Druckabfall auf der ISS "Kaugummi drauf. Das hält immer"

Mit einem Lappen und Kleber haben Raumfahrer ein Leck auf der Internationalen Raumstation gestopft. Ex-Astronaut Ulrich Walter erklärt im Interview, wie gut die improvisierte Lösung ist - und was wohl schuld an dem Loch ist.

Die betroffene Kapsel "Sojus MS-09" dockt an der ISS an (Archivbild)
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Die betroffene Kapsel "Sojus MS-09" dockt an der ISS an (Archivbild)

Ein Interview von


Wer in einer Art riesiger Blechbüchse durchs Vakuum rast, braucht Luft zum Atmen. Doch genau die drohte den sechs Bewohnern der Internationalen Raumstation (ISS) zuletzt knapp zu werden - wegen eines kleines Lecks, von dem die russische Raumfahrtorganisation Roskosmos am Donnerstag berichten musste.

Durch dieses Loch entwich Sauerstoff ins All, eine zumindest mittelfristige Gefahr für die ISS-Crew. Die drei Amerikaner, zwei Russen sowie der deutsche Esa-Astronaut Alexander Gerst zogen sich zunächst in den russischen Teil der Station zurück. Man verriegelte Stück für Stück die einzelnen Module - und konnte das Leck so schließlich lokalisieren. Inzwischen ist das etwa zwei Millimeter große Loch provisorisch abgedichtet.

Im Interview verrät der frühere Astronaut Ulrich Walter, wie haltbar die dabei von der Besatzung gewählte Lösung ist. Gleichzeitig bringt er die Möglichkeit ins Spiel, dass womöglich nicht der Einschlag eines Meteoriten an den Problemen schuld sein könnte, sondern Probleme bei der Herstellung der betroffenen "Sojus"-Kapsel in Russland.

Zur Person
  • NASA/ DLR
    Ulrich Walter, 64, ist ehemaliger Wissenschaftsastronaut. Im Rahmen der "D-2"-Mission flog der Physiker im Frühjahr 1993 mit dem Space Shuttle "Columbia" für knapp zehn Tage ins All. Zusammen mit seinem Kollegen Hans Schlegel betreute er dabei rund 90 Experimente. Anschließend arbeitete Walter für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt und dem Computerkonzern IBM. Seit 2003 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Raumfahrttechnik an der Technischen Universität München. Walter hat mehrere populärwissenschaftliche Bücher geschrieben, demnächst erscheint der Titel "Eine andere Sicht auf die Welt".

SPIEGEL ONLINE: An der Internationalen Raumstation hat es ein Loch gegeben - mit anschließendem Druckabfall. Was ist da genau passiert?

Ulrich Walter: Das Loch ist nicht an der Raumstation selbst aufgetreten, sondern an einer angedockten "Sojus"-Kapsel. Vermutlich ist das sogenannte Orbitalmodul dieser Kapsel betroffen. Die Öffnung ist etwa zwei Millimeter groß. Das klingt nach wenig, ist aber extrem ungemütlich. Draußen im Weltall herrscht Vakuum, in der Station liegt der Druck bei einem Bar. Das führt zu einem konstanten Verlust an Sauerstoff - und der ist da oben ja sehr kostbar.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam es zu dem Loch?

Walter: Man muss das sehr vorsichtig formulieren, aber aus meiner Sicht wurde bei der Herstellung der "Sojus"-Kapsel nicht aufgepasst. Vielleicht hat es einen Produktionsfehler gegeben und die Russen haben nicht richtig gearbeitet. Das dürfte eigentlich nicht passieren. Eine andere Möglichkeit ist, dass ein Mikrometeorit dort eingeschlagen ist.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es keine Schutzschilde gegen solche Einschläge?

Walter: Die Station ist durch insgesamt drei Hüllen gegen Einschläge geschützt. Die äußere Hülle zerschlägt anfliegende Teile, die zweite hält die entstehenden Splitter auf und die innere hält den Druck. Das funktioniert aber nur bis zu einer bestimmten Größe. Alles, was größer ist als ein Zentimeter, kann diesen Schutz durchschlagen. Bei der "Sojus"-Kapsel liegen die Dinge aber noch ein bisschen anders. Ich glaube nicht, dass es da Mikrometeoriten waren, sondern eher ein Herstellungsfehler.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, dieser Fehler hätte schon vom Start der Kapsel an bestanden und wäre erst jetzt aufgefallen?

Walter: Nein, es kann gut sein, dass so ein Riss oder Loch erst durch mechanische Beanspruchung im All entsteht.

SPIEGEL ONLINE: Die Crew hat das Loch mit einem Lappen und einer Art Alleskleber gestopft. Das klingt ziemlich hemdsärmlig - oder sagen wir es positiver - nach MacGyver. Ist das eine Standardprozedur?

Walter: Nein, das ist keine Standardprozedur. Aber es ist tatsächlich eine gute Lösung. Es ist im Prinzip wie zu Hause. Man sieht irgendwo ein Problem und muss mit dem arbeiten, was man zur Verfügung hat. Und das hat hier gut geklappt.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange kann der Flicken halten?

Walter: Ein paar Tage. Ein Lappen ist ja nicht ganz luftdicht. Der hält zwar den großen Luftstrom ab, aber ein bisschen lecken wird er trotzdem. Das heißt, da muss wohl noch ein anderer Kleber drauf. Jetzt haben die Ingenieure in Russland erst mal ein bisschen Zeit, sich das genau zu überlegen. Aber wenn das mal richtig geklebt ist, ist es dann auch gut. Das ist ja kein riesiges Loch.

SPIEGEL ONLINE: Was hätte man noch machen können, wenn die Bastelei nicht funktioniert hätte?

Walter: Kaugummi drauf. Das geht immer.

SPIEGEL ONLINE: Wird der Flicken Probleme bei der Rückkehr der "Sojus"-Kapsel zur Erde machen?

Walter: Wahrscheinlich nicht. Das Orbitalmodul, wo das Leck vermutlich aufgetreten ist, wird bei der Rückkehr in den oberen Schichten der Erdatmosphäre abgesprengt. Schlechter wäre es, wenn die Landekapsel betroffen wäre. Die ist starken mechanischen Belastungen und großer Hitze ausgesetzt.



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