Kommandant auf der ISS "Bei Feuer kann man keinen Gesprächskreis einberufen"

Alexander Gerst wird bald als erster Deutscher Kommandant der Internationalen Raumstation. Der Belgier Frank de Winne hatte das Amt schon inne. Welche Tipps hat er für Gerst?

Ein Interview von


Der Klub der Außerirdischen ist ausgesprochen exklusiv. Nur elf Deutsche, allesamt Männer, waren bisher im Weltraum. Sie haben die Schwerelosigkeit in der sowjetischen Raumstation "Saljut 6" erlebt, im amerikanischen Space Shuttle, in der russischen "Mir" und der Internationalen Raumstation (ISS).

Einer dieser elf, der promovierte Geophysiker Alexander Gerst, ste

Die Internationale Raumstation (Archivbild von 2010)
NASA

Die Internationale Raumstation (Archivbild von 2010)

ht nun vor einer Premiere: In wenigen Tagen fliegt er zusammen mit dem Russen Sergeij Prokopjew und der Amerikanerin Serena Maria Auñón-Chancellor zur ISS - und übernimmt dort später das Amt des Kommandanten.

In der "Sojus"-Kapsel ist Prokopjew der Chef, in der Station zunächst noch der Amerikaner Andrew Feustel. Doch voraussichtlich im August ist dann Gerst dran. Eine "tolle Aufgabe" hat er den Kommandantenjob genannt. "Ich werde aufpassen, dass die Crew alles hat, was sie braucht, dass es ihr gut geht. Ich werde meiner Crew helfen", so sein Credo.

Die Mission "Horizons"
    Alexander Gersts zweiter Flug ins All, die Mission "Horizons", startet am Mittwoch um 13.12 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan. Die Mission dauert voraussichtlich bis zum 12. Dezember. Während des zweiten Teils seines Aufenthalts wird er als erster Deutscher das Kommando auf der ISS übernehmen. Auf dem wissenschaftlichen Programm stehen 67 europäische Experimente, 41 von ihnen kommen aus Deutschland.

Zumindest für die Europäer ist das Amt eine seltene Ehre. Russen und Amerikaner waren jeweils um die zwei Dutzend Mal dran, je ein Mal die Kanadier und die Japaner. Für die Europäische Weltraumorganisation hatte bisher nur der Belgier Frank de Winne den Job des Kommandanten inne. Im Interview erklärt er hier, worauf es dabei im Detail ankommt - und verrät, welches Privileg der Kommandant der Raumstation genießt.

Zur Person
  • Getty Images
    Frank De Winne, 57, kam nur zwei Wochen nach Juri Gagarins historischem Flug ins All auf die Welt. Dort war der Belgier inzwischen selbst zwei Mal. Während es im Oktober 2002 nur zehn Tage zur Internationalen Raumstation ging, war er 2009 dann rund ein halbes Jahr dort. Während dieser Zeit war der frühere Kampfpilot auch Kommandant der Station, als erster Westeuropäer. Seit 2012 leitet De Winne das Europäische Astronautenzentrum in Köln.

SPIEGEL ONLINE: Herr De Winne, als Kampfpilot mussten Sie mal einen F-16-Jet ohne Antrieb landen. Später haben Sie als Kommandant der ISS die komplizierteste Maschine aller Zeiten befehligt. Was war einfacher?

Frank De Winne: Das ist schwer zu vergleichen. Der Notfall in der F-16 war extrem gefährlich. Hier richtig zu reagieren war eine kurzfristige Angelegenheit, es waren sehr intensive, lebensbedrohliche 30 Minuten. Verantwortlich für eine Mission zu sein, hat mich inklusive Training mehrere Jahre beansprucht.

SPIEGEL ONLINE: Was genau hatten Sie als Kommandant zu tun?

De Winne: Das Arbeitsprogramm auf der Raumstation ist eng getaktet. Der Kommandant muss der Crew helfen, die Aufgaben so gut wie möglich zu lösen. Nur so bekommen Wissenschaftler und Techniker am Boden die maximale Zeit für die Experimente zur Verfügung. Es geht nicht darum, dass Astronaut A, B oder C irgendwas besonders toll gemacht hat. Es geht um die Crew. Dafür muss der Kommandant sorgen.

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SPIEGEL ONLINE: Was bringt der Posten für Zusatzaufgaben im Alltagsgeschäft? Muss man irgendwelche Formulare abzeichnen oder Berichte schreiben?

De Winne: Bei der Vorbereitung gibt es Zusatzaufgaben, zum Beispiel im Notfalltraining. Hier muss der Kommandant die Führung übernehmen. Es gibt aber auch andere, scheinbar unbedeutende Aufgaben. So ist man dafür verantwortlich, dass sich alle Crewmitglieder auf ein Missionslogo einigen. Das ist auch gleich ein gutes Teambuilding. Aber im Orbit gibt es keine Zusatzaufgaben mehr, dann ist der Flugdirektor der Boss der Raumstation. Der Kommandant führt Aufgaben aus wie jeder andere auch, zumindest so lange es keinen Notfall gibt.

SPIEGEL ONLINE: Gibt's dafür vielleicht irgendwo Privilegien? Kann man sich das Essen aussuchen? Oder darf man morgens als erster auf die Weltraumtoilette?

De Winne: (lacht) Der Kommandant bekommt immer die kompletten Schokoladenvorräte an Bord! Nein, es gibt keine Privilegien, außer dass man bei der täglichen Planungskonferenz als Erster mit der Bodenkontrolle sprechen darf.

SPIEGEL ONLINE: Das mit der Schokolade klang spannender!

De Winne: Und die Sache mit dem Sprechen in der Planungskonferenz dient auch nur dazu, dass klar ist, wer anfängt. Es soll alles möglichst effizient ablaufen. Wir wollen nicht viel Zeit mit Reden verbringen, sondern uns um die Wissenschaft kümmern.

So trainieren Astronauten

SPIEGEL ONLINE: Was zeichnet einen guten Kommandanten aus?

De Winne: Er muss gut auf seine Crew hören können. Und er muss mit gutem Beispiel vorangehen. Ich habe mich immer bemüht, drei Prinzipien zu berücksichtigen: Führung durch Vorbild, durch Motivation und durch Konsensbildung. Entscheidungen zu treffen, ist sehr leicht, das macht man in ein paar Sekunden. Einen konstruktiven Weg zu finden, jeden mitzunehmen, das ist viel komplizierter.

"Wir hatten ein paar Alarme für Feuer, Druckverlust und so weiter"

SPIEGEL ONLINE: Aber manchmal hat man doch gar keine Zeit zum Diskutieren.

De Winne: Das stimmt. Bei einem Feuer auf der Station kann man keinen Gesprächskreis einberufen und erstmal ein paar Stunden beraten. Dann muss der Kommandant schnell entscheiden und handeln. Es ist wichtig, dass die Crew den Führungsqualitäten des Kommandanten vertrauen kann.

SPIEGEL ONLINE: Gab es bei Ihnen mal so einen Notfall?

De Winne: Wir hatten ein paar Alarme für Feuer, Druckverlust und so weiter. Wir haben aber schnell herausgefunden, dass das alles Fehlalarme waren.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie, rückblickend gesehen, als Kommandant auch Fehlentscheidungen getroffen?

De Winne: Es gibt immer Sachen, die man besser machen kann. Jeder muss sich immer in Frage stellen, auch der Kommandant. Nach jeder Mission haben wir im Schnitt 50 bis 100 Verbesserungen zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Wo genau lagen Sie denn mal falsch?

De Winne: Wir hatten während unserer Mission echte Platzprobleme auf der Raumstation. Die ISS war mit vielen Dingen regelrecht vollgestopft, das ist heute kaum anders. Und ich habe irgendwann entschieden: Wir räumen jetzt mal auf - und zwar so und so und so. Das haben wir aber nicht gut genug mit dem Kontrollzentrum besprochen. Dort war man sehr irritiert. Wir haben zwar in dem Sinne nichts falsch gemacht. Aber wenn wir vorher darüber gesprochen hätten, dann hätten wir die Aufgabe sicher besser gelöst.

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Alexander Gerst: Leben fürs Schweben

SPIEGEL ONLINE: In Kürze soll Alexander Gerst den Chefposten auf der ISS übernehmen, als erster Deutscher. Sie haben ihn mit ausgewählt. Warum?

De Winne: Alex hat alle Eigenschaften, um Kommandant zu werden. Ich bin froh, dass wir ihn den internationalen Partnern vorschlagen konnten - und dass es von denen Zustimmung gab. Es ist gut, wenn Europa so eine führende Rolle beim Betrieb der Station spielen kann.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen Ratschlag für ihn, von Ex- zu Bald-Kommandant?

De Winne: Wir haben viel gesprochen, vor allem kurz nach seiner Nominierung. Wir haben Gedanken und Ideen ausgetauscht, die ich aber hier nicht öffentlich diskutieren möchte.

"Musste ganz dringend zur Toilette"

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SPIEGEL ONLINE: Dann fragen wir mal so: Was war der wichtigste Ratschlag für Sie, als Sie sich auf die Rolle des Kommandanten vorbereitet haben?

De Winne: Meine russischen und amerikanischen Kollegen haben mir nahegelegt, dass man als Kommandant in Diensten der Crew steht, in Diensten des Bodenteams und der Wissenschaftler. Es geht nicht um einen selbst. Es geht um die Menschen, für die man arbeitet.



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