Kometenjäger "Ice" Deutsche Amateurfunker wollen Nasa-Sonde einfangen

Wissenschaftler haben "Ice" längst aufgegeben. Nun wollen Amateurfunker aus Deutschland und der Schweiz von der Sternwarte Bochum aus Kontakt zur Weltraum-Sonde herstellen. Sie haben nur einen Versuch.

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Sonde "Ice" (Grafik): Sie funkt und funkt - aber niemand hört zu
NASA

Sonde "Ice" (Grafik): Sie funkt und funkt - aber niemand hört zu


36 Jahre lang hat der International Cometary Explorer, kurz "Ice", unser Sonnensystem erkundet. Nasa und Esa schickten den Satelliten 1978 ins All. Er erforschte das Erdmagnetfeld und Kometen. Doch kurz vor der Jahrtausendwende entsorgten Nasa-Ingenieure die Empfangsgeräte: "Ice" funkte weiter. Aber niemand hörte mehr zu.

Im Sommer kommt die Sonde der Erde wieder nah - eine letzte Chance, sie wieder einzufangen. Doch die Nasa hatte vor einigen Wochen den Daumen über "Ice" gesenkt; Kosten und Nutzen stünden in keinem Verhältnis, man wolle die Sonde ziehen lassen.

Nun wollen ein paar technikbegeisterte Deutsche und Schweizer einspringen, sie wollen "Ice" anfunken, so dass er wieder eingesetzt werden könnte. Die Gruppe von Funkamateuren der "Amsat-DL", also der "Deutschen Radio Amateur Satellite Corporation", empfing ein Signal Anfang März an der Sternwarte Bochum. Sie waren die ersten, weltweit, die wieder Kontakt zu "Ice" hatten.

"Kriegen wir das hin?"

Die Sternwarte Bochum solle einspringen und zeigen, dass sie mit Raumfahrzeugen kommunizieren kann, sagt der Physiker Achim Vollhardt von der Universität Zürich, Mitglied der Amsat-Gruppe. Nach Feierabend und am Wochenende basteln die Physiker und Elektroingenieure in der Sternwarte.

Sie verlegen derzeit Kabel, schließen ein extrem genaues Frequenzgerät an, das sie selbst gebaut haben. Mit diesem GPS-stabilisierten Oszillator wollen sie den Kurs der Sonde auf gut zehn Milliardstel genau berechnen, um "Ice" zu steuern, erläutert Vollhardt.

"Wir haben mit der Sternwarte Möglichkeiten, die nur wenige andere Funkamateure auf der Welt haben", sagt Vollhardt. "Ice" soll der erste Schritt sein: Die Funkamateure träumen von einer eigenen unbemannten Mars-Mission. "Kriegen wir das hin? Wir wollen es versuchen!"

Hoffen auf den Zuschlag

Einfach so kapern will Amsat "Ice" allerdings nicht. "Das geht nur, wenn wir die Spezifikationen des Satelliten kennen", sagt "Amsat"-Mitglied Thilo Elsner, Leiter der Sternwarte in Bochum. "Die Nasa verifiziert derzeit unsere Messdaten." Nach dem Abgleich hofft "Amsat" auf den Zuschlag der Nasa.

Die nötigen Daten gibt es teilweise im Internet, aber teilweise eben nur bei der Nasa. "Wir wollen uns in den Dienst der Nasa stellen", sagt Vollhardt. Große Erwartungen schränkt er erst einmal ein: "Wir wissen: Die Sonde ist noch da; der Sender ist noch da; der Sender funktioniert."

Doch mindestens eines von 13 Messinstrumenten von "Ice" ist kaputt. Inzwischen könnten es mehr sein. Vollhardt fragt sich: "Reagiert der Empfänger? Reicht der Treibstoff?" Das erste Kommando, das "Ice" von "Amsat" bekommen wird, lautet deshalb: "Sag uns, wie es dir geht."

"Wir sind aber keine Wissenschaftler", sagt Vollhardt. Wenn "Ice" antwortet, dann hat die Sternwarte Bochum bewiesen, dass sie mit Sonden kommunizieren kann. Aber für eine neue Mission braucht "Ice" auch die Experten der Nasa oder der Esa.

Helfen die Pensionäre?

Esa-Missionsmanager Gerhard Schwehm macht Hoffnung. Er berichtet von Kollegen, die in den achtziger Jahren für "Ice" verantwortlich waren. Einige sind in Rente. Andere leiten Missionen oder ganze Abteilungen. Doch sie wollen die "Ice" nicht aufgeben. "Das Applied Physics Lab der Johns Hopkins University könnte die Bodenstation zur Verfügung stellen", sagt Schwehm. Das hilft aber nur, wenn "Ice" tatsächlich gesteuert werden kann.

Und das ist gar nicht so einfach. Die Sonde funkt auf einer Frequenz, die das internationale Deep Space Network (DSN) nicht unterstützt, verrät ein Report im Archiv der Nasa. Die Hobbyfunker aus Bochum wollen ihre Frequenz deshalb schnellstmöglich anpassen, um für die Nasa bereitzustehen.

Doch "Ice" muss die Anweisungen der Bodencrew auch verstehen. Und die Zeit drängt: "Der letztmögliche Zeitpunkt für eine Kurskorrektur ist im Juni", sagt "Amsat"-Funker Vollhardt. Danach kostet der Umschwung zu viel Energie. "Ice" würde an der Erde vorbeisausen.

Die Zeit läuft ab

Und die Funker haben nur diesen einen Versuch. Es könnte 200 Jahre dauern, bis "Ice" der Erde wieder nah genug ist, sagte David Dunham, der in Amerika auf der Jagd nach der Sonde ist, kürzlich dem Radionetzwerk NPR.

Die Führungsspitze der Nasa wird in diesen Tagen über das Vorhaben beraten, Schwehm und seine Mitstreiter hoffen auf eine rasche Entscheidung. Und die Amateurfunker von "Amsat" hoffen auf den Zuschlag, mitarbeiten zu dürfen.

Wenn alles geschafft ist, dann gibt es noch ein ganz praktisches Problem: "Ice" kann keine Daten speichern - Signale müssen deshalb live empfangen werden, sonst sind sie verloren. Schon jetzt reicht die Antennen-Kapazität auf der Erde kaum, um alle Satelliten zu überwachen.

Eine Unsicherheit bleibt bis zuletzt. Selbst wenn die Techniker den Zuschlag der Nasa bekommen, sie schnell genug sind und "Ice" auf ihre Kommandos reagiert - erst danach wissen sie, ob der kleine Satellit überhaupt noch funktioniert.

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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
renee.gartenmaier 19.03.2014
1. spannend
wie ein krimi, ich habe den Artikel verschlungen und hoffe es klappt.
adorfer 19.03.2014
2. Amateurfunker?
Ich könnte wetten, dass es sich vielmehr um Funkamateure handet.
katenash 19.03.2014
3. Schon erstaunlich...
...dass man Geräte bauen kann, die mehr als 30 Jahre funktionieren, wenn man nur den Willen dazu hat. Ich hingegen kann mir aller 2-3 Jahre einen neuen iPod kaufen.
elmo-odin 19.03.2014
4. Geldverschwendung
Wieso sollten wohlhabende Leute ihr Geld dafür ausgeben, Amateuren ihren Traum von der eigenen Sonde zu erfüllen, wobei man davon ausgehen kann, dass man mit Hilfe dieser Sonde keine Entdeckung von wissenschaftlicher Bedeutung mehr macht?
tijeras 19.03.2014
5. Hallo!
Vollhardt fragt sich: "Reagiert der Empfänger? Reicht der Treibstoff?" Lieber Herr Vollhardt, ICE hat keinen Treibstoff.
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