Kosmische Täuschung Forscher hielten Raumsonde für Killer-Asteroiden

Beinahe wäre die Warnung vor der Apokalypse um die Welt gegangen: Astronomen hatten im All ein Objekt entdeckt, das genau auf die Erde zurast. Doch der vermeintliche Killer-Asteroid entpuppte sich als Raumschiff.

Von Guido Meyer, Miami


Es war eine peinliche Episode für Astronomen des Minor Planet Center (MPC) in den USA. Die Organisation, die für die Erfassung von Asteroiden, Kleinplaneten und Kometen zuständig ist, meldete vergangene Woche ein potentiell gefährliches Objekt. Der Asteroid mit der Bezeichnung 2007 VN84 rase mit rund 43.000 Stundenkilometern auf die Erde zu und werde unseren Planeten um nur knapp 12.000 Kilometer verfehlen - was einer der engsten jemals registrierten Asteroiden-Vorbeiflüge gewesen wäre, hieß es in einer Mitteilung des MPC.

Wenig später gab der MPC kleinlaut Entwarnung: Der vermeintliche Killer-Asteroid sei in Wahrheit ein Raumschiff, und zwar ein irdisches - die "Rosetta"-Sonde. Ein Schuldiger war auch gleich gefunden: Die "beklagenswerte Verfügbarkeit von Positionsinformationen über ferne künstliche Objekte". Der MPC nutzte die Blamage, um zu fordern, dass alle Daten über Raumsonden und Satelliten aus einer Quelle abrufbar sein sollten.

Der amüsante Vorfall lenkt die Aufmerksamkeit auf den zweiten Vorbeiflug von Europas Kometensonde an der Erde. In etwas mehr als 5000 Kilometer Entfernung wird "Rosetta" am morgigen Dienstag mit einer Geschwindigkeit von 45.000 Stundenkilometern an der Erde vorbeirasen. Kurz vor 22 Uhr deutscher Zeit überfliegt sie in rund 5300 Kilometern Höhe den Pazifik. Mit diesem Manöver wird sie Schwung holen für ihre Weiterreise zu ihrem eigentlichen Ziel, dem Kometen Tschurjumow-Gerasimenko.

"Rosetta", die am 2. März 2004 ins All geschossen wurde, soll erstmals in der Geschichte der Raumfahrt in direkten Kontakt zu einem Kometen treten. Erschöpfte sich bei allen bisherigen US-amerikanischen und europäischen Sonden die maximale Annäherung darin, seinen Schweif zu durchqueren, soll "Rosetta" einen Schritt weiter gehen. "Das Besondere an der Mission ist, dass wir in eine Umlaufbahn um den Kometen eintreten wollen", sagt Rita Schulz, "Rosetta"-Projektwissenschaftlerin am europäischen Weltraumforschungszentrum Estec. Ein solches Flugmanöver setzt voraus, dass die Sonde die gleiche Geschwindigkeit besitzt wie der Komet auf seiner Bahn um die Sonne.

Ein Hammerwerfer namens Erde

"Keine Rakete ist in der Lage, einem Raumschiff eine solche Geschwindigkeit mitzugeben", sagte Schulz kürzlich bei der Jahrestagung der American Astronomical Society in Orlando (US-Bundesstaat Florida). Also muss "Rosetta" unterwegs Bewegungsenergie tanken. Einmal ist die Sonde bereits zurückgekehrt zur Erde, einmal hat sie am Mars Schwung geholt – und jetzt ist wieder die Erde dran. Für ihren Swing-By wird "Rosetta" nahe an der Erde vorbeifliegen und einen Teil von deren Drehimpuls mitnehmen: Wie ein Hammerwerfer schleudert die Erde die Sonde zurück ins All. Doch selbst das genügt noch nicht ganz: Erst nach dem letzten Swing-By im Jahr 2009 wird die Sonde ihre endgültige Geschwindigkeit erreicht haben.

Doch die Manöver erfüllen noch einen weiteren Zweck: Während des Vorbeiflugs ist ein Teil der wissenschaftlichen Geräte an Bord von "Rosetta" eingeschaltet, zum Beispiel die Kameras und die Infrarot-Spektrometer, die die oberen Schichten der Atmosphäre untersuchen sollen. Plasma-Instrumente werden die Magnetosphäre der Erde beobachten.

Kaum hat sich Europas Raumsonde von der Erde entfernt, nähert sich ihr Zielkomet dem inneren Sonnensystem und wird von Teleskopen auf der Erde ins Visier genommen. Der Komet Tschurjumow-Gerasimenko befindet sich derzeit in der Nähe von Jupiter und wird 2008 seinen sonnennächsten Punkt erreichen. "Auf dem Weg dahin wollen wir beobachten, wie er sich entwickelt, wie er langsam aktiv wird", erklärt Rita Schulz. Von April bis Dezember nächsten Jahres wird Tschurjumow-Gerasimenko einen Schweif entwickeln und mit Teleskopen von der Erde aus zu sehen sein.

Ist "Steins" aus Stein?

"Rosetta" wird zu dieser Zeit im Asteroidengürtel angekommen sein. Von den kleinen Gesteinsbrocken kann sie mangels Masse zwar keinen Anschub erwarten, zwei von ihnen aber - "Steins" und "Lutetia" - näher untersuchen. "Sie liegen sozusagen auf dem Weg, so dass wir nicht zu viel Treibstoff verbrauchen, der uns später beim Kometen-Rendezvous fehlen könnte", erläutert Gerhard Schwehm, der "Rosetta"-Missionsmanager bei Estec mit Sitz im niederländischen Noordwijk.

Im September 2008 wird "Rosetta" den Asteroiden "Steins" in rund 2000 Kilometern Entfernung passieren. Dieser Vorbeiflug wird außerdem ein Test für die Instrumente an Bord der Sonde sein. "'Rosetta' verfügt über eine Weitwinkel- und eine Tele-Kamera, die wir beide einschalten werden, um Aufnahmen des Asteroiden zu machen", sagte Horst Uwe Keller vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Katlenburg-Lindau auf der AAS-Tagung. Sowohl das Volumen als auch die Oberflächeneigenschaften von "Steins" sollen so bestimmt werden. "Wir wollen wissen, welche Moleküle an der Oberfläche vorkommen und wie die Oberfläche beschaffen ist, ob es Felsen oder Staub gibt, ob sie rau oder glatt ist", so Keller.

Nur sechs Stunden braucht der nur etwa zehn Kilometer große Gesteinsbrocken für eine Drehung um sich selbst. Diese kurze Rotationsperiode ermöglicht "Rosetta" während ihres Vorbeifluges die Beobachtung seiner gesamten Oberfläche. Auch die Dichte des Asteroiden soll dabei untersucht werden. Daraus könnten Astronomen Rückschlüsse auf Asteroiden ziehen, die eines Tages mit der Erde zusammenstoßen könnten.

Denn wenn es sich bei dem anfliegenden kosmischen Geschoss nicht zufällig um ein menschliches Produkt wie "Rosetta" handelt, sind die Informationen meist recht spärlich. Schwehm: "Solche Brocken kann man nur ablenken oder zerstören, wenn man etwas über ihre Zusammensetzung und ihre Dichte weiß."



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