Kosmisches Mega-Ereignis: Strahlungsblitz lässt Nasa-Satellit erblinden

Es war ein Vorfall bisher ungekannten Ausmaßes in der Tiefe des Weltalls: Ein Gammablitz hat den Nasa-Satelliten "Swift" zeitweise lahmgelegt. Der Energieausbruch war so gewaltig, dass die Software ausfiel. Astronomen sind dennoch begeistert - und rätseln über die genaue Ursache des Teilchensturms.

NASA / Swift / Stefan Immler

Berlin - Das im Erdorbit stationierte Nasa-Observatorium "Swift" ist kosmische Gewaltausbrüche nicht nur gewohnt, es soll sogar gezielt nach ihnen suchen. Seit seinem Start im November 2004 analysiert der Satellit sogenannte Gammablitze. Das sind kurze Ereignisse von unvorstellbar großem Ausmaß, die innerhalb von Sekunden mehr Energie ins All schleudern, als unsere Sonne während ihrer gesamten Milliarden Jahre langen Existenz abgibt. "Swift" hat im Laufe seiner bisherigen Karriere mehr als 500 solcher Extremereignisse gesehen, darunter besonders weit entfernte und besonders kraftvolle.

Nun hat das fliegende Observatorium einen derart starken Gammablitz beobachtet, dass die Messinstrumente zeitweise den Dienst einstellten.

Die Pennsylvania State University berichtet, dass der Satellit am 21. Juni einen mächtigen Vorfall aufnahm, der sich vor fünf Milliarden Jahren ereignete. Der Mega-Blitz mit dem offiziellen Namen GRB100621A sei von historischen Dimensionen, erklärte Swift-Chefwissenschaftler Neil Gehrels vom Goddard Space Flight Center der Nasa: "Die Intensität dieser Röntgenstrahlen war unerwartet und von ungekannter Stärke." Sein Wissenschaftlerkollege David N. Burrows von der Pennsylvania State University ergänzte: "Wir hätten nie gedacht, dass wir jemals etwas so Helles sehen würden."

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Rekordblitz: "Swift" geht in die Knie
Wie es zu Gammablitzen kommt, ist noch immer nicht abschließend geklärt. Möglicherweise treten sie auf, wenn besonders massereichen Sternen der nukleare Brennstoff ausgeht und sie zu einem Schwarzen Loch kollabieren. Forscher diskutieren auch, ob spezielle Supernovae oder die Verschmelzung von Neutronensternen für die hochenergetischen Ausbrüche verantwortlich sein könnten.

"Mit Regenmesser und Eimer die Gewalt eines Tsunamis messen"

Normalerweise dauern die kosmischen Extremereignisse nur einige Sekunden bis Minuten. Manchmal aber lässt sich eine Art Nachglühen in weniger energetischen Abschnitten des Strahlungsspektrums beobachten, also im UV-Bereich und in dem des sichtbaren Lichts. Interessanterweise verlief GRB100621A hier überraschend unspektakulär, wie die Forscher berichten.

Doch beim eigentlichen Ausbruch der energiereichen Strahlung gab es den Rekord - und "Swift" ging in die Knie: Der Vorfall sei so stark gewesen, dass die Analysesoftware den Betrieb eingestellt habe, sagte Phil Evans, der an der Universität im britischen Leicester an der Auswertung der Daten arbeitet. "In jeder Sekunde haben so viele Photonen den Detektor bombardiert, dass das Gerät sie nicht schnell genug zählen konnte. Es war, wie wenn man mit einem Regenmesser und einem Eimer die Gewalt eines Tsunamis messen will."

Der Detektor von "Swift" registrierte 143.000 Photonen pro Sekunde, die von dem Gamma-Ausbruch stammten - 140-mal mehr, als von der hellsten kontinuierlichen Gammastrahlenquelle des Universums ausgehen. Dabei handelt es sich um einem Neutronenstern, der 500.000-mal näher an der Erde ist als die Quelle des Strahlungsblitzes. Mit einem Trick gelang es den Forschern, den Rekordausbruch dennoch zumindest teilweise zu beobachten: Sie blendeten die Photonen im überbelichteten Teil des Bildes einfach aus.

chs

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