Kometen-Beschuss Die Geheimnisse von Tempel 1

Die größte internationale Kooperation in der Weltraumforschung präsentiert ihre ersten Schätze: Das gewaltige Team, das die "Deep Impact"-Mission organisierte, berichtet über Ergebnisse des Kometenbeschusses. Einiges hat die Forscher sehr überrascht.


Komet Tempel 1: Schmutziger Schneeball mit glattpolierten Stellen
SCIENCE

Komet Tempel 1: Schmutziger Schneeball mit glattpolierten Stellen

Keiner wusste, was geschehen würde. Die Raumsonde "Deep Impact", soviel war klar, würde ein 372 Kilogramm schweres Geschoss ausklinken - den Impaktor - und auf den Kometen 9P/Tempel 1 lenken. Mit 37.000 Kilometern pro Stunde würde das Geschoss auf der Tagseite des Kometen einschlagen, mit einer Aufprallenergie, die der Sprengkraft von fast fünf Tonnen TNT vergleichbar war. Doch was dann kommen würde, darüber gab es verschiedene Vorhersagen.

Der Impaktor würde in "Tempel 1" verschwinden wie in einem Wattebausch, sagten die einen. Der Komet würde zerbrechen, prophezeiten die anderen.

Recht behalten haben am Ende die, die einen tiefen Krater vorhergesagt hatten. Eine gewaltige Staubwolke wurde von dem Geschoss aufgewirbelt, mit Überschallgeschwindigkeit rasten die schnellsten der Staubteilchen vom Kometen davon. Auf der nebenstehenden Bilderserie ist der Schlagschatten, den die Staubwolke sofort bei ihrem Entstehen auf den Kometen warf, deutlich sichtbar (markiert mit roten Pfeilen). Von weitem beobachtete die Sonde, was sie angerichtet hatte, weltweit waren Teleskope auf das interstellare Schauspiel gerichtet.

Einschlag des Impaktors: Deutlich sichtbarer Schatten der Staubwolke (rote Pfeile)
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Einschlag des Impaktors: Deutlich sichtbarer Schatten der Staubwolke (rote Pfeile)

Die bislang abgschlossenen Datenanalysen, über die das größte astronomische Forscherteam aller Zeiten heute im Wissenschaftsmagazin "Science" berichtet, bestätigen viele Vermutungen (Bd. 309, S. 1667). Tempel 1 ist offenbar ein schmutziger Schneeball, er hat in etwa zwei Drittel der Dichte von reinem Wassereis. 50 bis 70 Prozent des Kometen seien daher wohl nur leerer Raum, schreiben Missionsleiter Michael A'Hearn von der University of Maryland und seine Kollegen. Dafür spricht auch, dass sich die Oberfläche von Tempel 1 je nach Sonneneinstrahlung schnell erwärmt oder abkühlt.

Überrascht hat die Forscher vor allem, dass der Komet regelrechte geologische Schichten aufweist. "Wir rätseln immer noch über die Schichtung", sagt A'Hearn. An manchen Stellen hat Tempel 1 zahlreiche Einschlagskrater und unregelmäßige Stellen, an denen die Sonne Eis von der Oberfläche abgeschmolzen hat. Andernorts dagegen (etwa an den im oberen Bild mit Pfeilen markierten Stellen) sieht man glatte Stellen, deren Ränder wie angenagt aussehen. Darunter scheint eine weitere Schicht zu liegen, die ihre eigenen, kaum noch zu erkennenden Krater hat. Ob die Schichten entstanden, als Tempel 1 vor 4,6 Milliarden Jahren geboren wurde oder erst später, ist ein noch ungelöstes Rätsel.

"Kometenkerne haben offenbar geologisch interessante Prozesse hinter sich", sagt Joseph Veverka von der Cornell University. Welche genau das sind, und was das über die frühgeschichte des Sonnensystems verrät, ist noch längst nicht klar. Die Auswertung aller "Deep Impact"-Daten ist noch längst nicht abgeschlossen.



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