Astronaut Thomas Reiter über Effekthascherei: Gitarren im Weltall

Von Alexander Stirn

ISS: Thomas Reiter warnt vor falschem Kult Fotos
AP

Früher arbeitete Thomas Reiter auf der ISS und griff auch mal zur Gitarre. Heute ist er Direktor der Europäischen Raumfahrtagentur und mahnt: Die wissenschaftliche Arbeit auf der ISS sollte stärker im Vordergrund stehen.

Parmesan, Schokolade und Tiramisu. Musikvideos und Unmengen von Bildern. Wer in den vergangenen Monaten die Geschehnisse auf der Internationalen Raumstation ISS verfolgt hat, konnte den Eindruck gewinnen, die sechsköpfige Crew ist vor allem zum Spaß im All: Der Kanadier Chris Hadfield, bis Mitte Mai Kommandant des orbitalen Außenpostens, griff zum Abschied beispielsweise zur Gitarre und drehte ein berührendes Musikvideo, das bei YouTube inzwischen mehr als 16 Millionen Mal abgerufen wurde.

Die Bilder, die die Astronauten von sich und der Erde machen, sind längst zum Dauerbrenner in den sozialen Medien geworden. Und der europäische Raumfrachter ATV brachte vergangene Woche nicht nur 6,6 Tonnen Nachschub zur Raumstation, sondern auch Schokolade und heimische Spezialitäten für den italienischen Astronauten Luca Parmitano.

Nicht jeder ist davon begeistert.

"Mein persönlicher Geschmack ist da etwas anders, solche Dinge sind für mich eher sekundärer Natur", sagt Thomas Reiter, Direktor für die Bemannte Raumfahrt bei der Europäischen Weltraumagentur Esa, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "In allererster Linie erledigen wir dort oben wissenschaftliche Aufgaben, und das sollte eigentlich im Vordergrund stehen."

Gegen die Banalisierung

Reiter kennt beide Seiten: Als Esa-Direktor weiß er, wie wichtig es ist, Öffentlichkeit für die Raumfahrt zu schaffen, zu überraschen, zu faszinieren. Als ehemaliger Astronaut mit insgesamt 350 Tagen im All sträubt er sich gegen eine allzu große Banalisierung. Zum Beispiel beim Essen. "Das gehört nun mal zum Leben dazu, auch im All", sagt Reiter. "Deshalb habe ich mich immer dagegen gewehrt, wenn so etwas überproportional in den Vordergrund gerückt werden sollte."

Gitarren im Weltall sind allerdings auch Thomas Reiter nicht fremd. Im November 1995, an Bord der russischen Station "Mir", hat er sogar gemeinsam mit Chris Hadfield musiziert. Hätte er, wenn es damals schon die technischen Möglichkeiten gegeben hätte, ebenfalls eine Internetkarriere angestrebt? Die Antwort fällt kurz und deutlich aus: "Nö." Eine andere Generation, eine andere Mentalität, sieht Reiter bei den heutigen Astronauten.

Für ihn waren der Gesang und die Gitarre ein Hobby, eine Möglichkeit, die eigenen Batterien aufzuladen. Etwas Privates. Das Video vom damaligen Gitarren-Duett mit Chris Hadfield ist inzwischen dennoch im Netz zu finden: Die kanadische Raumfahrtagentur CSA hat es vergangenen Herbst bei YouTube hochgeladen.

Nicht über Nebensächliches berichten

Kritik an Hadfield und seinen öffentlichkeitswirksamen Auftritten will Reiter trotz allem nicht üben. "Chris ist über jeden Zweifel erhaben, er hat hervorragende Arbeit geleistet, er hat seine Eindrücke sehr gut mit vielen Menschen geteilt", sagt der Ex-Astronaut. "Und sein Musikvideo war ein enormer Erfolg, insofern muss man das einfach hinnehmen. Bei all dem darf nur nicht der Eindruck von Effekthascherei entstehen."

Reiter nimmt dabei auch die Medien in die Pflicht, die sicherstellen sollten, dass nicht allein über Nebensächlichkeiten berichtet wird. Die Raumfahrtagentur macht es ihnen indes nicht leicht: Als Esa-Chef Jean-Jacques Dordain vergangene Woche während eines Pressegesprächs auf der Pariser Luftfahrtmesse die Erfolge des ATV preist, erwähnt er nicht die technischen Erfolge, sondern zuallererst die Lieferung von Parmesan und Tiramisu. Luca Parmitano habe diese herbeigesehnt.

Es ist ein Balanceakt, wie auch Reiter einräumt: Populäre Aktionen können ein Vehikel sein, um die Wissenschaft genau jenen Menschen näher zu bringen, die wenig mit der Raumfahrt anfangen können oder sie gar als Geldverschwendung ablehnen. Sie können andererseits aber auch den Eindruck erwecken, dass das viele Geld vor allem in Musikvideos fließt.

Und die Aufgabe wird nicht einfacher. Im kommenden Mai soll mit Alexander Gerst erstmals nach sechs Jahren wieder ein Astronaut aus Deutschland ins All fliegen - dem Land, das mit 41 Prozent den Löwenanteil an den europäischen Betriebskosten der ISS stemmt. "Die Mission wird eine ganz wichtige Rolle dabei spielen, dieses Investment auch sichtbar zu machen", sagt Reiter.

Spätzle ins All

Noch feilt die Esa gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt an der Kommunikationsstrategie. Sicher ist aber, dass Twitter - wie auch bei Hadfield und Parmitano - eine wichtige Rolle spielen wird: "Unsere neue Generation von Astronauten ist daran gewöhnt, für die ist das selbstverständlich", sagt der Esa-Direktor. Das zeigt sich auch daran, dass Twitter inzwischen Teil des Medientrainings geworden ist. Die Astronauten lernen dabei, was sie twittern können und wovon sie eher die Finger lassen sollten. Zensiert, sagt der Chef, werde allerdings nicht. Jeder sei "absolut frei darin", was er über Twitter verkünden wolle.

Doch auch von Bord wird es während Gersts Mission genügend zu berichten, zu fotografieren, zu filmen geben. Und genügend Möglichkeiten, übers Ziel hinauszuschießen: Läuft alles wie geplant, wird beispielsweise kurz nach dem deutschen Astronauten das nächste ATV auf der Raumstation ankommen. Für den Württemberger Alexander Gerst würden sich dann, sofern die Esa Aufmerksamkeit um jeden Preis möchte, Spätzle und Maultaschen als besondere Fracht anbieten.

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insgesamt 9 Beiträge
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1.
mephisto1997 25.06.2013
der mann hat recht. man hatte in den letzten jahren immer mehr den eindruck, die ISS würde nur noch als prestigeobjekt unterhalten. nette anekdoten und natürlich immer wieder äußerst interessante und wunderschöne fotos von da oben/unten haben mich nicht davon abgehalten, mir die frage nach der sinnhaftigkeit des projektes zu stellen. es ist nicht wahr, dass die allgemeinheit sich nicht für die wissenschaftliche seite interessiert...es sei denn, es wird wirklich nur noch kokes da veranstaltet...das würde natürlich erklären, weshalb man so wenig fundiertes mitbekommt, es gäbe ja nix...
2. Herr Reiter,
hmm27 25.06.2013
ich melde mich freiwillig für die erste bemannte Jupiter-Mission... :-) Da müssen aber ein paar Leckereien mit...
3. Funddierte Infos über die Experimente...
Heiko M 25.06.2013
... und Ausßeneinsätze gibt es auf www.nasa.gov/station. Dort gibt es tägliche Updates und auch Details zu einzelnen Versuchsreihen. Es wäre nicht schlecht, wenn man bei der ESA (oder wo auch immer) eine deutschsprachige Version dieser Seiten bereithält - bekanntlich kann nicht jeder Englisch. Da gibt es mehrere lange Meßreihen zur Strahlenbelastung, Augen- und Gefäßfunktion, Verhalten von Flüssigkeiten, Feuer, Materialien, ... Versuchsreihen ohne Ende, aber auch die ein oder andere Routinearbeit (die später von den Nachfolgern des "Robonaut 2" und der "Spheres" übernommen werden soll - weitere laufende Versuchsreihen). Ich lese die NASA-Seiten hin und wieder gern, allerdings auch nur in Abständen. Manche Experimente ziehen sioch lange hin, deswegen wird dass zwichenzeitlich auch mal "langweilig". Die Videos (Station Tour etc,) sind auf jeden Fall ein Hingucker und geeighet, die Leute für die Raumfahrt zu interessieren :-)
4. Effekthascherei ??
sample-d 25.06.2013
"In allererster Linie erledigen wir dort oben wissenschaftliche Aufgaben, und das sollte eigentlich im Vordergrund stehen." Ich weiß nicht warum Herr Reiter hier Bedenken wegen 'Effekthascherei' hat - und halte das für falsch. Was in den Köpfen der Menschen hängen bleibt sind gerade solche Dinge wie z.b. Hadfields Video. Oder die Weihnachtsbotschaft von Apollo 8. Oder Shepards Golfschläge auf dem Mond. Raumfahrt wird sexy wenn die Astronauten Rockstars sind - was sie einmal waren. Mein Patenkind interessiert sich jetzt für Raumfahrt, weil Baumgartner eine großartige Effekthascherei gelungen ist - nicht weil ein Experiment wichtige Daten geliefert hat. Der Großteil der Bevölkerung interessiert sich wenig für Grundlagenforschung. Dann muss man eben zunächst Begeisterung erzeugen - dann wird es denke ich einfacher sie auch für die Arbeiten und Ergebnisse zu interessieren.
5. #3 @Heiko M: Wer kein Englisch kann...
michaelkaloff 25.06.2013
...ist wohl auch zu doof, um die Experimente zu kapieren. Deshalb spielt Hadfield Gitarre, da sollte auch Reiter den Ball flach halten. Wir leben nun mal in einer Demokratie. Man erlebt es oft hier in der SPON-Wissenschaftsrubrik: Die ersten Posts von ewigen Freizeitprofis? Was kommt? "Wissenschaft ist doof". Noch nicht mal die einfachste Aufbereitung von Forschungsergebnissen geht in die Köpfe solcher Menschen. Also: Keep on playing, Hadfield!
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