Auf Sonnenkurs Komet Ison bereits mit bloßem Auge sichtbar 

Der Komet Ison fliegt gerade auf die Sonne zu und soll ihr in wenigen Tagen extrem nahe kommen. Übersteht sein Kern das Zusammentreffen unbeschadet, könnte es zu einem beeindruckenden Schauspiel am Himmel kommen.

Komet Ison: Mit 77.000 km/h nimmt der Schweifstern Kurs auf die Sonne. Schon jetzt kann man ihn durchs Fernrohr sichten
REUTERS/ NASA/ MSFC

Komet Ison: Mit 77.000 km/h nimmt der Schweifstern Kurs auf die Sonne. Schon jetzt kann man ihn durchs Fernrohr sichten

Von Thorsten Dambeck


Ein plötzlicher Helligkeitsausbruch hat die Beobachter des Kometen Ison in Aufregung versetzt. "Ich lichte den Kometen allmorgendlich ab", berichtet der Hobby-Astronom Charles Coburn aus dem kalifornischen Rescue. "Am 14. November konnte ich Ison zu meiner Überraschung sogar im elektronischen Sucher meiner Kamera erkennen." Seine Fotos, geschossen an zwei aufeinander folgenden Tagen, zeigen, wie Ison in puncto Leuchtkraft auftrumpft. Die Beobachtung des US-Sternenguckers werden durch Berichte aus anderen Erdteilen bestätigt. Offenbar steigerte Ison am Donnerstag seine Helligkeit rund sechsfach zum Niveau des Vortages.

Der Komet Ison fliegt derzeit auf die Sonne zu, am 28. November soll er ihr extrem nahe kommen, bis auf ungefähr eine Million Kilometer. Je nachdem wie unbeschadet der Kern von Ison dieses Zusammentreffen übersteht, könnte er sich zu einem echten Schauspiel am Himmel entwickeln.

Frisches Eis freigelegt

Das plötzliche Aufleuchten des Kometen könnte durch frisches Eis bewirkt worden sein, das durch einen Bruch auf der Oberfläche des Kometenkerns freigelegt wurde. Denn der wichtigste Bestandteil solcher Himmelskörper ist Wassereis, hinzu kommen staubiger Dreck und gefrorene Gase. Die Kerne der Kometen sind vergleichsweise winzige Körper mit nur wenigen Kilometern Durchmesser. Meist sind sie inaktiv, da sie in eisiger Kälte weit entfernt der Sonne unterwegs sind. Sobald sie sich aber in Sonnennähe erwärmen, kommen sie groß raus: Gas verdampft und reißt Staubpartikel mit ins All, eine "Koma" entsteht, also eine riesige Wolke rund um den Winzling.

Der Sonnenwind und der Strahlungsdruck des Sonnenlichtes blasen schließlich Koma-Partikel davon - die Folge sind zwei langgezogene Schweife, einer aus elektrisch geladenem Gas, der andere aus Staubteilchen. Die Schweife zeigen immer von der Sonne weg.

Was sich genau auf den Kometenkernen abspielt, wenn ihre Tuchfühlung mit der Sonne ansteht, ist von der Erde nur schwer zu beobachten. Die dunstige Koma verhindert den klaren Blick aufs Geschehen. Deshalb sind die Einschätzungen des aktuellen Ausbruchs bei Ison auch recht unterschiedlich.

Für Jean-Baptiste Vincent vom Göttinger Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung (MPS) ist es nicht ungewöhnlich, dass Ison auf dem Weg zur Sonne zeitweise seine Helligkeit steigert. "So etwas nennen wir Outburst, das kennen wir von anderen Kometen." Anders sieht es Mark Kidger vom Wissenschaftszentrum der Europäischen Weltraumbehörde in Madrid: "Ich habe den Verdacht, dass dieser Komet es so macht wie Linear (C/1999 S4)", so Kidger. Im Jahr 2000 hatte er den Linear-Kometen beobachtet, wie sich dieser auf dem Weg zur Sonne zerlegte. "Das plötzliche Auftreten des Gas-Schweifs, die zunehmende Unschärfe der Koma, und nun der plötzliche Ausbruch - alles erinnern mich an C/1999 S4 kurz vor seinem Auseinanderbrechen."

Kamikaze in der Korona

Klar ist, dass Ison der Sonne extrem nahe kommen wird, in nur 470.000 Kilometern Entfernung wird er über dem brodelnden Sonnenball entlang ziehen, das ist nur wenig mehr als die Distanz Erde-Mond. Fraglich ist, ob er den Flug durch die Millionen Grad heiße Korona, das ist die Gashülle der Sonne, überlebt. Prognosen sind kaum möglich, da über die Festigkeit von Kometenkernen nur wenig bekannt. "Wichtig ist, dass Ison nicht fragmentiert", erklärt Kometenforscher Vincent vom MPS. "Mit zwei Kilometern Durchmesser hat er die nötige Größe, um die Begegnung mit der Sonne zu überstehen."

Bekannt ist, dass kleinere Kometen auf ähnlich sonnennahen Bahnen todgeweiht sind. Doch es kann auch anders kommen: Komet C 2011 W3 (Lovejoy) widerstand der Begegnung mit dem solaren Glutofen, als er im Dezember 2011 zwar gebeutelt, aber intakt seinem vermeintlich sicheren Ende entging. Ebenso wie die Überlebenschancen ist die kommende Entwicklung der Leuchtkraft von Ison ungewiss.

Manche Experten meinen, er könnte nach dem Mond zum hellsten Himmelskörper avancieren. Das würde ihn zweifellos zu einem Jahrhundertkomet machen. Nach letzten Sichtungen hat Ison jetzt bereits die Helligkeit erreicht, die ihn zu einem Beobachtungsobjekt für das bloße Auge machen. Ein Feldstecher zur Unterstützung ist sicherlich trotzdem hilfreich. Wer schon jetzt einen Blick auf den Schweifstern erhaschen will, muss in den nächsten Tagen kurz vor Sonnenaufgang den Blick gen Osten wenden. Am 17. und 18. November passiert Ison den hellen Stern Spica in der Konstellation Jungfrau - das hilft beim Auffinden.



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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
taglöhner 16.11.2013
1.
---Zitat--- "Wichtig ist, dass Ison nicht fragmentiert", erklärt Kometenforscher Vincent vom MPS. "Mit zwei Kilometern Durchmesser hat er die nötige Größe, um die Begegnung mit der Sonne zu überstehen." ---Zitatende--- Wird's denn nicht noch spektakulärer, wenn er fragmentiert, oder zerlegt er sich dann gleich so weit, dass man nichts mehr sieht?
DrStrang3love 16.11.2013
2.
Zitat von taglöhnerWird's denn nicht noch spektakulärer, wenn er fragmentiert, oder zerlegt er sich dann gleich so weit, dass man nichts mehr sieht?
Sowas ist dann in aller Regel nicht sehr lange spektakulär, weil die Helligkeit sehr schnell abnimmt. Da das aller Wahrscheinlichkeit nach passieren würde, wenn ISON in der Nähe der Sonne ist, wird man von Erde das kaum beobachten können (höchstens mit Sonden).
eulen|spiegel 16.11.2013
3. Defragmentierung
Helligkeitsausbrüche können auf eine Teilung hindeuten weil Bruchstücke herausgeschleudert werden. Wenn ein Kern in viele Teile zerfällt wird die gesamte Oberfläche die der sonneneinstrahlung ausgesetzt ist größer was die Verlustrate von Material erhöht. Die Helligkeit wird zunächst kurz ansteigen bevor sie dafür umso schneller wieder abfällt was die Dauer der Sichtbarkeit verkürzt.
britneyspierss 16.11.2013
4.
Ein inspirierend geschriebener Artikel.Danke für die Daten zum Beobachten!
verstehe 16.11.2013
5. watn nun?
wie nah kommt er denn nun der sonne? eine knappe million, oder 470000 km?
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