Kosmos-Knigge Was tun, wenn die Aliens kommen?

Die Ankunft Außerirdischer könnte die Menschheit vor ein beachtliches Problem stellen: Wie benimmt man sich, ohne die Aliens zu vergrätzen? Wissenschaftler und Künstler inszenieren aufwendige Rollenspiele, um das richtige Verhalten zu trainieren.


Rollenspiele für den Erstkontakt: Nasa-Forscher bereiten die Teams auf ihren Auftritt als Aliens vor
Sigmar Münk

Rollenspiele für den Erstkontakt: Nasa-Forscher bereiten die Teams auf ihren Auftritt als Aliens vor

Es ist eine dieser Fragen, über die die meisten Menschen nur mitleidig lächeln: Wie sollen wir uns verhalten, wenn wir Außerirdischen begegnen? Können wir sie verstehen, mit ihnen reden? Sollten wir versuchen, über die Mathematik einen Kontakt herzustellen, Primzahlen in den Sand malen oder den Satz des Pythagoras skizzieren? Oder besser Beethovens Fünfte abspielen?

Eine Gruppe von Wissenschaftlern und Künstlern in Kalifornien ist fest entschlossen, Antworten darauf nicht dem Zufall zu überlassen. Vor 20 Jahren von dem US-Anthropologen Jim Funaro gegründet, versucht die Gruppe, sich mit Unterstützung der Nasa auf die Begegnung mit fremden Spezies vorzubereiten - "Contact" heißt das Projekt.

Wie Kolumbus bei der Entdeckung Amerikas

In einem Flachbau auf dem Moffett Field am Rande der Bucht von San Francisco - dem Sitz des Ames Research Center der Nasa - bereiten sich zwei Teams auf den Höhepunkt der diesjährigen "Contact"-Konferenz vor: die COTI-Simulation (Cultures of the Imagination), eine Performance mit einer Gruppe Menschen und einer Gruppe Aliens, manchmal auch - wie 2003 - mit zwei Alien-Spezies.

Die Teams wissen nicht, auf wen sie treffen werden. Wie Kolumbus bei der Entdeckung Amerikas müssen sie sich auf die unbekannten anderen einlassen, ohne Hinweise auf deren Verhalten. Einige Wochen zuvor haben die Teams, die von der Oroville High School aus Nordkalifornien kommen, mit dem so genannten "World Building" begonnen. Unter Beachtung astronomischer, geologischer und biologischer Gesetze haben sie zwei fiktive Heimatwelten für die Aliens erschaffen, inklusive Gezeiten, Wetterlagen und Ökosystemen.

Nach der Ankunft im Forschungszentrum müssen sie sich binnen zweier Tage eine "Evolutionstheorie" zuschreiben, aus der sich die Intelligenz, Sozialstruktur und Technologie ihrer Spezies überzeugend ableiten lässt. Dass die Schüler keine Wissenschaftler sind, ist für Don Scott von der Nasa kein Nachteil. "Die Profis", sagt er, "haben meist mit ihrem Wissen angegeben, was das World Building schwierig machen kann." Die Schüler erhalten freilich Unterstützung durch prominente Forscher wie den Nasa-Astrobiologen Christopher McKay oder Marvin Minsky, den Pionier auf dem Forschungsgebiet der Künstlichen Intelligenz.

Zusammentreffen von Raumfahrern und "Primitiven"

Das eine Team stellt eine Alien-Spezies dar, die mit Raumschiffen durchs All streift und einen wasserreichen Planeten sucht. Das andere Team lebt auf einem Planeten, der zu vier Fünfteln von Ozeanen bedeckt ist; diese Spezies ist ebenfalls intelligent, hat aber noch keine Raumfahrt erfunden.

Wie könnte außerirdisches Leben aussehen? Bisher hilft nur eines: die Fantasie
Sigmar Münk

Wie könnte außerirdisches Leben aussehen? Bisher hilft nur eines: die Fantasie

Obwohl sich die Teilnehmer beider Gruppen den anderen jeweils weit überlegen fühlen, sind sie im Rollenspiel vor dem Publikum bemüht, Missverständnisse nicht eskalieren zu lassen. Die waffentechnisch besser ausgestatteten Raumfahrer bringen die vermeintlich "Primitiven" nicht einfach um. Mithilfe von eindeutigen Gesten der Kooperation - dem Austausch von Nahrungsmitteln zum Beispiel - kommt es vielmehr zu so etwas wie friedlicher Koexistenz.

Das war nicht immer so. Bei der ersten Simulation 1983 wurde ein Team sofort "eliminiert", in einem späteren Jahr gab es gar keine Kommunikation. "Selbst wenn eine Konfrontation bewusst vermieden wird, kann das fatale Konsequenzen haben", sagt die Geologin Paula Butler, die an einem Dutzend Simulationen teilgenommen hat, "das ist die für mich wichtigste Erkenntnis."

Einmal habe ihre Gruppe das Raumschiff in einer Umlaufbahn parken lassen, um die Bewohner eines fremden Planeten erst einmal zu beobachten und aus der sicheren Distanz besser kennen zu lernen. Doch genau das war falsch: Ein kreisendes Raumschiff galt in der Religion, die das andere Team der Aliens kreiert hatte, als schlechtes Omen.

Die begrenzte Aussagekraft von derlei Experimenten bleibt den Beteiligten bewusst. Und sollte es die Menschheit gar mit Wesen zu tun bekommen, deren Erscheinungsform die menschliche Vorstellungskraft übersteigt, die womöglich nicht sichtbar sind oder deren Lebensformen nicht auf Kohlenstoff basieren, dürfte ein Kontakt ohnehin kaum möglich sein.

Lehren für das Leben auf der Erde

"Es ist wahrscheinlich, dass wir derartige Organismen nie verstehen werden", sagt Seth Shostak vom kalifornischen SETI-Institut, das seit Jahren das Weltall nach Signalen außerirdischen Lebens absucht. Vielleicht merken wir nicht einmal, dass sie gelandet sind.

Für das Leben auf der Erde aber lassen sich aus den COTI-Simulationen allemal Lehren ableiten. Nicht sonderlich überraschende, aber solche, die nur allzu leicht vergessen werden: Voraussetzung für einen friedlichen Kontakt miteinander ist ein so besonnener wie offener Umgang mit dem Fremden, meint Jim Funaro und empfiehlt: "Es sollte das Ziel der Anthropologie sein, die irdische Welt für kulturelle Differenzen zu sensibilisieren."

So bleibt, auch ohne Begegnung mit E.T., die Simulation für die Schüler aus Nordkalifornien zumindest eine ungewöhnliche Übung in Multikulturalismus. In ihrer Heimatregion, in der die Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren gestiegen ist und viele Familien von der Sozialhilfe leben, könnte sie die Jugendlichen vor engstirnigem Denken bewahren, meint der "Contact"-Anthropologe Israel Zuckerman: "Ich hoffe, sie lernen die Authentizität des anderen in ihrer Nachbarschaft kennen und schätzen. Es gibt schließlich auch auf dieser Welt genügend Aliens."

Von Niels Boeing / "GEO WISSEN"



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