Asteroiden-Bergbau Luxemburg will führende Weltraumnation werden

Ein kleines Land im Herzen Europas will erste Adresse für den Abbau wertvoller Metalle auf fernen Himmelskörpern werden. Aber wie realistisch sind die Luxemburger Pläne?

Der Asteroid Chariklo mit einem Ring (künstlerische Darstellung)
DPA / L. Calcada / Nick Risinger / ESO

Der Asteroid Chariklo mit einem Ring (künstlerische Darstellung)

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Vielleicht kann man die Sache ja am besten mit einem Song der Band Deichkind beschreiben. "Denken Sie groß" heißt er und ist eigentlich eine musikalische Persiflage auf die Profitgier. Eine Zeile lautet: "Ein bisschen Größenwahnsinn kann nicht schaden und auf einmal können Sie fliegen. Denken Sie groß!" Und genau das tut man derzeit im Großherzogtum Luxemburg. Man denkt ganz, ganz groß. Und man will fliegen.

Genauer gesagt: Das kleine Land im Herzen Europas will nichts weniger werden als die weltweit erste Adresse für den Rohstoffabbau auf fernen Himmelskörpern. Man kann das für größenwahnsinnig halten - oder aber für vorausschauend und geschäftstüchtig. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.

Klar ist: Auf zahllosen Asteroiden (genaue Zahlen finden Sie hier) in den Tiefen unseres Sonnensystems lagern große Mengen wertvoller Metalle wie Gold, Platin oder Rhodium. Die Erzgehalte können deutlich höher liegen als an der Erdoberfläche. Der erste Billionär der Weltgeschichte, so der US-Astrophysikers Neil deGrasse Tyson, werde derjenige sein, der den Rohstoffabbau auf Asteroiden starte. Und da will Luxemburg mitmischen.

Nach einem Treffen von Weltraumexperten mit Regierungsvertretern am Freitag ist klar, dass das Land seine entsprechende Initiative "Space Resources" schnell umsetzen will. Schon im kommenden Jahr werde man mit einem speziellen Gesetz die juristischen Grundlagen für den Weltraumbergbau legen, hieß es auf einer Pressekonferenz unter Leitung von Premierminister Xavier Bettel.

So ein Gesetz gibt es bereits in den USA - international ist das Thema jedoch hoch umstritten. Schließlich steht im Weltraumvertrag der Uno, dass sich kein Land die Rechte an fremden Himmelskörpern sichern darf.

Wolle man ja auch gar nicht, halten die Luxemburger dagegen - und argumentieren so: Wenn der Kapitän eines Fischkutters in internationalen Gewässern seine Netze auswerfe, dann gehöre ihm der Fang. Das bedeute ja nicht, dass er auch Besitzer des Ozeans sei. Und so wolle man das auch bei Asteroiden und ihren Schätzen halten. Man wolle "eine globale Führungsrolle bei der nachhaltigen Nutzung von Weltraumressourcen übernehmen", so Bettel, und habe "den Ehrgeiz, zu den zehn wichtigsten Raumfahrtnationen zu gehören".

Kern der Luxemburger Strategie sind zwei US-Firmen, die mit staatlichen Forschungsbeihilfen unterstützt werden sollen. Zunächst habe die Regierung Kredite von 200 Millionen Euro vorgesehen, später wolle sie womöglich auch direkte Anteile übernehmen, hieß es am Freitag.

Das Unternehmen Deep Space Industries (DSI) hat im vergangenen Sommer einen Ableger im Land gegründet, seit Anfang Mai gibt eine Kooperationsvereinbarung mit der Regierung. Mit dem zweiten großen Player, der Firma Planetary Resources, wolle diese solch ein Papier ebenfalls in Kürze unterschreiben, heißt es. Auch Planetary Resources hat bereits eine Niederlassung in Luxemburg.

DSI arbeitet mit Unterstützung der Luxemburger bereits an einem Forschungssatelliten. "Prospector-X" heißt die Mission. Die nötige Technik soll im Land entwickelt und gebaut werden. Zunächst einmal geht es nicht zu einem Asteroiden, sondern nur in die Erdumlaufbahn. Erst der Nachfolger "Prospector 1" soll dann einen kosmischen Gesteinsbrocken aufsuchen, um dort Bergbautechnik zu testen.

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Asteroiden: Kosmische Rohstoffquellen

Die Konkurrenz von Planetrary Ressources ist derzeit ebenfalls mit der Entwicklung kleinerer Satelliten beschäftigt. Ein erster von ihnen ("Arkyd-3R") hat im vergangenen Jahr für ein paar Monate die Erde umkreist. Ein weiterer, doppelt so großer ("Arkyd-6"), soll in diesem Herbst starten - und dabei helfen, mögliche Ziele für die Rohstoffsuche auszuspähen.

Aber auch die Erde hat die Firma im Blick: Gerade hat Planetary Ressources eine Kooperation mit dem deutschen Agrarkonzern Bayer geschlossen. Es geht um die Lieferung von Erdbeobachtungsdaten für Bauern. Zwar gebe es kostenlose Daten aus dem EU-Programm "Copernicus", heißt es bei Bayer auf Nachfrage. Doch die umfassten andere Spektralbereiche, die Krankheitsstress bei Pflanzen nur sehr spät erkennen ließen. Also setzt man auf Planetary Ressources und seine Satelliten.

Das Unternehmen wiederum kann mit Einnahmen aus solchen Deals höher fliegende Pläne finanzieren. Doch bis tatsächlich ein Roboter nach Metallen auf einem Asteroiden schürft, dürfte trotzdem noch einige Zeit vergehen - wenn sich die Sache wegen der immensen Kosten denn überhaupt lohnt. Diesen Beweis müssen die All-Visionäre noch antreten.

Aus der Perspektive des Umweltschutzes wäre der Rohstoffabbau auf einem Asteroiden zumindest eher unproblematisch, zumindest wenn man von den treibstoffintensiven Raketenstarts absieht. Auf jeden Fall sollte er aber helfen, Ressourcen auf der Erde unangetastet zu lassen.

Drei Herren beraten die Luxemburger Regierung bei ihrem Weltraumabenteuer: Der frühere Esa-Chef, Jean-Jacques Dordain, Simon "Pete" Worden, langjähriger Direktor des Ames Research Center der Nasa, und - seit Freitag - Georges Schmit, bisheriger Generalkonsul in San Francisco. Am Freitag trafen sie sich zum ersten Mal. Dordain erklärte im Anschluss, Luxemburg habe "erhebliche Chancen", das "globale Zentrum für Weltraumrohstoffe" zu werden. Worden drückte es so aus: "Das Silicon Valley für Weltraumressourcen wird hier in Luxemburg sein."

Es ist tatsächlich nicht das erste Mal, dass man in dem kleinen Land nach den Sternen greift. Mitte der Achtziger gründete sich die Société Européenne des Satellites, kurz SES, auch hier mit massiver Unterstützung der Regierung. Die verrückte Idee damals: die Verbreitung von Fernsehprogrammen über Satellit. Der Plan ging auf. Der Profit von SES lag im vergangenen Jahr bei 544 Millionen Euro. Manchmal muss man eben groß denken.


Zusammengefasst: Luxemburg will die weltweit wichtigste Adresse für den Rohstoffabbau auf Asteroiden werden. In einem ersten Schritt hat die Regierung Kredite von 200 Millionen Euro in Aussicht gestellt. Die wichtigsten beiden US-Firmen haben bereits Niederlassungen in Luxemburg gegründet. Ob sich Asteroidenbergbau wirklich wirtschaftlich betreiben lässt, muss sich aber noch zeigen.

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dansyd 03.06.2016
1. Ein Billiarden-Grab
hätte dieser Artikel am 1. April erscheinen sollen? So ein vorhaben zum heutigen Technologiestand wäre finanzieller Selbstmord, ein Billiardengrab. 2050 vielleicht, 2016 definitiv Rohrkrepierer.
Untertan 2.0 03.06.2016
2. Rahmenbedingungen
Von Luxemburg aus wird zwar nie eine Rakete ins All starten, aber ich könnte mir gut vorstellen, dass alle alle Weltraumfirmen dort in Zukunft ihre Steuern (nicht) bezahlen.
TheFrog 03.06.2016
3. Ja,
Luxemburg war schon immer das Silicon Valley Europas. Oder könnte das etwas mit Steuern zu tun haben ? Nein, glaube ich nicht. Völlig abwegig. Na dann mal auf zu den Sternen. Die Abschreibungen werden die verschiedenen Pioniere dann in der EU geltend machen. Und herauskommen wird nichts dabei. Nichts gegen Visionen und Zukunftstechnologien, aber ausgerechnet in Luxemburg ?
helmut.alt 03.06.2016
4.
Die bisherigen technischen Möglichkeiten machen die Rohstoffnutzung aus dem Weltall zu einem eindeutigen Verlustgeschäft, weil der Aufwand in keinem Verhältnis zum Nutzen steht. Vergleichbar mit einem Fischer, der mit einem großen Kutter aufs offene Meer hinaus fährt um mit einer Angel Fische zu fangen.
awoth 03.06.2016
5. Halt!
Das wollten wir doch werden!
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