Von Max Rauner
Hubbles Messungen waren damals allerdings noch sehr ungenau. Und von Autoritäten ließ sich Halton Arp noch nie beeindrucken. Schon als Kind ging er eigene Wege. Während die anderen in der Schule saßen, las er Philosophie-Bücher in der New Yorker Stadtbibliothek. Irgendwann schickten ihn seine Eltern auf eine Privatschule. Dort wurde er gerügt, als er einen Fehler im Mathematikbuch fand. "Ich begann zu begreifen, wie der Hase wirklich läuft", sagt Arp.
Er wurde zu einem, der Kontra gab.
In Harvard studierte Arp bei Harlow Shapley, dem Mann, der die Größe der Milchstraße vermessen hatte, und von dort ging er nach Los Angeles zu Edwin Hubble. Nachmittags trainierte er im Fechtklub, abends traf er sich mit den Künstlerfreunden seiner damaligen Frau. Er wollte beweisen, "dass Akademiker nicht so langweilige Leute sind".
Er mochte den Konkurrenzkampf in der Wissenschaft nicht, die Ellenbogenmentalität, den Neid. Statt ihre Ergebnisse zu dokumentieren, schrieben manche seiner Kollegen "Kleine grüne Männchen" ins Logbuch der Sternwarte. Sie wollten die Koordinaten neu entdeckter Galaxien vorerst für sich behalten. Manchmal wünschte sich Arp, in der Wissenschaft würde es zugehen wie beim Fechten. Man zieht den Degen, kämpft vor einem Schiedsrichter und sammelt Punkte. Wer am Ende die meisten hat, der hat gewonnen. Dann reicht man sich die Hand und geht auseinander.
Als seine Kollegen begannen, Galaxien in ein System einzuordnen, hielt Arp Ausschau nach untypischen Galaxien-Paaren. 1966 veröffentlichte er 338 Fotos in seinem Atlas of Peculiar Galaxies. Mit den Bildern wurde er berühmt - nicht jedoch mit ihrer Interpretation.
Die meisten Forscher sahen auf diesen Bildern kollidierende Galaxien. Arp dagegen glaubt bis heute, dass Galaxien aus anderen Galaxien geboren werden. Außerdem entdeckte er auf einigen Aufnahmen ungewöhnlich helle Objekte - sogenannte Quasare - neben gewöhnlichen Galaxien. Er behauptet, dass beide in unmittelbarer kosmischer Nachbarschaft liegen. Laut der Urknalltheorie liegen Quasare aber am Rand des sichtbaren Universums, und ihre scheinbaren Nachbarn befinden sich in Wirklichkeit Milliarden Lichtjahre näher an uns dran.
Das ist das Problem mit Arps Bildern: Sie liefern nur ein zweidimensionales Abbild des Himmels.
Die Position in der Tiefe des Raums erkennt man nicht. Vor allem braucht er eine Erklärung für die unterschiedliche Rotverschiebung der Sterne, das wichtigste Indiz für die Expansion des Weltalls. Arp hat so eine Erklärung, er behauptet, dass Atome im Laufe der Zeit immer schwerer werden und dadurch ihre Farbe verändern. Die Idee geht auf den indischen Theoretiker Jayant Narlikar zurück. Für die meisten Physiker ist sie so abwegig wie die Behauptung, die Sonne kreise um die Erde.
Im November 1981 bekam Halton Arp einen Brief des Dekans. Nach mehr als hundert Beobachtungsnächten habe sein Forschungsprojekt nicht die gewünschten Ergebnisse gebracht. Für diese Art der Forschung werde er keine Teleskopzeit mehr bekommen. Selbst andere Urknallgegner distanzierten sich von ihm.
"Er arbeitet eher wie ein Künstler", gab Margaret Burbidge zu Protokoll, eine anerkannte britische Astrophysikerin. "Niemand machte so schöne und direkte Aufnahmen wie er. Wir brauchten diese Bilder, aber seine physikalischen Argumente haben wir ignoriert. "
Die Fachzeitschrift Astronomy & Astrophysics bat ihn, keine Veröffentlichungen mehr einzureichen. Im Fechtklub konnte Arp die Streitereien vergessen. Aber auch dort änderten sich die Zeiten. Die neuen Degen waren weicher, und die Punkte wurden nun elektronisch gezählt, nicht mehr von Schiedsrichtern. Arp hörte auf, bevor er in der Rangliste wieder absteigen würde.
Hätte er die Urknalltheorie damals akzeptiert, wäre er heute einer von vielen.
So aber wurde er wenigstens zum Märtyrer der schrumpfenden Gemeinde von Urknallgegnern. "Er trägt das Kreuz des Spinnertums ", schrieben zwei von ihnen in einer Hommage. Fast täglich bekommt Arp E-Mails von Amateurkosmologen. "Mein Gott, die klingen wie ich", denkt er manchmal.
Warum tut er sich das an? Arp schweigt. Dann sagt er: "Ich war wohl schon immer aufseiten der Underdogs."
Als Rudolf Kippenhahn seinen Posten als Direktor des Max-Planck-Instituts räumte, baten einige Mitarbeiter den neuen Institutsdirektor Simon White, Arp rauszuwerfen. Er sei eine Blamage fürs Institut. White ignorierte sie, obwohl er Arps Thesen für Unsinn hält. "Halton Arp ist formal nicht Mitglied des Instituts", sagt White, "er bekommt kein Gehalt, er ist ein Gast. Es ist eine friedliche Koexistenz. Und wenn er etwas Interessantes findet, werde ich ihm zuhören."
Am nächsten Morgen fährt Halton Arp ins Institut. Junge Astrophysiker sind gerade auf Socken unterwegs in die Teepause, manche nicken ihm kurz zu, einer hilft ihm, den Projektor zu verkabeln.
"Ich rede mit ihnen nicht über Astronomie - es könnte ihre Karriere gefährden"
Am Max-Planck-Institut hat Arp inzwischen eine neue Theorie aufgestellt: eine Verschwörungstheorie. Die meisten Wissenschaftler seien intolerant, schrieb er schon 1998 in seinem Buch Seeing Red, sie seien autoritätsgläubig, würden die Ideale der Aufklärung verraten und anderslautende Meinungen unterdrücken. Im Jahr 2004 veröffentlichte er dann mit 33 anderen Wissenschaftlern und Hobbygelehrten einen offenen Brief. Die Urknallbefürworter würden sich gegenseitig Fördermittel zuschanzen und Kritiker mundtot machen, schrieben sie.
Braucht die Wissenschaft solche Leute? Es sei immer gut, für die Ideen von Außenseitern offen zu sein, sagt der Bielefelder Philosoph Martin Carrier. Aber: "Die Wissenschaft ist toleranter, als es oft aussieht. " Carrier erforscht Paradigmenwechsel in der Wissenschaft. In den sechziger Jahren, sagt er, seien Alternativen zur Urknalltheorie noch sehr offen diskutiert worden. "Aber wenn die Kritiker immer nur ihre alten Behauptungen wiederkäuen, ist es legitim, dass sie weniger Ressourcen bekommen." Sie könnten ja heute in den öffentlich zugänglichen Daten der Standardastronomie nach Beweisen suchen. Und sie müssten mal eine Vorhersage machen, die bestätigt wird, "das wäre ein toller Erfolg".
Arp startet seine Diaschau, die alles beweisen soll, aber doch nur neue Fragen aufwirft. Warum ignoriert er bis heute alle Indizien für die Urknalltheorie? Wie erklärt er die gleichförmige Mikrowellenstrahlung, die das gesamte Universum erfüllt, das Echo des Urknalls? Er könne all diese Argumente widerlegen, sagt Arp. Mit einem Kollegen wollte er immer "30 Gründe, warum die Urknalltheorie falsch ist", publizieren. Der Kollege ist vor Kurzem gestorben.
Man könnte Mitleid bekommen, aber Halton Arp ist keine tragische Figur. "Es macht ihm Spaß, querzuschießen", sagt der Kosmologe Gerhard Börner, der mittwochs mit Halton Arp Seniorentennis spielt. Arp sagt: "Ich hatte ein erfülltes Leben."
Bei der Fechtweltmeisterschaft damals in Paris wurde Arp in der Vorrunde besiegt und musste ausscheiden. Am Abend nach dem Turnier traf er im Fechtklub den Weltmeister, einen Franzosen. Er forderte ihn heraus, nur so zum Spaß. Sie gingen auf den Laufsteg und fochten ein Match. Arp verlor. Sie gaben sich die Hand, und alles war gut.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Weltall | RSS |
| alles zum Thema Urknall | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH