Das Jahr im Weltall Und dann war "Rosetta" weg

"Schiaparelli", SpaceX, "Sojus": 2016 war ein Jahr der Abstürze im All. Aber es gab auch echte Sensationen. Der Jahresrückblick.

Der Nachthimmel über Großbritannien
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Der Nachthimmel über Großbritannien

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"It's not rocket science", sagt man im englischen Sprachraum, wenn man ausdrücken möchte, dass etwas wirklich simpel ist. Umgekehrt heißt das: Alles, was mit Raketen zu tun hat, ist kompliziert - und gefährlich. Wer das vielleicht zwischendrin vergessen hatte, wurde im Jahr 2016 daran erinnert. Und zwar gleich mehrfach.

Anfang Dezember stürzte der russische "Progress"-Raumfrachter ab - mit zweieinhalb Tonnen Versorgungsgütern für die Internationale Raumstation ISS an Bord. Es gab ein bisher nicht näher bekanntes Problem in der dritten Stufe der "Sojus"-Rakete, die ihn ins All bringen sollte. Der Absturz ist ein weiterer Eintrag in der langen Liste russischer Missgeschicke. Er macht klar, wie schlecht es um die Raumfahrtindustrie des einstigen Kosmos-Vorreiters inzwischen steht - und wie kompliziert selbst vermeintliche Routinejobs im All sind.

Eine Bruchlandung musste 2016 auch die europäische Weltraumbehörde Esa verkraften. Der Lander "Schiaparelli" sollte im Oktober als Teil der europäisch-russischen Mission "ExoMars" auf dem Roten Planeten aufsetzen. Weil es einen Kommunikationsfehler zwischen Navigationstechnik und dem Höhenmessgerät gab, krachte das Ding mit etwa 300 Kilometern in der Stunde in den Sand der Hochebene Meridiani Planum.

Die "Schiaparelli"-Landung in einer Illustration - die Realität war etwas brutaler
ESA/ ATG medialab/dpa

Die "Schiaparelli"-Landung in einer Illustration - die Realität war etwas brutaler

Geblieben sind ein kleiner neuer Marskrater, ein Haufen Weltraumschrott - und die Hoffnung, das beim nächsten Mal alles besser wird: Mit einem kleinen Roboterauto wollen sich Europäer und Russen im Jahr 2020 nämlich noch einmal an einer Marslandung versuchen. Anfang Dezember machten die Esa-Mitgliedstaaten den Weg dafür frei.

Dem privaten Raumfahrtunternehmen SpaceX und seinem Chef Elon Musk erging es im abgelaufenen Jahr nicht besser. Zwar schwelgt Musk gern in futuristischen Ideen wie der Besiedlung des Mars - Ende September stellte er seine Pläne dafür vor - , doch zunächst hat er recht irdische Probleme. So explodierte im September eine "Falcon 9"-Rakete bei den Startvorbereitungen in Cape Canaveral.

Explosion der "Falcon 9" am 1. September in Cape Canaveral
REUTERS/U.S. Launch Report

Explosion der "Falcon 9" am 1. September in Cape Canaveral

Das Ergebnis: eine zerstörte Rakete, ein verbrannter 195-Millionen-Dollar-Satellit, eine kaputte Startrampe. Erst im neuen Jahr soll es wieder einen SpaceX-Start geben. Die Firma muss nun zeigen, dass sie liefern kann: Sie hat zwar Transportaufträge im Wert von zehn Milliarden Dollar in ihren Büchern. Doch das selbsterklärte Ziel einer Revolution des Raumfahrtsektors durch extrem niedrige Startpreise für Satelliten funktioniert nur, wenn diese auch eine gute Chance haben, ihr Ziel zu erreichen.

Einen geplanten Absturz gab es in diesem Jahr auch: Ende September schlug die europäische Raumsonde "Rosetta" irgendwo zwischen Mars und Jupiter auf der Oberfläche des Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko auf. Damit ging fast 720 Millionen Kilometer von der Erde entfernt eine der erfolgreichsten Raummissionen der vergangenen Jahre zu Ende - mehr als zwölf Jahre nach dem Start von der Erde und zwei Jahre, nachdem das Raumfahrzeug sein Ziel erreicht hatte.

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"Rosetta"-Mission: Finaler Crash auf Tschuri

Im Tempo eines gemütlichen Spaziergängers, mit unter einem Meter pro Sekunde, setzte "Rosetta" laut Esa auf der Kometenoberfläche auf. Dann wurden vollautomatisch die Sendeanlagen deaktiviert. Zum genauen Schicksal der Sonde weiß man hier auf der Erde also nichts. Eines ist aber klar: "Wir werden jahrzehntelang mit der Auswertung der Daten zu tun haben", so Projektwissenschaftler Matt Taylor.

Spannende Nachrichten brachte das Jahr für den Astronauten Alexander Gerst. Seit Mai ist klar, dass der Geophysiker von Mai bis November 2018 zu seinem zweiten Flug ins All starten wird. Dort wird er sogar Kommandant der Internationalen Raumstation. Praktisch, dass sich Europas Staaten gerade darauf geeinigt haben, ihre Beteiligung an der ISS bis 2024 zu verlängern. Stationskommandant, das ist zwar im Wesentlichen nur ein protokollarischer Titel, aber immerhin: Er klingt doch recht beeindruckend. Bis jetzt durfte sich noch kein Deutscher damit schmücken.

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Deutsche im All: Elf Männer, bisher keine Frau

Gerst ist der elfte deutsche Mann im All, eine Frau durfte sich noch nicht auf die Reise machen. Eine Privatinitiative der Raumfahrtmanagerin Claudia Kessler will das gerade ändern, am besten sogar noch in diesem Jahrzehnt. An potentiellen Bewerberinnen für den Job als Astronautin, die auch bereit sind, ihre bisherige berufliche Karriere für ein langes All-Training auf Eis zu legen, mangelt es nicht. Die Frage ist, ob Kessler tatsächlich genügend Sponsoren dafür begeistern kann, Geld für das Flugticket beizusteuern.

Die erste Chinesin, Liu Yang, ist übrigens bereits 2012 ins All geflogen, eine weitere Kollegin folgte ein Jahr später - und schon bald könnten es noch viel mehr werden. Denn welche Ambitionen China hat, ist in diesem Jahr wieder ein bisschen klarer geworden. Mit "Tiangong 2" hat das Land im September auch den Kern seiner neuen Raumstation ins All gebracht und bei einer ersten bemannten Mission im Oktober getestet. Komplett sein soll Chinas Außenposten im All im Jahr 2022. Bereits ein Jahr vorher will man mit einem Roboter auf dem Mars gelandet sein, 2024 mit Raumfahrern auf dem Mond.

Außerdem weihte China dieses Jahr mit "Fast" das weltgrößte Radioteleskop ein - und einen neuen Weltraumbahnhof auf der Insel Hainan.

Die Top-Nachricht des Jahres waren natürlich die Gravitationswellen, deren Nachweis ein internationales Forscherteam im Februar erstmals verkünden konnte. Genau genommen war der Erfolg bereits am 14. September 2015 mit den Messgeräten des Advanced Laser Interferometer Gravitational-Wave Observatory (aLigo) in den USA gelungen. Doch monatelang prüften die Wissenschaftler anschließend, ob sie tatsächlich die Kollision zweier Schwarzer Löcher beobachtet hatten. Und, wie sich herausstellte: Sie hatten - eine Jahrhundertsensation!

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Erfolgreiche Suche: Das sind Einsteins Wellen

Gravitationswellen, bereits von Albert Einstein vorhergesagt, sind eigentlich nicht selten. Sie entstehen jedes Mal, wenn irgendwo im Universum Massen beschleunigt werden. Doch normalerweise sind sie so schwach ausgeprägt, dass bisher alle Versuche zu ihrem Nachweis gescheitert sind. Bis jetzt. Einen zweiten Nachweis vermeldeten die Forscher schon im Juni. Inzwischen läuft der Detektor nach einer Wartungspause auch wieder - und lässt die Wissenschaftler auf neue Funde hoffen. Einen Nobelpreis gab es für die Gravitationswellen in diesem Jahr noch nicht, das ist dann vielleicht ein Fall für den Jahresrückblick 2017.

Eine weitere spektakuläre Entdeckung im All vermeldete DER SPIEGEL Mitte August, weit vor der offiziellen Bekanntgabe durch die beteiligten Forscher: In 4,2 Lichtjahren Entfernung hatten sie den erdnächsten bekannten Planeten jenseits unseres Sonnensystems nachgewiesen, allerdings nur indirekt durch Farbverschiebungen im Spektrum seines Sterns Proxima Centauri.

Auf dem Planeten könnten sogar Bedingungen herrschen, die Leben ermöglichen. Hinter dieser Vermutung stehen allerdings noch viele Fragezeichen - und dennoch spekulierten Astrophysiker des französischen Forschungsinstituts CNRS sogar darüber, ob auf dem Exoplaneten ein Ozean wie auf der Erde schwappen könnte.

Und ein weiterer Planet hat die Astronomen in diesem Jahr beschäftigt - auch wenn er sich ihren Blicken bisher komplett entzogen hat. Wenn es ihn denn überhaupt gibt. Die Rede ist von einem Himmelskörper, zehn Mal so massereich wie die Erde, der weit draußen im Sonnensystem seine Bahnen ziehen könnte.

Wie sich "Planet Neun" verraten könnte, zeigt diese Grafik
Caltech/R. Hurt (IPAC)

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Das jedenfalls glauben Konstantin Batygin und Michael Brown vom California Institute of Technology in Pasadena, die ihre Theorie im Januar vorgestellt haben. Ihr "Planet Neun" soll nur alle 10.000 bis 20.000 Jahre einmal um die Sonne rotieren. Dass es ihn gibt, schließen die Wissenschaftler aus Bahndaten anderer Himmelsobjekte im sogenannten Kuipergürtel jenseits der Neptunbahn. Wenn er, wie gesagt, überhaupt existiert.

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