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Kuriose Theorie: Verkehrte Welt

Von Bernd Flessner

2. Teil: Ein Riesenlineal soll messen, ob die Erdkrümmung konvex oder konkav ist

Digitale Weltkarte: Sonne, Mond und Planeten sind nicht real - sondern nur Reflexionen Zur Großansicht
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Digitale Weltkarte: Sonne, Mond und Planeten sind nicht real - sondern nur Reflexionen

Auf einer Missionsreise nach Chicago lernt Teed den aus Kentucky stammenden Verleger, Erfinder und Landvermesser Ulysses Grant Morrow (1864-1950) kennen, der sich mit einem fragwürdigen Professorentitel schmückt. Beide Männer finden sich auf Anhieb sympathisch. Morrow ist schon lange auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und neuen Perspektiven. Die Idee einer hohlen, zellförmig strukturierten Welt begeistert ihn spontan, und er tritt umgehend der Koreshan Unity bei.

Teed ist ebenfalls angetan von dem neuen Mitglied, denn Morrow hat in Chicago Naturwissenschaften studiert und sieht sich in der Lage, für Teeds Weltbild mithilfe eines wissenschaftlichen Experiments einen eindeutigen Beweis zu liefern. Und den braucht Teed dringender denn je. Zum einen macht sich die Presse hier und da über seine kleine Sekte lustig, andererseits keimen auch bei seinen Anhängern immer wieder Zweifel am zellularen Kosmos auf. Ein experimenteller Beweis soll endlich Klarheit schaffen.

Um einen solchen hatte sich auch Teed schon bemüht, war aber kläglich gescheitert, da er ausschließlich optische Methoden eingesetzt hatte. Kritiker konnten daher die Resultate seiner Fernrohrexperimente mühelos als atmosphärische Phänomene und optische Täuschungen entlarven. Morrow schlägt ihm nach reiflicher Überlegung ein Experiment vor, bei dem die angenommene Krümmung der Lichtstrahlen keine Rolle spielt. Es soll ganz ohne Fernrohre, Sextanten und andere optische Hilfsmittel auskommen.

Das Ziel der wandernden Messlatte ist das Meer

Er besinnt sich seiner Kenntnisse der Geodäsie und entwirft ein gigantisches Lineal, mit dem sich mechanisch eine Horizontale herstellen lässt. Morrow will die Erdkrümmung vermessen, wie dies noch nie zuvor geschehen ist, weil bislang niemand diese Art von Vermessung für nötig befunden hat. Und dafür braucht er das Meer. Denn im Gegensatz zu einer Landschaft weist es, zumindest bei Windstille, weder Erhebungen noch Senken auf, die Oberfläche folgt präzise der Erdkrümmung, sei sie nun konvex oder konkav. Das aufwendige Unterfangen erhält den Namen "Koreshan Geodetic Survey".

Morrow lässt sein Lineal bei der Pullman Railroad Car Company in Chicago bauen. Es besteht aus vier 3,64 Meter langen Segmenten aus Mahagoni, die an beiden Enden einen Querbalken tragen. Diese T-förmigen Abschlüsse bilden einen rechten Winkel und sollen für eine exakte Verbindung der Segmente sorgen, die auf jeweils zwei Ständern fixiert werden. Zusätzlich werden die Segmente durch ein Kreuz aus Stahlstangen in Form gehalten. Jedes Segment kann durch Verstellschrauben an den Ständern millimetergenau justiert werden.

Das Riesenlineal, von Morrow "Rectilineator", Gradstreckenverleger, genannt, ist also insgesamt 14,56 Meter lang. Für die genaue horizontale Ausrichtung verwendet Morrow mehrere Wasserwaagen, von denen er die größte selbst entworfen hat. Gerne hätte er auf die Unterteilung in vier Segmente verzichtet, doch ist dies technisch nicht durchführbar. Auch eine insgesamt längere Konstruktion kommt aus technischen und wohl auch finanziellen Gründen nicht infrage. Um das außergewöhnliche Experiment durchzuführen, bleibt also Morrow nichts anderes übrig, als seinen Gradstreckenverleger kontinuierlich zu verlängern.

Sind alle vier Segmente ausgerichtet, lässt er das hintere Segment abbauen und an das vordere als Verlängerung wieder ansetzen. Wie eine langsame Raupe bewegt sich die skurrile Apparatur im Frühjahr 1897 von Ost nach West über den Strand von Naples. Monatelang schaufeln Teeds Anhänger Sand aus dem Weg und stellen die Ständer immer wieder neu auf, während Morrow die Segmente mit seinen Wasserwaagen ausrichtet.

Das Ziel der wandernden Messlatte ist das Meer. Verkleinert sich der Winkel in Relation zum Meeresspiegel, ist die Erde konkav - und die Hohlwelttheorie damit bewiesen. Alle 200 Meter misst Morrow die Distanz zwischen seinem Instrument und dem Meeresspiegel, wobei er natürlich den Tidenhub berücksichtigt. Bis zum Anfang Mai 1897 werden die Segmente 1045 Mal neu aufgestellt und justiert. Nach 3,8 Kilometern ist das Meer erreicht. Mit Booten überbrückt Morrow noch eine kurze Distanz, dann ist Schluss.

Das Experiment gerät zu einer Art sich selbst erfüllenden Prophezeiung

Das Ergebnis steht ohnehin schon fest: Das Auftreffen der Messlatte auf die Wasseroberfläche ist absehbar. Teeds himmelszentrisches Weltbild muss stimmen. Das Meer erhebt sich über uns, anstatt auf der Erdkugel hinter dem Horizont zu verschwinden. Teeds und Morrow jubeln.

Für eine wissenschaftliche Revolution sorgt das Experiment dennoch nicht. Gleich mehrere Einwände sprechen nämlich gegen den von Morrow und Teed proklamierten Erfolg der Messung. So gibt es keine fachkundigen externen Zeugen, die den Ablauf kontrolliert haben, lediglich Morrows Tabelle mit den Messdaten liegt als Beweis vor.

Außerdem weist der Gradstreckenverleger zahlreiche Mängel auf. Holz und Metall waren monatelang der salzigen Luft des Meeres ausgesetzt, sodass eine Verformung auf Dauer nicht zu verhindern war. Eine Schwachstelle ist auch das 1045-malige Umsetzen und Ausrichten der Segmente, bei dem sich kleinste Abweichungen im Millimeterbereich zu großen Fehlern summieren.

Ein weiterer Punkt ist die feste Überzeugung aller Beteiligten, zu keinem anderen als dem lang ersehnten Ergebnis zu kommen. So gerät das einmalige Experiment zu einer Art sich selbst erfüllenden Prophezeiung ohne tatsächliche Relevanz.

Dennoch verschwinden Teeds Weltbild und Morrows Messung nicht aus den Geschichtsbüchern, sondern tauchen in deutschen Werken wieder auf. Gleich vier Autoren, nämlich Karl Neupert, Johannes Lang, Peter Bender und Fritz Braun, veröffentlichen bis in die dreißiger Jahre hinein Bücher über das himmelszentrische Weltbild, nun auch Hohlwelt- oder Innenwelttheorie genannt. Wie Teed bringen auch sie vor allem religiöse Motive vor.

Obwohl zumindest Langs Buch "Das neue Weltbild" (1933) populär wird, stoßen die Werke bei Physikern und Astronomen auf strikte Ablehnung. Auch die Nationalsozialisten haben kein Interesse. Lang und Bender landen sogar im Konzentrationslager, da ihre Ansichten den Nazis höchst suspekt sind. Den Grund erfährt man in Robert Henselings 1939 erschienenem Buch "Umstrittenes Weltbild". Der Autor, damals Vorbild für viele Astronomen, verweist darauf, dass die Innenwelttheorie eine "ausländische Vorläuferschaft" habe und eine "amerikanische Einfuhr" sei. Das widerlegt zwar nicht Teeds Weltbild, genügt jedoch den Nazis, es von vornherein abzulehnen.

Eine kleine Anhängerschaft hält bis heute an der Theorie fest. Ihre Plattform indes ist ein Universum, in dem auch noch ganz andere Weltbilder zu finden sind: das Internet.

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Die Zeitschrift der Meere
Heft No.76, Oktober 2009
Bretagne

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Der Autor

Bernd Flessner, Jahrgang 1957, aus Uehlfeld kennt die Innenwelttheorie seit seiner Kindheit. Sein Großvater, seinerzeit Physiker in Göttingen, hatte ihm ein Buch über kuriose Weltbilder zum Lesen gegeben. "Die Vorstellung, auf der Innenseite einer Hohlkugel zu leben, hat mich besonders fasziniert."


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