Landung auf Saturn-Mond "Huygens" im Titan-Anflug

319 Kilogramm Hightech stürzen heute durch eine Stickstoff-Methan-Atmosphäre des Saturn-Monds Titan, um auf steinhartem Eis zu landen oder in einem See aus Kohlenwasserstoffen zu versinken. Die Esa-Forscher fiebern den ersten Funksignalen der Sonde "Huygens" entgegen.


"Huygens" auf Titan: So stellen sich die Esa-Experten die Landung vor
ESA

"Huygens" auf Titan: So stellen sich die Esa-Experten die Landung vor

Vor sieben Jahren begann die "Huygens"-Reise. Die Esa-Sonde wurde Huckpack mit dem Nasa-Forschungssatelliten "Cassini" ins All geschossen. Vor zwei Wochen ging das gemeinsame Abenteuer zu Ende. "Huygens" trennte sich von "Cassini" und begann ihren Sturzflug auf die Titan-Oberfläche.

Heute um 6:51 Uhr mitteleuropäischer Zeit klingelte für "Huygens" der Wecker, die Systeme an Bord wurden hochgefahren. Bis 11.13 Uhr musste alles bereit sein, denn dann erreicht das Modul in etwa 1270 Kilometern Höhe über der Oberfläche die Atmosphäre Titans. Dann wird die Sonde nach Esa-Angaben noch etwa 18.000 Kilometer pro Stunde schnell sein. Ein Hitzeschild wird die einem übergroßen Wok ähnelnde Sonde auf rund 1400 Stundenkilometer abbremsen. Insgesamt drei Fallschirme sollen den Anflug der Sonde schrittweise auf nur noch 20 Stundenkilometer verlangsamen.

Um 11.18 Uhr sollte "Huygens" die ersten Daten an "Cassini" funken. Verschiedene Sensoren untersuchen die Zusammensetzung der Atmosphäre. Druck, Temperatur, elektrische Ladung, Winde - all das nimmt "Huygens" unter die Lupe. Ein Mikrofon zeichnet sogar Geräusche auf.

Titanoberfläche: Die Kreise markieren Gebiete, die "Huygens" fotografieren wird. Auf dem gelben Punkt landet die Sonde
NASA/ JPL/ SSI

Titanoberfläche: Die Kreise markieren Gebiete, die "Huygens" fotografieren wird. Auf dem gelben Punkt landet die Sonde

Um 12.57 Uhr müsste ein Gas-Chromatograf und Massenspektrometer seine Arbeit aufnehmen. Das Kombi-Gerät misst die Anteile von Stickstoff und Methan in der Titan-Luft. Auch sucht es nach Kohlenwasserstoffen und bisher auf Titan unvermutete Verbindungen. Um 13.30 Uhr fällt das erste Licht auf die Oberfläche des Mondes. "Huygens" schaltet einen Scheinwerfer ein und schießt Fotos. Vier Minuten später prallt die Sonde mit kalkulierten 20 Stundenkilometern auf die Titan-Oberfläche.

Die Landung dürfte der spannendste Moment der Mission werden. Denn noch wissen die Astronomen nicht, was "Huygens" am Grund erwartet. Eventuell fällt der Forschungsroboter in einen See aus flüssigen Kohlenwasserstoffen. Das wäre für die Wissenschaftler der Idealfall. Wenn am Boden Eis oder Gestein lauern, besteht die Gefahr, dass "Huygens" zerschellt. Die Sonde ist so konstruiert, dass sie noch mindestens drei Minuten auf der Oberfläche überleben kann, um Daten zu sammeln.

Esa-Kontrollzentrum ESOC in Darmstadt: Hier warten die Astronomen gespannt auf Daten von "Huygens"
ESA

Esa-Kontrollzentrum ESOC in Darmstadt: Hier warten die Astronomen gespannt auf Daten von "Huygens"

Sowohl die Zusammensetzung der Titan-Atmosphäre als auch die Möglichkeit von Kohlenwasserstoff-Seen auf der Oberfläche fasziniert die Astronomen. "In frühen Jahren gab es auf der Erde (derartige) organische Verbindungen und es passierte etwas - und aus diesen Molekülen entstand Leben", erklärt der an der Mission beteiligte Forscher Jonathan Lunine.

Schon im vergangenen Oktober hat "Cassini" für Aufregung unter Titan-Fans gesorgt. Damals, noch mit der schlafenden "Huygens"-Sonde auf dem Rücken, näherte sich "Cassini" dem Saturn-Mond bis auf 1200 Kilometer und schoss spektakuläre Bilder. Erstmals waren Oberflächenstrukturen und eine Methanwolke über dem Südpol zu erkennen. Auch Indizien für die Seen aus Methan und Ethan wurden mit Radarabtastungen entdeckt. Erdfernrohre waren bisher immer an dem orangefarbenen Smog in Titans Atmosphäre gescheitert. Auch die Voyager-Missionen in den siebziger Jahren konnten den Smog nicht durchdringen.

Falls "Huygens" den Aufprall übersteht, wird die über Titan schwebende Cassini-Sonde noch bis 15.44 Uhr nach Signalen von der Oberfläche suchen. Dann verschwindet "Cassini" hinter dem Horizont und "Huygens" bleibt allein auf dem eisigen Mond zurück. "Cassini" dreht dann seine Antennen in Richtung Erde und sendet ab 16.14 Uhr die von "Huygens" gesammelten Daten ab. 67 Minuten später, 17.21 Uhr, erreichen sie unseren Planeten. Dann hat "Huygens" längst seine Energiereserven aufgebraucht und friert auf der Oberfläche ein oder versinkt im Kohlenwasserstoff-Meer. 20.30 Uhr sollen erste Schwarz-Weiß-Bilder vom Saturnmond Titan vorliegen.

In Europas Weltraumbehörde Esa hofft man auf ein Gelingen der heiklen Mission. Mit "Beagle 2", dem europäischen Mars-Lander, erlebten die Wissenschaftler vor einem Jahr einen Misserfolg. Die Sonde koppelte erfolgreich von ihrem Mutterschiff "Mars Express" ab - und verschwand auf nimmer Wiedersehen. Warum sich der Landeapparat nicht meldete, konnte bis heute nicht geklärt werden.

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