Letzte Space-Shuttle-Mission Nasa-Land kehrt zurück aus der Zukunft

Final Countdown für Floridas weltberühmte "Space Coast": Der Start der "Atlantis" markiert nicht nur das Ende der Space-Shuttle-Ära, sondern bedeutet auch den Abstieg für eine ganze Region: Mit einer letzten großen Party verabschieden sich die Bewohner vom goldenen Nasa-Zeitalter.

Aus Cape Canaveral berichten und


Dave Spain hat hier schon so ziemlich alles miterlebt. Seit 1972 lebt er in Cocoa Beach, er hat das Ende der "Apollo"-Jahre durchgemacht und die bösen Flautejahre danach. Später dann die Explosion des Space Shuttles "Challenger" und das Verglühen der "Columbia", jene zwei Tragödien, die schließlich zum jetzigen Abschied geführt haben - dem allerletzten Shuttle-Start.

"Jedes Aus ist auch ein Anfang", sagt der 63-Jährige, als wolle er die Melancholie dieser Tage mit Plattitüden kaschieren. Man habe schon Schlimmeres überstanden. "Dies ist nicht das Ende der Welt."

Auf jeden Fall aber das Ende einer Ära. An diesem Freitag um 11.26 Uhr Ortszeit (17.26 Uhr mitteleuropäischer Zeit) soll die "Atlantis" von Rampe 39A des Kennedy Space Centers (KSC) in Cape Canaveral abheben. Mit der finalen Mission STS-135 stirbt nicht nur Amerikas Shuttle-Programm - sondern ein gutes Stück der "Space Coast", wie sich diese Gegend nennt, die seit den "Apollo"-Zeiten von der US-Raumfahrtbehörde Nasa lebt.

Spain weiß das besser als manch anderer. Seit fast 40 Jahren leitet er das Comfort Inn in Cocoa Beach, ein pastellfarbenes Hotel mit 170 Zimmern, erst als Manager, heute als Besitzer. Die Gäste kommen und gehen, je nach Saison - und nach dem Startplan des KSC.

Auch an diesem Wochenende ist das Comfort Inn wieder ausgebucht, wie alle Hotels im Umkreis von 100 Kilometern. Denn mehr als eine Million Menschen werden erwartet, um den letzten Countdown live mitzuerleben - falls die jüngsten Unwetter nicht im letzten Moment doch noch buchstäblich dazwischenfunken.

Früher diente das Comfort Inn als VIP-Zentrum für alle Shuttle-Missionen. Damals durfte Spain "Stars und Starlets" bewirten, bevor die Nasa sie zum KSC karrte. Inzwischen betreut die Nasa ihre Promis hausintern, und Spains Hotel ist nur noch eine gepflegte Touristenabsteige.

Doch wie sehr Spain bis heute am Shuttle hängt, zeigt schon sein Büro: Zwischen Briefbeschwerern, Bronzestatuetten und Gartenzwergen finden sich überall Nasa-Memorabilia. "Ich erwarte, dass dieser Herbst sehr trübe wird", seufzt Spain, beharrt aber zugleich: "Die Nasa wird hier weiter eine große Rolle spielen."

Dass dahinter wohl vor allem Wunschdenken steckt, räumen selbst Insider ein. Etwa Virginia Barnes, die Vorstandschefin der United Space Alliance (USA), einer gemeinsamen Tochter von Boeing und Lockheed, an die die Nasa den Shuttle-Betrieb schon Mitte der neunziger Jahre ausgelagert hat. "Die Zeiten sind sehr frustrierend, sehr unsicher", sagt Barnes im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Denn nicht nur 7500 Nasa-Mitarbeiter werden hier insgesamt ihren Job verlieren. Experten befürchten, dass das Ende des Shuttles die Region bis zu 15.000 Arbeitsplätze kosten könnte - Gastronomie, Einzelhandel, Service. Autohändler machen dicht, Zulieferer gehen pleite, und der ohnehin angeschlagene Immobilienmarkt kollabiert erneut, weil die Nasa-Zwangsrentner wegziehen.

Expertise verschwindet

Schon jetzt liegt die Arbeitslosenquote des Bezirks Brevard bei 10,8 Prozent, weit höher als der Landesdurchschnitt. Pessimisten prophezeien bald eine Rekord-Quote von bis zu 20 Prozent. "Es ist unglaublich schwer, all diese Leute zu verabschieden, die ihr ganzes Leben am Shuttle-Programm gearbeitet haben, die echte Ikonen auf ihrem Gebiet sind", sagt Barnes. So werden am KSC bis Ende August allein bis zu 1950 USA-Mitarbeiter ihre Jobs loswerden.

Mit ihnen verschwindet viel Expertise, vielleicht sogar unwiderruflich. "Manche Fähigkeiten sind durch 30 Jahre Praxis entstanden", sagt Barnes. "Wir können es uns nicht erlauben, dieses Fachwissen einfach verloren gehen zu lassen." Denn aller Wahrscheinlichkeit nach werde es in einigen Jahren wieder gebraucht.

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Space Shuttles: Letzter Vorhang für die Raumfähren
Doch nach einer letzten, gigantischen Party zum Shuttle-Schluss kommt erst mal der Kater. "Nächste Woche werden wir ernüchtert aufwachen", weiß Rob Varley, der gemütliche Tourismuschef der "Space Coast". Nach Varleys Rechnung wird die Region durchs Ende der Shuttle-Missionen nächstes Jahr rund 100 Millionen Dollar an wirtschaftlichem Input verlieren.

Es ist der finale Countdown für einen Landstrich, der nicht umsonst die Telefon-Vorwahl 321 hat. Der Abzug der Shuttles trifft vor allem Cocoa Beach und Titusville. Der Raumfahrtboom der sechziger Jahre machte Titusville zum schnellstwachsenden Ort der USA - und die "Space Coast" weltweit zum Begriff.

Nach dem Ende des "Apollo"-Programms war Titusville schon einmal zur Geisterstadt geworden, erholte sich dank des Shuttles aber schnell. Die Zahl der Hotelzimmer hat sich seither verdreifacht, die Zahl der Eigentumswohnungen wuchs noch rasanter. Für beide besteht bald wohl kaum mehr Bedarf.

Der Shuttle-Zeitplan bestimmte den Lebensrhythmus

Der Shuttle-Zeitplan bestimmte den Lebensrhythmus ganzer Generationen, was jetzt kommt, weiß keiner so recht. Der Privatbetreiber USA erwog ursprünglich, den Shuttle selbst weiterzubetreiben, um zweimal im Jahr kommerzielle Touren ins All anzubieten. Vor zwei Monaten aber, sagt Barnes, sei man zu der Überzeugung gelangt, dass es dafür zu wenig politische und finanzielle Unterstützung gebe.

Trotzdem spricht die Raumfahrt-Managerin von einem "stabilen Geschäft", mit dem die nächsten drei bis fünf Jahre immerhin die verbliebenen Arbeitsplätze sicher seien. Einerseits betreiben die USA auch die Internationale Raumstation (ISS) und sollen für die Nasa an der neuen Raumkapsel "Orion" arbeiten. Andererseits arbeiten die Experten mit privaten Raumfahrtfirmen wie SpaceX zusammen, die im Nasa-Auftrag bemannte Raumfahrtprojekte entwickeln.

SpaceX ist hier in aller Munde. Mit wem man auch über das Ende der Shuttle-Zeit plaudert - der Privatkonzern gilt als größte Hoffnung der "Space Coast". "Wir freuen uns auf dieses nächste Kapitel", sagt Brevard-Bezirksmanager Howard Tripton, der in seinem Vorzimmer eine Sandskulptur eines Space Shuttles stehen hat.

Vorher aber wird es noch einen letzten, bittersüßen Abschied geben. Hotelbesitzer Dave Spain will den "Atlantis"-Start am Strand beobachten. "Wir haben das Ende von 'Apollo' überlebt", sagt er. "Wir haben 'Challenger' und 'Columbia' überlebt. Wir werden auch das überleben."

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Seite 1
eikfier 08.07.2011
1. ...jedes Ende birgt auch die Chance eines Neuanfanges
Zitat von sysopFinal Countdown für Floridas weltberühmte "Space Coast":*Der Start der "Atlantis"*markiert nicht nur das Ende*der Space-Shuttle-Ära, sondern*bedeutet*auch den Abstieg*für eine*ganze Region: Mit einer letzten großen Party*verabschieden sich*die Bewohner vom goldenen Nasa-Zeitalter. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,773143,00.html
...Not macht bekanntlich erfinderisch! Warum sollte sich nicht Esa und Russen in Florida privat einmieten, denn beide starten doch bisher bekanntlich auf fremden Ex-Kolonial-Territorium, das ist doch aber auch nichts für die Dauer, fand ich schon immer und nun müßte das ganze noch echt partnerschaftlich ablaufen und als gewissermaßen Staatenbund, besser noch Bundesstaat der Raumfahrt aufgezogen werden mit Politik außenvor, mit umlaufend wechselnder Chefposition z.B.... Spinnereien? Ja, vielleicht? Leider sogar wahrscheinlich, denn Engstirnigkeit war schon immer eine hervorstechende Eigenschaft von uns Menschen, finde ich.
watnulos 08.07.2011
2. Ohne Deutsche
Technik und Wernher von Braun wären die Amis doch heute noch nicht auf dem Mond. Blickt man auf die zahlreichen Fehlentscheidungen und Fehlkonstruktionen zurück,sieht man wie unfähig die gesamte NASA war und ist.
toledo, 08.07.2011
3. ...
Glücklicherweise habe ich das Kennedy Space Center in den 90er Jahren 2x besucht. Künftig werde ich jedoch auch als Kunde ausfallen, da ich mir die rigiden Einreiseprodzeduren der USA, die einen unterschiedslos zum Verdächtigen machen, nicht mehr bieten lasse. Eintrittsgebühr wie seinerzeit in der DDR, Rauchverbot allerorten, die entwürdigende Behandlung durch gottgleiche TSA Angestellte, elektronische Ausspionierung etc... USA? Nein, danke! Vorläufig nicht!
stacheldraht07 08.07.2011
4. Guyana
Zitat von eikfier...Not macht bekanntlich erfinderisch! Warum sollte sich nicht Esa und Russen in Florida privat einmieten, denn beide starten doch bisher bekanntlich auf fremden Ex-Kolonial-Territorium, das ist doch aber auch nichts für die Dauer, fand ich schon immer und nun müßte das ganze noch echt partnerschaftlich ablaufen und als gewissermaßen Staatenbund, besser noch Bundesstaat der Raumfahrt aufgezogen werden mit Politik außenvor, mit umlaufend wechselnder Chefposition z.B.... Spinnereien? Ja, vielleicht? Leider sogar wahrscheinlich, denn Engstirnigkeit war schon immer eine hervorstechende Eigenschaft von uns Menschen, finde ich.
Französisch-Guyana ist eine Region Frankreichs und keine Ex-Kolonie. Abgesehen davon liegt es näher am Äquator als Florida und der Raketenstart spart durch diese Äquatornähe erhebliche Mengen Treibstoff.
stiip 08.07.2011
5. Affenbrotbaum
Vor einer Million Jahren kletterte eine mutige Menschenäffin vom Affenbrotbaum, überquerte ein paar Meter Savanne, pflückte einige Früchte vom nächsten Strauch und kehrte klopfenden Herzens zurück. Die anderen Affen beobachteten das und schüttelten die Köpfe. Viel zu gefährlich, viel zu teuer, sagten sie. Lasst uns lieber weiter einander die Köpfe einschlagen. Und sie hinderten die Äffin daran, noch einmal den Affenbrotbaum zu verlassen. A small cut in the national budget, a giant setback for mankind.
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