Langer Schlag im All Golfball soll Erde 48-mal umrunden

So weit ist noch kein Golfball geflogen: 48 Mal soll er die Erde umkreisen. Der Kosmonauten Michail Tjurin schlug den Ball von der Internationalen Raumstation aus ab - auf eine wahrscheinlich dreitägige Reise. Die Nasa hatte die Aktion erst aus Sicherheitsgründen verboten.


Houston - Um 01.57 Uhr mitteleuropäischer Zeit schlug Michail Tjurin mit seinem vergoldeten Schläger, einem Eisen der Stärke 6, zu. Die Kameras der US-Raumfahrtbehörde Nasa übertrugen den einhändig ausgeführten Schlag live, auch wenn der Ball in dem Video praktisch nicht zu erkennen ist. "Und los geht's", kommentierte Tjurin seine historische Tat. Sein Abschlag war dabei nach Einschätzung von Golf-Experten wenig elegant.

Tjurin und sein US-Kollege Michael Lopez-Alegria als Assistent kämpften während ihres Einsatzes mit ihren schwerfälligen Raumanzügen und gaben kein sehr graziöses Bild ab. "Pass auf, dass Du nicht Michael triffst", forderte die russische Bodenkontrolle Tjurin auf, als er sich für seinen Abschlag vorbereitete. Dieser wiederum klagte, ihm drifteten die Beine weg. Sein Kollege musste deshalb Tjurins Füße festhalten.

Etwa drei Tage wird der Flug des Golfballs dauern: Das wird der längste Abschlag aller Zeiten. Der Werbegag eines kanadischen Golfausstatters, soll dem klammen russischen Raumfahrtprogramm Geld in die Kasse und dem kanadischen Unternehmen weltweite Aufmerksamkeit bringen. Wie viel genau die Aktion gekostet hat, blieb geheim.

16 Minuten brauchte Tjurin nach Angaben der Nasa, um in seinem dicken Raumanzug den Golfball auf dem russischen Andockmodul zu platzieren und dann abzuschlagen. "Das war ziemlich weit", sagte er, als der Ball in den Weiten des Alls verschwand. "Ein exzellenter Schlag", fand zumindest er.

Einlochen extrem unwahrscheinlich

Der extraleichte Golfball, er ist 15-Mal leichter als ein echter, wird nach Einschätzung von Experten etwa 48-mal die Erde umrunden. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass er letztendlich auf einem Golfplatz auf der Erde in einem Loch landen wird. Vorher wird er in der Atmosphäre verglühen.

Für das Golfspiel im Orbit galten strenge Regeln. Die Nasa hatte die Aktion sogar ursprünglich verboten, schließlich rasen ISS und damit auch der Golfball mit rund acht Kilometern pro Sekunde um die Erde. Experten fürchteten, der Ball könne die ISS gefährden. Doch schließlich wurde die Werbeaktion doch genehmigt - unter der Bedingung, dass der Ball entgegen der Flugrichtung der Raumstation ISS geschlagen wird. Dadurch wurde sichergestellt, dass der Ball nach und nach in niedrigere Umlaufbahnen sinkt, bis er schließlich in die Atmosphäre eintaucht und verglüht.

Durch den Abschlag entgegen der ISS-Flugrichtung verringerte sich die Umlaufgeschwindigkeit des Balls minimal - sein Schicksal war so besiegelt. Denn ein Körper bleibt nur dann in einer Umlaufbahn um die Erde, wenn Fliehkraft und Gravitationskraft sich genau aufheben. Dieses physikalische Gesetz gilt nicht nur für tonnenschwere Raumstationen oder Space Shuttles, sondern auch für drei Gramm leichte Bälle. Für den Golfball hielten sich Flieh- und Gravitationskraft die Waage, solange er sich gemeinsam mit der ISS bewegte.

Nach dem Schlag sank die auf ihn wirkende Fliehkraft, während die Gravitationskraft der Erde sich nicht veränderte. Folge: Die Flughöhe des Balls sank. Minimale Reibung wird seine Geschwindigkeit in den nächsten Stunden zusätzlich vermindern - und somit auch die Flughöhe. Gleichzeitig steigt mit sinkender Höhe die Gravitationskraft - ein Teufelskreis, der letztendlich zum Verglühen des Balls führt.

Tjurin ist bereits der zweite "Golfspieler" im All. Vor 35 Jahren spielte der US-Astronaut Alan Shepard von "Apollo 14" auf dem Mond erstmals Golf. Am 6. Februar 1971 verfehlte Shepard gar den ersten Ball. "Habe mehr Dreck als Ball erwischt", berichtete Shepard zur Erde. Und beim nächsten Schlag staunte der Golfer: Der Ball fliege "Meilen und Meilen und Meilen".

Schlag gelungen, Antenne nicht repariert

Der fast sechsstündige Außeneinsatz Tjurins und seines US-Kollegen Michael Lopez-Alegria diente allerdings hauptsächlich Reparatur- und Installationsarbeiten. So versuchten sie, eine Antenne am russischen Raumtransporter freizubekommen, die sich nicht einfahren ließ. Die Aktion blieb allerdings erfolglos und soll bei einem weiteren Außeneinsatz wiederholt werden. Die ausgefahrene Antenne des Raumtransporters könnte der ISS beim Abdocken von der Raumstation gefährlich werden.

Die beiden Weltraum-Arbeiter richteten außerdem eine andere Antenne neu aus. Sie soll der Kommunikation mit einem unbemannten Versorgungsschiff der europäischen Raumfahrtagentur Esa dienen, das Mitte des nächsten Jahres andocken soll. Daneben installierten die Astronauten ein Gerät zum Studium von geladenen und ungeladenen Elementarteilchen unter dem Einfluss des Sonnenwindes.

hda/AFP/dpa/rtr



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