Raumfahrtkrise Erneuter Raketenabsturz schockiert Russland

Eine Trägerrakete explodiert, drei Satelliten zerstört: Der erneute Unfall einer Proton-M-Rakete stürzt die russische Raumfahrt zurück in die Krise. Im internationalen Wettbewerb droht das Land zurückzufallen, besonders gegenüber Europa.

AP/ Vesti 24 via APTN

Die Rakete dreht sich in der Luft, zerbricht und zerschellt schließlich in einem gewaltigen Feuerball. Bedrohlich breitet sich eine schwarze Wolke über dem Weltraumbahnhof Baikonur aus. Eine Rakete mit drei Satelliten und Hunderten Tonnen giftigen Treibstoffs ist explodiert. Von der russischen Trägerrakete vom Typ Proton-M und den Satelliten für das ambitionierte Navigationssystem Glonass blieben nur Trümmer. Ersten Angaben zufolge gab es keine Verletzten. Für die Raumfahrtnation Russland aber ist der Unfall ein weiterer schwerer Rückschlag.

Der Schaden beträgt geschätzte 200 Millionen US-Dollar (rund 153 Millionen Euro). Nach ersten Erkenntnissen waren Fehler im Antriebssystem der Rakete Schuld. Für die stolze Raumfahrtnation Russland ist es bereits die dritte schwere Panne in diesem Jahr.

Im Januar konnte die Bodenstation nur mit zwei von drei Militärsatelliten vom Typ Rodnik, die mit einer Rokot-Trägerrakete vom Kosmodrom Plessezk in Nordrussland gestartet waren, Kontakt aufnehmen. Anfang Februar stürzte ein Kommunikationssatellit nach dem Start von einer schwimmenden Plattform in den Pazifik. Allerdings war den Russen nur wenige Tage danach ein Erfolg gelungen, als sechs US-Satelliten zugleich ins All gebracht wurden.

Fotostrecke

7  Bilder
Absturz in der Steppe: Das Ende der Proton-M
Der erneute Unfall wirft nun wieder die Frage auf, wie zuverlässig russische Raketensysteme sind. Nur 17 Sekunden nach dem Start stürzte die Proton-M-Rakete mit 600 Tonnen des hochgiftigen Treibstoffs Hydrazin (Heptil) an Bord am Dienstag über dem Kosmodrom ab. Die Unglücksstelle befinde sich 2,5 Kilometer vom Startblock entfernt, teilte die russische Raumfahrtbehörde Roskosmos mit. Die Trümmer hätten einen Krater von bis zu 200 Metern Durchmesser in den Boden gerissen.

Wegen des giftigen Flüssigtreibstoffs seien in Baikonur zahlreiche Gebäude evakuiert worden. Das Hydrazin sei bei der Explosion zum größten Teil verbrannt, teilten kasachische Behörden in der Hauptstadt Astana mit. Gleichwohl habe Gefahr bestanden, dass sich die toxische Wolke ausbreite, sagte der kasachische Zivilschutzminister Wladimir Boschko der Agentur Interfax zufolge.

Wind und Regen trieben die verbleibenden giftigen Gase nach Ansicht von Experten von der Stadt mit 71.000 Einwohnern weg. Mehrere Gemeinden, die zum Teil Dutzende Kilometer entfernt liegen, forderten jedoch die Bewohner auf, Fenster geschlossen zu halten und nicht ins Freie zu gehen.

"Nicht gründlich überprüft"

Die Satelliten sollten drei ausgediente Bestandteile von Glonass ersetzen, mit dem Russland dem US-Navigationssystem GPS Konkurrenz machen will. Die Panne gilt zudem als Rückschlag im Wettbewerb mit der europäischen Ariane-Rakete. Schon im Dezember 2010 hatte Russland bei einem Fehlstart gleich drei Satelliten für Glonass auf einmal verloren. Schuld war damals ein Fehler in der Oberstufe einer Proton-Rakete.

Der Zwischenfall könnte zudem große Nachteile für die russische Weltraumindustrie haben. Das betreffe vor allem die Teilnahme Russlands an dem für 2016 und 2018 geplanten milliardenschweren ExoMars-Projekt, sagte der Experte Juri Karasch. Dabei wollen Roskosmos und die Europäische Weltraumbehörde Esa gemeinsam auf dem Roten Planeten nach Spuren von gegenwärtigem oder früherem Leben suchen. Als Träger sind Proton-Raketen vorgesehen. "Die Europäer könnten das Projekt insgesamt beenden", befürchtete Karasch.

Der russische Ministerpräsident Dmitri Medwedew setzte eine Untersuchungskommission ein. Kreml-Chef Wladimir Putin sei über den Zwischenfall informiert worden, sagte sein Sprecher Dmitri Peskow. Die Ermittlungsbehörde leitete ein Verfahren ein. Zwei Proton-Starts im Juli und August würden vermutlich verschoben, meldete die Staatsagentur Ria Nowosti.

Die Umweltorganisation Greenpeace forderte, einen ungefährlicheren Raketentreibstoff zu entwickeln. "Flüge ins All dürfen kein hohes Risiko für die Umwelt darstellen", sagte Iwan Blokow von Greenpeace Russland. Kasachische Umweltexperten zeigten sich schockiert. "Das ist ein sehr schwerer Unfall", sagte der Ökologe Mels Jeleussisow. Er warf den russischen Technikern vor, die Rakete nicht gründlich überprüft zu haben. Zugleich forderte Jeleussisow die kasachische Regierung auf, Proton-Starts von Baikonur grundsätzlich zu verbieten.

Pannen der russischen Raumfahrt
Russlands Raumfahrtbehörde Roskosmos hat am Dienstag eine Rakete mit drei Satelliten verloren. Moskauer Raumfahrtexperten sind derzeit mit einer Serie von Pannen konfrontiert.
Februar 2013
Nur 20 Sekunden nach dem Start von einer schwimmenden Plattform im Pazifik stürzt eine Rakete mit einem Kommunikationssatelliten ins Meer. Experten vermuten, dass die russischen Antriebssysteme versagten.
August 2012
Durch einen Fehler bei der dritten Stufe der russischen Proton-Trägerrakete geraten ein russischer und ein indonesischer Satellit in eine falsche Umlaufbahn. Roskosmos kostet der Fehlstart rund 150 Millionen Euro.
Januar 2012
Die 120 Millionen Euro teure Marsmondsonde "Phobos Grunt" stürzt unkontrolliert in den Pazifik. Eine Mischung aus menschlichem Versagen und technischen Fehlern soll die Ursache gewesen sein.
Januar 2012
Wegen einer undichten Landekapsel und einem Kurzschluss nach einem Kabelbruch verschiebt Russland zwei bemannte Weltraumflüge und den Start einer Trägerrakete mit einem Satelliten. Durch die Pannen müssen drei der sechs Crew-Mitglieder der Internationalen Raumstation ISS einen Monat länger als geplant im All bleiben.
Dezember 2011
Wegen einer fehlerhaften Zündung der dritten Stufe einer Sojus-Rakete verliert Russland einen militärischen Kommunikationssatelliten. Der "Meridian"-Satellit stürzt in Sibirien ab. Der Schaden wurde auf rund 50 Millionen Euro geschätzt.
August 2011
Ein unbemannter Versorgungstransporter mit 2,6 Tonnen Nachschub für die ISS stürzt ab. Kurz nach dem Start des Raumschiffs vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan traten Probleme mit der Zündung der dritten Stufe der Sojus-Trägerrakete auf. Erst wenige Tage zuvor war kurz nach dem Start von Baikonur der Kontakt zu einem Nachrichtensatelliten abgerissen. Der "Express AM-4"-Satellit stürzt im März 2012 in den Pazifik.
Dezember 2010
Wegen des Fehlstarts einer Proton-Rakete in Baikonur verliert Russland auf einmal drei Satelliten für sein geplantes Navigationssystem Glonass. Der Schaden wird auf mehrere 100 Millionen Euro geschätzt. Die Satelliten fallen in den Pazifik.

Quelle: dpa

Von Ulf Mauder und Benedikt von Imhoff, dpa

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
peterregen 02.07.2013
1.
Zitat von sysopDPAEine Trägerrakete explodiert, drei Satelliten zerstört: Der erneute Absturz einer Proton-M-Rakete lässt die russische Raumfahrt in die Krise zurückfallen. Im internationalen Wettbewerb droht das Land zurückzufallen, besonders gegenüber Europa. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/krise-der-russischen-raumfahrt-absturz-von-rakete-mit-satelliten-a-909037.html
Sicher, daß da nicht manipuliert wurde? Wer per manipulierter Software Zentrifugen zerstören kann, kann bestimmt auch Trägerraketen zum Absturz bringen. Und hier wären es gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: die russische Raumfahrt wird diskreditiert und der Ausbau von Glonass wird behindert...
juergw. 02.07.2013
2. In Kourou hat sich ...
Zitat von sysopDPAEine Trägerrakete explodiert, drei Satelliten zerstört: Der erneute Absturz einer Proton-M-Rakete lässt die russische Raumfahrt in die Krise zurückfallen. Im internationalen Wettbewerb droht das Land zurückzufallen, besonders gegenüber Europa. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/krise-der-russischen-raumfahrt-absturz-von-rakete-mit-satelliten-a-909037.html
auch schon die eine oder andere Ariane Rakete mit wertvoller Fracht beim Start zerlegt.Die Sojus Rakete bringt eigendlich sehr zuverläßlich ihre Fracht zur ISS.Jetzt das große Drama daraus zu machen ....?Ist natürlich ärgerlich-versichert ?
50penny 02.07.2013
3.
Haben die Russen keinen Range Safety Officer? Das das Ding nicht sofort gesprengt wurde nachdem es vom Kurs abkam ... unverantwortlicher geht es kaum mehr. Und warum die Russen nicht einfach LH und LOX verwenden, welches stinknormales Wasser bildet...
abominog 02.07.2013
4. Nix Verschwörung hier
wenn man sich das video mal ansieht, dann fällt kurz nach dem start sofort die unregelmässigkeit an den düsen auf. sorry bin leider kein raketenexperte, aber sowas sieht man doch sofort. insofern kann es sich ja nur noch um einen materialfehler handeln, aber auch diesbezüglich habe ich keine ahnung, wer dafür effektiv verantwortlich sein soll. derartige katastrophen sind tatsächlich sehr schockierend, nicht nur aus gesundheitlichen oder finanziellen gründen...
Redigel 02.07.2013
5. Dr.
Zitat von juergw.auch schon die eine oder andere Ariane Rakete mit wertvoller Fracht beim Start zerlegt.Die Sojus Rakete bringt eigendlich sehr zuverläßlich ihre Fracht zur ISS.Jetzt das große Drama daraus zu machen ....?Ist natürlich ärgerlich-versichert ?
Die Ariane 5 zerlegt sich allerdings bei weitem seltener... Ich glaube nicht, dass das an der Proton M selbst liegt, sondern an schlampigen Ingenieuren. Einfach mal die Starts (Fehlgeschlagen, Teilerfolg und Erfolg) miteinander vergleichen. Ca. jede 10. Proton explodiert. Bei der Ariane 5 war es zuletzt 2002 der Fall und davor war es nur der Erstflug 1996, der in die Hose ging.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.