Satellitenbild der Woche Spur der Steine

Jahrzehntelang haben riesige Maschinen die Lausitz auf der Suche nach Braunkohle durchwühlt. Aus dem All erkennt man, welchen Preis die Landschaft dafür zahlen musste. Dazu kommen Probleme, die man gar nicht sieht.

Tagebau Jänschwalde aus dem All, fotografiert mit einem 1150-Millimeter-Objektiv
NASA/ JSC

Tagebau Jänschwalde aus dem All, fotografiert mit einem 1150-Millimeter-Objektiv


Ab Anfang der Siebzigerjahre liefen die Grundwasserpumpen, die erste Rohkohle purzelte dann im Oktober 1976 vom Schaufeldradbagger auf die Förderbänder. Seitdem ist der Tagebau Jänschwalde in der Lausitz über all die Jahre gewachsen und gewachsen. Acht bis zwölf Meter dick liegt hier, im Südosten Brandenburgs, die Braunkohle im Boden verborgen, teils bis zu 100 Meter tief. Neben den Resten von bis zu 25 Millionen Jahre alten Bäumen haben Forscher auf dem Gebiet des Tagebaus auch 130.000 Jahre alte Steinwerkzeuge gefunden, die sie Neandertalern zuschreiben.

Jahrzehntelang hat der Abbau der Kohle den Menschen in der Lausitz Arbeit gegeben, hat riesigen Kraftwerken als Brennstoff gedient, die mit ihrem Strom große Gebiete im Osten versorgten. Rund 60 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr werden in der Lausitz heute noch gefördert, Tausende Arbeitsplätze hängen an den Tagebauen.

Aber der großflächige Bergbau hat auch Opfer gefordert. Rund ein halbes Dutzend Orte musste der Kohle weichen: An Klinge, Weißagk, Klein Bohrau, Klein Brießnig und Horno mit ihrer jahrhundertealten Geschichte erinnern nur noch die Namen, auch ein Teil des Ortes Grötsch wurde abgebaggert.

Tagebauvorfeld
Bevor die Braunkohle gefördert werden kann, muss viel passieren: Wald wird gerodet, Straßen, Eisenbahnlinien und Flüsse verlegt – und oft auch ganze auch Orte.
Umsiedlung
In der Lausitz sind bisher 80 Orte und Gemeindeteile der Braunkohle zum Opfer gefallen, weitere sollen folgen. Für die Bewohner werden neue Ortschaften angelegt. Vattenfall spricht vom "Lausitzer Weg", einer möglichst sozial verträglichen Umsiedlung an einem Standort.
Grubenbetrieb
Riesige Eimerketten- und Schaufelradbagger fördern die Kohle im Tagebau. Das Kohleflöz ist um die 15 Meter dick. Förderbänder und Züge bringen den Rohstoff in die nahen Kraftwerke.
Kraftwerk
Die Kohle wird möglichst nah am Tagebau verbraucht. Vattenfall betreibt dazu in der Lausitz die Kraftwerke Jänschwalde, Schwarze Pumpe und Boxberg. Die Stromerzeugung aus Braunkohle gilt als besonders klimaschädlich, weil große Mengen CO2 entstehen.
Rekultivierung
Laut Vattenfall wurden auf den Lausitzer Bergbau-Nachfolgeflächen seit Mitte der Neunzigerjahre 30 Millionen Bäume gepflanzt – vor allem Kiefern und Eichen. Rund zehn Prozent der Flächen werden für die Landwirtschaft genutzt.
Grundwasserabsenkung
Damit die Tagebaue nicht volllaufen, wird das Grundwasser mit Tiefbrunnen langfristig abgesenkt – zum Teil 150 Meter tief. Dabei geht es um große Mengen von etwa 230 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr. Der Wasserhaushalt wird langfristig beeinflusst.
Abraum
Die Braunkohle liegt bis zu 120 Meter tief im Boden. Vor der Förderung müssen Sand, Kies und Ton abgetragen werden. Dazu werden in der Lausitz Abraumförderbrücken des Typs F 60 genutzt – die größten beweglichen Maschinen der Welt.
Braunkohleflöz
Rund 60 Millionen Tonnen Braunkohle werden pro Jahr in den Lausitzer Tagebauen gefördert, insgesamt 12 Milliarden Tonnen lagern in der Region – für 1,2 Milliarden Tonnen davon ist der Abbau genehmigt.
Kippe
Der Abraum muss so geschichtet werden, dass die wertvollsten Bodenbereiche wieder oben liegen. Eine mindestens zwei Meter dicke "kulturfreundliche Schicht", etwa sandiger Lehm, soll Pflanzen beim Wachsen helfen.
Grundwasseranstieg
Nach dem Ende der Förderung steigt das Grundwasser wieder kontrolliert an. Das Problem: Aus den Kippenflächen können dabei Eisen- und Schwefelverbindungen ausgeschwemmt werden – und Gewässer der Region jahrzehntelang rotbraun färben.
SPIEGEL ONLINE; Vattenfall

Das Foto oben, gemacht von einem Astronauten der Expedition-50-Crew auf der Internationalen Raumstation, zeigt den Tagebau Jänschwalde aus rund 400 Kilometern Höhe. Der Abbau läuft auf der Seite links der Bildmitte. Ganz links ist der Flugplatz Cottbus-Drewitz zu sehen, im unteren Bildbereich die Ortschaften Jänschwalde und, an einem markanten 90-Grad-Knick des Tagebaus, Heinersbrück.

Neben der regionalen Dimension der Lausitzer Tagebaue, einer von den riesigen Maschinen einmal komplett durchgewühlten Landschaft, gibt es auch noch eine globale: Braunkohle ist mit Blick auf die CO2-Emissionen der klimaschädlichste aller fossilen Brennstoffe. Die Kohle aus dem Tagebau Jänschwalde wird im gleichnamigen Großkraftwerk genutzt. Es ist nicht auf dem Bild zu sehen, würde sich aber unmittelbar am unteren Bildrand anschließen.

Über Jahre gehörten Kraftwerke und Tagebaue der Lausitz zum schwedischen Staatskonzern Vattenfall. Der hat inzwischen an die Lausitz Energie Bergbau AG, kurz LEAG, verkauft. Dahinter steckt eine tschechische Holding, die über eine Tochterfirma unter anderem auch zwei große Tagebaue in Sachsen und Sachsen-Anhalt betreibt.

Vattenfall hatte den Tagebau Jänschwalde erweitern wollen. Über Jahre gab es Streit mit Umweltschützern und Anwohnern, die ihre Heimat an der Grenze zu Polen nicht verlassen wollten. Doch seit diesem Jahr ist klar, dass die 900 Menschen in Grabko, Atterwasch und Kerkwitz ihre Häuser behalten können, der Tagebau wird nicht wie geplant vergrößert. Das liegt daran, dass das Kraftwerk Jänschwalde immer älter wird, ein Neubau aber aus Klimaschutzgründen keinen Sinn hat.

Das Abbaufeld in Jänschwalde wird voraussichtlich Mitte des kommenden Jahrzehnts ausgekohlt sein. Ob so lange tatsächlich noch gefördert wird, muss sich zeigen. Dann sollen im Bereich des jetzigen Tagebaus drei Seen entstehen, bei Heinersbrück, Jänschwalde Ost und südlich von Taubendorf. Dann, in ferner Zukunft, wird die Region aus dem All noch einmal ganz anders aussehen.

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