Fotos Riesige Klippen auf Komet Tschuri

Leicht wie Kork, 700 Meter hohe Klippen, einen Riss am Hals: Daten und Fotos der Sonde "Rosetta" bieten überraschende Einblicke in den Kometen Tschuri.

DPA/ ESA

Der Komet Tschuri zeigt sich auf den detailreichen Bildern der europäischen Raumsonde "Rosetta" als vielfältige Welt. In einer Artikelserie im Wissenschaftsjournal "Science" fassen internationale Forscherteams die Beobachtungen der ersten Monate zusammen.

"Wir beobachten einen erwachenden Kometen", sagt Holger Sierks vom Göttinger Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung, einer der leitenden Wissenschaftler. "Zum ersten Mal können wir einen Kometen bei seinem Vorbeiflug an der Sonne mit einer Raumsonde begleiten." Die Instrumente von "Rosetta", darunter die "Osiris"-Kamera, liefern den Forschern dabei den bislang detailliertesten Blick auf einen Schweifstern.

Die Form: Der Komet, dessen volle Bezeichnung "67P/Tschurjumow-Gerasimenko" lautet, besitzt grob die Form eines Quietscheentchens mit einem kleineren Kopf und einem größeren Körper, die über einen schmalen Hals verbunden sind. Der Kopf hat in etwa einen Durchmesser von zwei Kilometern, der Körper ist rund vier Kilometer lang. Ob es sich ursprünglich um zwei Brocken gehandelt hat, die irgendwann zusammengeklumpt sind, oder ob der Hals das Ergebnis eines ungleichmäßigen Abschmelzens des Kometen ist, wird noch untersucht.

Die Farbe: Anders als viele Asteroiden weist der Komet nahezu keine Farbschattierungen auf. Nur der Hals und einzelne Brocken auf der Oberfläche erscheinen etwas heller. "Kometen sind doppelt so schwarz wie Kohle", wird "Osiris"-Forscher Dennis Bodewits von der University of Maryland in den USA in einer Mitteilung seiner Hochschule zitiert.

Die Landschaft: Steile, bis zu 700 Meter hohe Klippen, Staubdünen, glatte Ebenen, Furchen, Geröllhalden mit Gruben und großflächige Senken - der Komet bietet eine raue Landschaft. Vermutlich bedeckt eine meterhohe Staubschicht weite Teile. Rund 70 Prozent von Tschuris Oberfläche hat "Rosetta" bereits mit einer Auflösung kartiert, bei der mindestens 80 Zentimeter große Details zu erkennen sind. Bislang haben die Forscher 19 unterschiedliche Landschaften identifiziert und nach ägyptischen Gottheiten benannt. "Auch aus morphologischer Sicht hebt sich die Halsregion des Kometen deutlich von den anderen Bereichen ab", erläutert Sierks. Anders als Kopf und Körper ist der Hals des Kometen glatt und frei von Furchen oder Kratern.

Allerdings zeigt sich ein langer Riss am Hals, der Folge einer mechanischen Belastung sein könnte. "Wir wissen noch nicht, ob sich der Riss komplett um den Hals zieht", sagt Sierks. Darüber hinaus haben die Forscher in Halsnähe und auf dem Rücken des Kometenkerns bis zu 200 Meter tiefe und bis zu 300 Meter breite zylinderförmige Löcher entdeckt. Deren Wände haben eine Art Gänsehaut - sie sind mit etwa drei Meter großen Klumpen gepflastert. Das könnte darauf hinweisen, dass sich die Materie im jungen Sonnensystem, die auch das Baumaterial des Kometen stellte, generell nur bis zu dieser Größe zusammenballen konnte. Möglicherweise besteht also das gesamte Kometeninnere aus solchen Brocken.

Das Material: Zum ersten Mal konnten die "Rosetta"-Forscher auf direkte Weise die Dichte eines Kometen bestimmen. Ergebnis: Tschuri ist mit 470 Kilogramm pro Kubikmeter etwa so leicht wie Kork. "Wir gehen davon aus, dass der Komet aus Eis und Staub besteht, Materialien, die beide eine deutlich höhere Dichte aufweisen", betont Sierks. Die gemessene Dichte deutet also darauf hin, dass der Kometenkern porös und zu 70 bis 80 Prozent leer ist. "Wir verstehen ihn derzeit als eine Art lockere Ansammlung von Eis- und Staubteilchen mit vielen, vielen Zwischenräumen", sagt der Göttinger Weltraumforscher.

Die Aktivität: Der Komet ist überraschend aktiv, obwohl er noch weit entfernt von der Sonne ist, deren Wärme gewöhnlich dafür sorgt, dass Kometen Fontänen aufwirbeln. "Er hat schon jetzt mehr Staubfontänen als viele andere Kometen bei ihrer größten Annäherung an die Sonne", berichtet Bodewits. Die meisten Staubfontänen liegen in der Halsregion. In den vergangenen Monaten hat Tschuri ungewöhnlicherweise viermal soviel Staub ins All gespuckt wie Gas - normalerweise produzieren Kometen mehr Gas als Staub. Der Gas- und Staubausstoß beschert dem Kometenkern nicht nur eine dünne Atmosphäre. Staubklumpen umkreisen den Kometenkern in bis zu 145 Kilometern Entfernung und vermutlich seit seiner vorangegangenen Annäherung an die Sonne.

"Die Aktivität wird bis zur größten Annäherung an die Sonne noch um den Faktor 100 zunehmen", erwartet Sierks. "Rosetta" wird sich zu diesem sogenannten Perihel (Sonnennähe) im August auf einen Sicherheitsabstand von etwa 100 Kilometern zurückziehen. "Wir wissen, dass der Komet bei jedem Umlauf im Schnitt eine zwei bis drei Meter dicke Schicht seiner Oberfläche verliert", sagt Sierks. "Wir erwarten daher nach dem Perihel in großen Teilen eine ganz neue Oberfläche." Nach Tschuris größter Annäherung an die Sonne müssen die Forscher daher neue Karten des Kometen erstellen.

Von Till Mundzeck, dpa/boj

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
haimer 23.01.2015
1. Korkdichte
Kork hat ein spez. Gewicht von ca. 0.15, ein Kubikmeter würde also rd. 150 kg wiegen.
harald.rottensteiner.5 23.01.2015
2. Felsformationen
Lesen hier auch Geologen mit? Falls ja, folgende Frage: ich verstehe nciht, wie Formationen auf Bild 5 ohne Plattentektonik entstehen können. Die schroffen Formen können vielleicht aus Kollisionen entstanden sein, aber die Schichten? Ich hätte sowieso gedacht, dass Kleinplaneten, etc eher kugelförmig auf Grund ihrer Entstehung sein sollten, und bin überrascht, dass hier so scharfe Kanten überhaupt vorliegen. (ohne Erosion, ohne Plattentektonik wie gesagt). Danke im Vorraus für eine eventuelle Auflkärung. PS: Oder kann es sein, dass auch hier Wasser die Felsen sprengt, denn Wasser kann vorhanden sein, kann in Sonnennähe flüssig werden, dann aber wieder gefrieren?
Olaf 23.01.2015
3.
Zitat von harald.rottensteiner.5Lesen hier auch Geologen mit? Falls ja, folgende Frage: ich verstehe nciht, wie Formationen auf Bild 5 ohne Plattentektonik entstehen können. Die schroffen Formen können vielleicht aus Kollisionen entstanden sein, aber die Schichten? Ich hätte sowieso gedacht, dass Kleinplaneten, etc eher kugelförmig auf Grund ihrer Entstehung sein sollten, und bin überrascht, dass hier so scharfe Kanten überhaupt vorliegen. (ohne Erosion, ohne Plattentektonik wie gesagt). Danke im Vorraus für eine eventuelle Auflkärung. PS: Oder kann es sein, dass auch hier Wasser die Felsen sprengt, denn Wasser kann vorhanden sein, kann in Sonnennähe flüssig werden, dann aber wieder gefrieren?
Die Kugelform entsteht erst ab einer gewissen Größe durch die eigene Gravitation. Diese ist es, welche den Planeten und Monden die runde Form verleiht.
Pixopax 23.01.2015
4. Faszinierend..
Hier schauen wir uns Fotos an, quasi live direkt von einem Kometen weit draußen im All. Was der Mensch alles erreicht hat ist bemerkenswert. Nur 2500km von hier schneiden Gläubige Ungläubigen die Köpfe ab weil sie nicht an den richtigen Gott glauben. Was der Mensch alles nicht geschafft hat, ist auch bemerkenswert.
Pumkin 23.01.2015
5. Schmutzig!
Und wo sehe ich den «schmutzigen Schneeball» der der Komet eigentlich sein müsste?! Ich sehe nur Fels, Geröll und Staub. (Und jetzt soll bloss keiner sagen: «unter dem Staub»!) . Die Astronomie beobachtet. Die Astrophysik interpretiert das beobachtete. Ergo: Modelle überdenken, anstatt uns immer und immer wieder den selben alten,überholten Müll vorbeten.
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