Satellitenbild der Woche Ach so, ein Stiefel!

Die Formen der Länder und Kontinente kennt heute jeder. Das war nicht immer so: Die Römer zum Beispiel hatten eine eigenartige Vorstellung von Italien - sie passt so gar nicht zu modernen Fotos aus dem All.

Italien, wie es jedes Kind (er)kennt
Copernicus Sentinel Data/ ESA

Italien, wie es jedes Kind (er)kennt


Kaum ein Land der Erde hat eine so deutlich ausgeprägte, sofort Assoziationen weckende Form wie Italien: Ein Stiefel ist das, das weiß doch jeder! Heute, müsste man allerdings hinzufügen. Denn nur sehr selten machen wir uns klar, dass so eine Sicht der Welt eine ziemlich moderne Sache ist.

Es ist schwer zu sagen, wann genau die Stiefel-Form Italiens erkannt wurde. Es gibt zahlreiche sehr frühe Karten, auf denen man den Stiefel mehr oder weniger gut erkennt. Das Problem daran ist nur, dass all diese Karten Kopien von Kopien oder Rekonstruktionen sind, die erst zwischen dem 14. und 19. Jahrhundert entstanden.

So unterstellt man zwar den Ur-Kartografen Strabon (63 vor Christus) und Ptolemäus (um 100), den Stiefel schon erkannt zu haben. Von beiden sind allerdings gar keine originalen Karten erhalten. Floss da späteres Wissen in die rekonstruierten Darstellungen ein?

Höchstwahrscheinlich. Dass Italien eine Art Halbinsel war, die ins Mittelmeer ragt, war Seefahrern natürlich früh bekannt. Doch Italiens wahre Form erschloss sich erst später. Den Römern etwa war es keineswegs bewusst, auf einem "Stiefel" zu leben. Ihre "Tabula Peutingeriana", eine Art Atlas der Römerstraßen aus dem 4. Jahrhundert, zeigt Italien als eine Landschicht in einem Sandwich von Landmassen, die durch schmale Wasser getrennt aufeinanderliegen - Afrika unten, der Balkan oben, in der Mitte Bella Italia.

Römer-Karte Tabula Peutingeriana, 1.-4. Jahrhundert, Kopie von 1887: Rom in der Mitte, darüber Kroatien, darunter Karthago - Italien als Sandwich. Rechts der "gestreckte Fuß" des Stiefels, eingeklemmt darunter Sizilien. Adria und Mittelmeer sind zu Rinnsalen reduziert.
Konrad Miller/ Wikimedia Commons/ Ulrich Harsch Bibliotheca Augustana

Römer-Karte Tabula Peutingeriana, 1.-4. Jahrhundert, Kopie von 1887: Rom in der Mitte, darüber Kroatien, darunter Karthago - Italien als Sandwich. Rechts der "gestreckte Fuß" des Stiefels, eingeklemmt darunter Sizilien. Adria und Mittelmeer sind zu Rinnsalen reduziert.

Es brauchte den technologischen Fortschritt besserer Messtechnik, um so präzise Daten gewinnen zu können, dass sich daraus ein realistisches Bild unserer Welt zeichnen ließ. Ab dem 15., 16. Jahrhundert waren die Kartographen so weit: Der Stiefel wurde zur markantesten Landmasse am Mittelmeer. Zunehmend präzise vermessen, mit hoher Hacke und der Wade auf Höhe von Ancona.

Wie groß diese Vermessungs- und Vorstellungsleistung war, wissen wir in Wahrheit erst, seit wir aus dem All hinunterblicken können. So wie auf dem fast wolkenlosen Bild, das die Esa in dieser Woche veröffentlicht hat: Fotografiert vom Satelliten "Sentinel-3A" aus 811,5 Kilometer Höhe. Wunderschön, der Stiefel!

Wer die Schneemassen vermisst, die derzeit in den Alpen liegen: Die Aufnahme wurde im September 2016 gemacht. Zu dieser Jahreszeit ist das Weiß fast überall längst dahingeschmolzen.

pat



insgesamt 20 Beiträge
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mhwse 12.03.2018
1. OK wie Italien aussieht, wissen wir inzwischen
auch wie das Sonnensystem aussieht - die Galaxie -.. bei der Form des Universums - suggestiv eine Kugel - eher wohl (wenn klassisch), eine innen hohle Orange .. also das sichtbare Universum wäre eher die Schale der Orange - die Reste Innen, so fadenartiges Zeugs (Materie / Gas Fäden.. / ggf. "Ur" Galaxien ..) wie in der Orange eben - da wo die eigentliche Frucht ist - Nichts .. .. beginnt die Diskussion wieder interessant zu werden. Wie das mit den anderen Universen ist? Blubbern die da, nicht erreichbar, wie n-diminsionale Bläschen im Nirvana? Interagieren sie doch mit unserem Universum - gibt es überhaupt ein klassisches "Aussen"? Da ist die Messtechnik noch ganz am Anfang .. ebenso die Vorstellung.
grandprix 12.03.2018
2. leider schief
Den Römern war sicher klar, dass die Verhältnisse rein geometrisch nicht so sind wie auf der "Peutingeriana". Das ist ja auch eine Karte, die auf Abstände in Form von Tagesreisen (Tagesritten) spezialisiert ist. In diesem Sinne erfüllt sie ihren Zweck und ist so realistisch wie jede andere Karte. Ein römischer Seemann hätte sich sicherlich nicht nach dieser Karte orientiert. Die Annahme, dass eine Karte die "wirkliche Welt" (= Identität mit Satellitenbild) abbilden müsse, ist doch eine sehr naive. Auch ein moderner Straßenatlas zum Beispiel bildet zwar Längenverhältnisse zwischen Wegpunkten korrekt ab, aber funktioniert letztlich nur, wenn die relevanten Straßen als (nicht maßstabgerecht breite) Linien eingezeichnet werden.
klarafall 12.03.2018
3.
Das Design der "Tabula Peutingeriana" ist nicht dem Unwissen der Römer geschuldet, sondern der Vorgabe, die wichtigen Strassen des römischen Reiches in möglichst gerader Form darzustellen, um Entfernungen zwischen Städten/Siedlungen so genau wie möglich bestimmen zu können. Es ging den Kartendesignern nicht um eine geografisch exakte Darstellung. Daraus geografisches Unwissen abzuleiten spiegelt weit mehr das Unwissen des Autors wider als das Unwissen der antiken Kartografen.
bommerlunder 12.03.2018
4. Bloße Vermutungen
Der Autor hat die Ökumenekarte des Vispianius Agrippa nicht erwähnt. Diese zeigte die Verhältnisse im Mittelmeer ziemlich korrekt. Der Autor erwähnt auch nicht, dass die Tabula Peutingeriana lediglich eine verzerrte Straßenkarte ist, den Römern war bewusst, dass das Mittelmeer hundertfach größer ist. Es kann also durchaus auch noch genauere Karten (siehe Agrippa) gegeben haben, die den „Stiefel“ zeigen. Ich halte das sogar für wahrscheinlich. DIe Karten aus dieser Zeit sind praktisch alle komplett verschwunden. Aber es gab sie. Warum sollten Seefahrer keine Karten genutzt haben.
merluzzo 12.03.2018
5. So ein Stiefel!
Nicht die Römer "hatten eine eigenartige Vorstellung von Italien", sondern der Autor von der Funktion schematischer Pläne. Wie schon erwähnt (#2), diente die Tabula der Vermittlung von Entfernungen, Knotenpunkten und Routenmöglichkeiten (zu Lande) -- und eben nicht der Abbildung winkelgetreuer Küstenlinien o.ä. Nach der Logik von "pat" verdeutlichen die aktuellen U-Bahn-Pläne deutscher Großstädte, dass die Berliner oder Münchner keinen blassen Schimmer haben, wie ihre Städte wirklich aussehen. Eine solche Interpretation historischer Quellen ist dilettantischer Murks und hat in einem seriösen Medium nichts zu suchen. STIEFEL ONLINE...
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