Jagd nach Roten Zwergen Astronomen spüren versteckte Sterne auf

Das Universum enthält offenbar viel mehr Sterne als angenommen: Die Zahl kleiner, schwach leuchtender Exemplare wurde bisher stark unterschätzt, wie neue Beobachtungen ergeben haben. Damit gibt es auch deutlich mehr mögliche Heimstätten für erdähnliche Planeten.

Rote Zwerge im Blick (grafische Darstellung): "Auch andere Zustände sind möglich"
Yale University

Rote Zwerge im Blick (grafische Darstellung): "Auch andere Zustände sind möglich"


London - Sie sind kosmische Leichtgewichte, die zum Teil nur ein Zehntel der Masse unserer Sonne besitzen. Rote Zwerge nennen Astronomen die kleinsten aktiven Sterne des Universums. Weil die Kernfusion in deren Inneren recht langsam abläuft, leuchten sie nur schwach. Mit bloßem Auge sind sie sowieso nicht erkennbar. Und selbst mit starken Teleskopen waren Rote Zwerge bisher nur in der Milchstraße und deren unmittelbarer kosmischer Nachbarschaft nachzuweisen.

Eine neue Suche in acht weiteren Galaxien hat nun aber aufregende Funde gebracht. Demnach müssen die Wissenschaftler ihre Inventarlisten offenbar gehörig aufstocken - denn in unserem Universum gibt es vermutlich dreimal so viele Sterne wie bisher angenommen. Vor allem in sehr alten Galaxien verbergen sich viele bisher übersehene Rote Zwerge, schreiben Pieter van Dokkum von der Yale University in New Haven (US-Bundesstaat Connecticut) und Charlie Conroy von der Harvard University in Cambridge (US-Bundesstaat Massachusetts) im Fachmagazin "Nature".

Mit Hilfe des leistungsstarken Keck-Observatoriums auf Hawaii haben die Astronomen in acht Nachbargalaxien unserer Milchstraße die bisher unentdeckten Himmelskörper aufgestöbert. Die Sternsysteme im Virgo- und im Coma-Galaxiehaufen sind zwischen 50 und 300 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt. Sie gehören allesamt zu den sogenannten elliptischen Galaxien. Sie haben im Gegensatz zu unserer spiralförmigen Milchstraße einen eher kugelförmigen Aufbau und sind sehr alt.

Ganzer Sternenhimmel von Roten Zwergen sichtbar gemacht

Offenbar besitzen diese Systeme auch wesentlich mehr Rote Zwerge: Die Forscher fanden dort etwa 20-mal mehr dieser Himmelskörper als in der Milchstraße. Vereinfacht gesprochen haben die Astronomen bei ihren Beobachtungen das Licht der hellen Sterne herausgefiltert - und konnten so eine ungeheure Menge von Roten Zwergen sichtbar machen.

"Wir nehmen für gewöhnlich an, dass andere Galaxien unserer ähneln. Dies zeigt jedoch, dass auch andere Zustände möglich sind", sagte Conroy. Durch die neuen Erkenntnisse erhöht sich nicht nur die Gesamtzahl der Sterne - sondern wahrscheinlich auch die der Planeten im Weltall. Vermutlich besitzen nämlich viele Rote Zwerge ein Planetensystem. Einige der Planeten könnten dabei durchaus auch ähnliche Eigenschaften wie die Erde aufweisen.

So haben Wissenschaftler erst kürzlich im Orbit des Roten Zwergs Gliese 581 einen Planeten entdeckt, der die Voraussetzungen für Leben erfüllen könnte - auch wenn wiederum andere Forscher seine Existenz anzweifeln. "Es gibt möglicherweise Billionen von 'Erden', die diese Sterne umkreisen", sagt van Dokkum. Die jetzt entdeckten Roten Zwerge seien meist über zehn Milliarden Jahre alt, so dass komplexes Leben genug Zeit gehabt habe, sich zu entwickeln. Zum Vergleich: Unsere Sonne ist rund 4,6 Milliarden Jahre alt.

Rote Zwerge haben wegen der Besonderheiten ihrer Kernfusion eine recht lange Lebenszeit. Ständig entstehen neue Exemplare - aber wohl noch keiner von ihnen ist wieder erloschen. Insofern gibt es viele potentielle Kandidaten für die Suche nach Planeten, die Leben ermöglichen könnten. Deren potentielle Zahl wurde erst kürzlich kräftig nach oben korrigiert: Forscher gehen inzwischen davon aus, dass im All viele Milliarden erdähnlicher Himmelskörper existieren könnten.

Ein kleines Problem existiert freilich: Damit es auf einem Planeten in der Nähe eines relativ kühlen Roten Zwergs ausreichend warm ist, muss er diesen in großer Nähe umkreisen. Dadurch wirken aber massive Gezeitenkräfte auf ihn; seinem Zentralgestirn wendet er deswegen immer dieselbe Seite zu. Das heißt, er hat stets eine sehr heiße und eine sehr kalte Seite. Leben wäre also bestenfalls in einem kleinen Bereich zwischen diesen beiden Extremen möglich.

chs/dapd



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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Ishibashi 01.12.2010
1. Masse
Zitat von sysopDas Universum enthält offenbar viel mehr Sterne als angenommen: Die Zahl kleiner, schwach leuchtender Exemplare wurde bisher stark unterschätzt, wie neue Beobachtungen ergeben haben. Damit gibt es auch deutlich mehr mögliche Heimstätten für*erdähnliche Planeten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,732256,00.html
Mich würde mal interessieren, ob sich dadurch die Gesamtmasse des bekannten Universums gravierend ändert und dadurch die schwarze Materie überflüssig wird ?
mrastronom 01.12.2010
2. Unwahrscheinlich
Nein, ich denke nicht, dass sich die Masse unseres Universums verändert, weil durch die physikalischen Gesetze keine Elektronen, Protonen oder Neutronen "erscheinen" können.
nitram1 01.12.2010
3. Jagd nach Roten Zwergen?
Ja gehts denn schon wieder gegen die Grünen?
oink_oink_weee 01.12.2010
4. jep
Zitat von IshibashiMich würde mal interessieren, ob sich dadurch die Gesamtmasse des bekannten Universums gravierend ändert und dadurch die schwarze Materie überflüssig wird ?
Könnte sein, allerdings würde dann die dunkle Energie noch mehr an bedeutung gewinnen ;)
Hannovergenuss, 01.12.2010
5. .....
Zitat von oink_oink_weeeKönnte sein, allerdings würde dann die dunkle Energie noch mehr an bedeutung gewinnen ;)
Materie! Dunkle Materie ;-)
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