Leitbild: Nasa will Erde nicht mehr verstehen

Die Nasa hat stillschweigend einen ihrer Kernsätze gestrichen: Die Erde zu schützen und zu verstehen. Jetzt passe das Leitbild besser zu den Mond- und Mars-Plänen von US-Präsident Bush, glaubt Nasa-Chef Griffin. Forscher der Raumfahrtbehörde vermuten eher umweltpolitische Motive.

"Unseren Heimatplaneten zu verstehen und zu beschützen; das Universum zu erkunden und nach Leben zu suchen; eine neue Generation Entdecker zu begeistern … wie nur die Nasa es kann" - was der Vorspann von "Raumschiff Enterprise" sein könnte, war in Wirklichkeit das Leitbild der Nasa. "Mission Statement" wird so etwas in Amerika genannt.

Heimatplanet: Die Erde zu verstehen und zu schützen aus dem Nasa-Leitbild gestrichen
REUTERS

Heimatplanet: Die Erde zu verstehen und zu schützen aus dem Nasa-Leitbild gestrichen

Nun ist das Leitbild der US-Raumfahrtbehörde zum Politikum geworden - weil plötzlich die Erde fehlt. Denn in den Haushaltsunterlagen dieses Jahres ist bloß noch davon die Rede, "der Zukunft der Weltall-Erkundung, wissenschaftlichen Entdeckungen und der Flugtechnik den Weg zu bahnen". Gegenüber der "New York Times" bestätigte Nasa-Sprecher David Steitz die Änderung des Mottos. Ziel sei es gewesen, das Leitbild an die Pläne von US-Präsident Bush für künftige bemannte Flüge zum Mond und zum Mars anzugleichen. Obwohl die neue Phrase die schon im Februar zum Kongress geschickten Budget-Unterlagen schmückt, ist den Nasa-Mitarbeitern die Veränderung erst jetzt aufgefallen. Interne Beratungen - etwa mit Wissenschaftlern oder Mitarbeiter-Vertretern - hat es nicht gegeben. Nasa-Sprecher Steitz räumte ein, die Behörde müsse ihre interne Kommunikation vielleicht verbessern.

Klimapolitik der wahre Grund?

Nasa-Wissenschaftler sehen ein ganz anderes Defizit. James Hansen, Leiter des Goddard Institute for Space Studies, vermutete hinter der Änderung den Eifer des Weißen Hauses, den Fokus der Arbeit von der Klimaerwärmung weg zu lenken. Hansen hatte im Winter mit Berichten über politische Einflussnahme bei Klimathemen für Aufsehen gesorgt. Er hatte sich dabei stets auf die Aufgabe im Nasa-Leitsatz, "unseren Heimatplaneten zu verstehen und zu beschützen", berufen.

"Die machen ganz klar, dass sie für so eine Veränderung über die nötige Autorität verfügen", sagte Hansen der "New York Times": "Dass der Präsident der Nasa die Richtung vorgibt, und dass sie es vorziehen, wenn die Nasa an etwas arbeitet, was ihnen weniger Probleme macht."

Anderen Wissenschaftler der Raumfahrtbehörde befürchten ganz praktische Probleme: "Wir beziehen uns in jedem Forschungsantrag, in jeder Strategiesitzung auf die Leitlinien", sagte der Atmosphärenchemiker Philip Russell, ein Nasa-Vetaran des Ames Research Center mit 25 Jahren Erfahrung. Der leicht verständliche Auftrag im Mission Statement habe es einfach gemacht, wissenschaftliche Erdbeobachtungsmissionen zu begründen.

Einschnitt im Wissenschaftsbudget

Klagen von Forschern über Einschnitte bei der Grundlagenforschung und in der Atmosphärenerkundung sind nichts Neues bei der Nasa. Seit US-Präsident Bush 2004 seinen Plan verkündete, Amerikaner zurück auf den Mond und danach zum Mars zu bringen, wurden Mittel weg von Forschungsprojekten hin zu Programmen für die bemannte Raumfahrt verlagert.

Die nun vermisste Zeile über Verstehen und Schutz der Erde steht seit 2002 in den Nasa-Leitlinien. Der damalige - auch schon von der Bush-Regierung ernannte - Direktor Sean O'Keefe hatte das Motto in offenen Beratungen mit den 19.000 Forschern und Mitarbeitern der Raumfahrtbehörde erarbeiten lassen. Bei deren Gründung der Nasa im Jahr 1958 benannte der National Aeronautics and Space Act als oberste Aufgabe der künftigen Behörde "die Erweiterung menschlichen Wissens über die Erde und über Phänomene in der Atmosphäre und im Weltall."

Kritik am neuen, leichtgewichtigen Leitbild widersprach Nasa-Sprecher Steitz. Strategische Planungen würden von der Führung getroffen und nach unten weitergereicht. Die Art, wie das Nasa-Motto geändert worden sei, spiegele den Management-Stil von Michael Griffin wider. "Ich glaube nicht, dass es da bösen Willen oder den Gedanken an einen Ausschluss gegeben hat."

stx

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