.10.2013
1. Waren halt...
Zitat von sysopMike HopkinsDie Crew der Internationalen Raumstation hat eine ungewöhnliche Wolke in mehreren hundert Kilometern Höhe fotografiert. Die Erscheinung ist mehr als eine Kuriosität: Nach Meinung von Experten deutet sie auf einen russischen Waffentest hin. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/iss-foto-russische-interkontinentalrakete-hinterlaesst-weltraum-wolke-a-928345.html
...Extremmanöver für Raketen im Weltall. Könnte ja auch für zivile Weltraumtechnik nützlich sein und da sind die Russen ja ziemlich führend. Ich glaube nicht, dass die was "verbotenes" gemacht haben, zumal die Bahn der ISS ja wohlbekannt ist und diese nicht zufällig koinzident darüberflog.
bürgerl 19.10.2013
2. optional
Was für ein Abrüstungsvertrag ? Das amerikanische Parlament hat doch alle Abrüstungsvertäge nicht reatifiziert .Damit sie sich nicht daran halten müssen .Warum soll sich dann Russland an einen Vertrag halten.
nuhala 19.10.2013
3. Klar...
Weder die Russen noch die Amerikaner, oder gar die Chinesen würden nie etwas "verbotenes" machen... Auch wenn die Flugbahn bekannt ist, das sowas mal untergeht ist so unwahrscheinlich auch nicht...
kalorikum 19.10.2013
4. Korrigierende Anmerkung bzgl. weiße Wolken beim Space Shuttle
"Die "Topol" tankt im Prinzip das Gleiche wie die Booster des inzwischen ausgemusterten US-Space-Shuttles. Und deren typische weiße Wolken beim Start hat man bestens in Erinnerung." Die weißen Wolken, die beim Start des Space Shuttles unter der Rampe aufstiegen, sind fast ausschließlich Wasserdampf von den rund 1000 t Wasser, die zwecks Schalldämpfung unter die Rampe gegossen wurden. Herzliche Grüße, Dipl.-Ing. aer Kalorikum
MashMashMusic 19.10.2013
5.
Zitat von Layer_8...Extremmanöver für Raketen im Weltall. Könnte ja auch für zivile Weltraumtechnik nützlich sein und da sind die Russen ja ziemlich führend. Ich glaube nicht, dass die was "verbotenes" gemacht haben, zumal die Bahn der ISS ja wohlbekannt ist und diese nicht zufällig koinzident darüberflog.
Ach, sind sie das? Sind das nicht die, denen zuletzt drei Satellitenstarts daneben gegangen sind? Krise der russischen Raumfahrt: Absturz von Rakete mit Satelliten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/krise-der-russischen-raumfahrt-absturz-von-rakete-mit-satelliten-a-909037.html) Nein nein, sowas würden die Russen niemals nicht tun. Weil das die Voraussetzung dafür ist, dass die USA sich dran halten: Strategic Arms Limitation Talks (http://de.wikipedia.org/wiki/Strategic_Arms_Limitation_Talks) Die letzten 30 Jahre hat das auch geklappt.
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