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Mars in Bewegung: Rot, aber nicht tot

Erstaunliches über den Mars hat die Sonde "Global Surveyor" herausgefunden. Offenbar befindet sich der Rote Planet in einer Phase intensiven Umbruchs. Aus Fotos des dienstältesten Mars-Orbiters schließen Forscher auf Marsbeben und einen fortschreitenden Klimawandel auf dem Planeten.

Neue Rinnen: In der rechten, neueren Version des Bildausschnitts deutlich zu erkennen
NASA

Neue Rinnen: In der rechten, neueren Version des Bildausschnitts deutlich zu erkennen

Die Marsoberfläche hat in den letzten Jahren dramatische Veränderungen erlebt. Neue Gräben tauchten auf, es gibt frische Spuren von kullernden Felsbrocken. Bilder, die von der Sonde "Mars Global Surveyor" aufgenommen wurden, legen nahe, dass der Planet deutlich aktiver ist, als man bislang angenommen hatte.

Das Raumfahrzeug, das seit über acht Jahren den Roten Planeten umkreist, entdeckte zwei Gräben in einer Sanddüne, die noch im Jahr 2002 nicht dort waren. Sie sind etwa 900 Meter lang und 30 bis 40 Meter breit. Sie könnten, vermuten Wissenschaftler, entstanden sein, als gefrorenes Kohlendioxid verdunstete. Durch das ausströmende Gas könnte der Sand gelockert worden sein, so dass sich die Gräben bildeten.

Irgendwann zwischen November 2003 und Dezember 2004 müssen außerdem mehr als ein Dutzend Steinbrocken einen Hügel hinuntergerollt sein, und auch sie hinterließen dabei Spuren. "Es ist möglich, dass sie durch starken Wind oder ein Marsbeben in Bewegung gesetzt wurden", sagte Michael Malin, der für die Mars-Orbiter-Kamera an Bord des "Global Surveyor" verantwortlich ist.

Der Mars ist kein Ort der Ruhe

In jedem Fall zeigen die Bilder, dass der Mars keinesfalls ein beschaulicher Ort der Ruhe ist. Sie beschrieben "eine dynamische Oberfläche des Planeten", sagte Jack Mustard von der Brown University in einer Telefonkonferenz: "Sie zeigen Mars-Geologie in Aktion."

Einige der neuen Ergebnisse machen es womöglich auch nötig, bislang gehegte Überzeugungen über Alterungsprozesse der Marsoberfläche über Bord zu werfen. Bei der sorgfältigen Untersuchung alter Aufnahmen fanden die Wissenschaftler nämlich auch einen neuen Krater auf der Marsoberfläche, der sich offenbar erst in den achtziger Jahren gebildet hat.

Die etwa 20 Meter breite Einbuchtung liegt am südlichen Rand des Marsvulkans Ulysses Patera - und sie war auf Bildern, die die "Viking"-Sonde im Jahr 1976 schoss, noch nicht zu sehen. Im Jahr 1999 entdeckte "Global Surveyor" den Krater, damals noch umringt von vermutlich durch einen Meteoriteneinschlag herausgeschleudertem Material. Im Jahr 2005 war der Ring aus Schutt fast verschwunden, der Krater aber immer noch sichtbar.

Aus der Geschwindigkeit, mit der dieser Ring verschwand, errechneten die Forscher, dass der Krater zwischen 1980 und 1985 entstanden sein muss und wohl durch einen einschlagenden Brocken von nur etwa einem Meter Durchmesser verursacht wurde. "Wir kennen eigentlich fünf oder sechs Krater dieser Art", sagte Malin in der Telefonkonferenz. Die meisten anderen lägen aber in anderen Regionen, die nicht von "Viking" fotografiert worden waren. Entscheidend ist für die Wissenschaftler aber, dass der Mars offenbar viel weniger von Einschlägen vernarbt wird, als man bislang vermutet hatte: "Die Anzahl junger Krater ist viel kleiner als wir vorhergesagt hatten." Die Einschläge kämen wohl nicht in konstanter Abfolge sondern eher in Schüben, fügte Malin hinzu.

Auch auf dem Roten Planeten schmelzen die Polkappen

Das Tempo, mit dem neue Krater auf der Oberfläche entstehen, ist deshalb wichtig, weil die Forscher von den Narben einer Oberfläche auf ihr Alter schließen. Wenn die Einschläge also tatsächlich, wie jetzt vermutet, nur mit einem Fünftel der ursprünglich angesetzten Frequenz erfolgen, könnten viele Oberflächen deutlich älter sein, als man bis jetzt dachte.

Neben den geologischen entdeckten die Forscher auch Hinweise auf dramatische klimatische Veränderungen auf dem Mars. An einer der Polkappen wurde ein langsamer Rückgang von gefrorenem Kohlendioxid verzeichnet, was auf einen allmählichen Klimawechsel hindeutet. "Das Tempo, mit dem sich diese polaren Bereiche zurückziehen, ist absolut erstaunlich", sagte Jack Mustard. Warum der Mars aber heute wärmer ist als er noch vor kurzem war, ist völlig unklar. "Wir haben absolut keine Ahnung", sagte Malin.

Möglich wurden all diese auf Langzeitbeobachtung basierenden Erkenntnisse nur, weil der "Global Surveyor", ähnlich wie die Mars-Rover der Nasa, viel länger durchhält, als ursprünglich geplant war. Bereits zum dritten Mal ist seine Missionsdauer verlängert worden. Seit fast 3000 Tagen ist er unterwegs, über 250.000 Bilder hat er insgesamt zur Erde gefunkt, bändeweise Daten gesammelt und sogar schon Fotos von seinen Orbital-Kollegen "Mars Express" und "Odyssey" geschossen.

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