Nasa-Wissenschaftschef zu Mars-Landung "Wir wollen das Innere des Planeten besser verstehen"

Die Sonde "Insight" kommt in wenigen Tagen auf dem Mars an. Nasa-Wissenschaftschef Thomas Zurbuchen erklärt, warum man eine extra langweilige Landestelle ausgesucht hat.

"Insight" im Anflug auf den Mars (künstlerische Darstellung)
AFP PHOTO / NASA / JPL-CALTECH

"Insight" im Anflug auf den Mars (künstlerische Darstellung)

Ein Interview von


Am kommenden Montag um genau 20.53 Uhr Mitteleuropäischer Zeit sollte es soweit sein. Sollte, wie gesagt. Denn ob alles glattgehen wird, vermag niemand zu sagen. Schließlich sind nur rund 40 Prozent aller Forschungssonden, die Menschen jemals zum Mars geschickt haben, auch gut dort angekommen. Europäer und Russen zum Beispiel haben das vor zwei Jahren lernen müssen, als die Landung ihres "Schiaparelli"-Landeroboters spektakulär fehlschlug.

Doch wenn diesmal alles so funktioniert wie geplant, soll nun die Nasa-Sonde "Insight" auf dem Roten Planeten aufsetzen. Nach einem knapp sieben Minuten langen furiosen Ritt durch die Marsatmosphäre soll sie anschließend im Gebiet Elysium Planitia unweit des Mars-Äquators den geologischen Geheimnissen im Inneren des Planeten auf die Spur kommen.

"Insight" hat keine Räder, dafür aber ein unter französischer Führung entwickeltes Seismometer an Bord, das die von Marsbeben und Meteoriteneinschlägen ausgehenden Schockwellen aufzeichnet, wenn diese durch den Planeten laufen. Außerdem soll die Sonde auch selbst für Erschütterungen sorgen - und das tiefste je mit menschengemachter Technik in einem anderen Himmelskörper erzeugte Loch fabrizieren.

"Marsmaulwurf" nennen die Forscher scherzhaft die dafür in Deutschland erdachte und gebaute Apparatur namens "HP3". Bis zu fünf Meter tief wird sich das Gerät in den Boden hämmern - um dort Temperatur und Wärmeleitfähigkeit des Untergrundmaterials zu messen. Das dritte Messgerät von "Insight" soll zusätzlich noch die Schwankungen der Polachse des Planeten aufzeichnen.

Im Interview verrät Nasa-Wissenschaftsdirektor Thomas Zurbuchen, welche Erkenntnisse man sich von der Mission erhofft - und warum der kleine Forschungsroboter gar keine Räder braucht.

Zur Person
  • Aubrey Gemignani / NASA
    Thomas Zurbuchen, Jahrgang 1968, ist Wissenschaftsdirektor der US-Weltraumbehörde Nasa. Der Astrophysiker hat nach seiner Promotion an der Universität Bern an der University of Michigan gearbeitet. Er hat die schweizerische und die amerikanische Staatsbürgerschaft.

SPIEGEL ONLINE: Die Nasa hat schon mit zahlreichen Roboterautos wie "Sprit", "Opportunity" oder "Curiosity" den Mars erkundet. Jetzt schicken Sie eine Sonde ohne Räder. Warum?

Zurbuchen: Mit "Insight" wollen wir die Geologie des Mars verstehen. Dabei kommt es erstens nicht unbedingt darauf an, wo man es tut. Man muss nur guten Kontakt zum Boden haben, damit die Messinstrumente gute Ergebnisse liefern. Und zweitens gibt es nichts zu gewinnen, wenn man herumfährt. Die Resultate unterscheiden sich nicht. Wir brauchen nicht fahren, deswegen tun wir es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich auch eine geologisch eher langweilige Stelle auf dem Mars ausgesucht. Die Bilder der Landezone zeigen ein tischebenes Gebiet ohne irgendwelche Formationen.

Zurbuchen: Wir wollen irgendwo landen, wo es aussieht wie auf einem Parkplatz. So flach wie möglich soll es sein, in der Nähe des Äquators. Dort gibt es genug Sonnenenergie, um alle Instrumente zu versorgen. Außerdem können unsere Instrumente die Schwingungen im Inneren des Mars viel besser messen, wenn wir nicht irgendwo im Geröll stehen. Diesmal soll die Landschaft so simpel wie möglich sein.

SPIEGEL ONLINE: Also genau andersherum als bei anderen Missionen.

Zurbuchen: Ja, sonst interessieren wir uns zum Beispiel für ehemalige Flussdeltas. Oder Gegenden, wo es früher einmal Seen gab. Oder für Krater: Das brauchen wir dieses Mal alles nicht.

Das könnte Sie auch interessieren

SPIEGEL ONLINE: Welche Erkenntnisse erhoffen Sie sich denn von der Mission?

Zurbuchen: Wir wollen das Innere des Planeten besser verstehen. Der Mars ist ja wie Merkur, Venus und Erde ein Felsplanet. Aber die Geologie von Mars und Erde ist trotzdem verschieden. Auf der Erde haben wir Kontinentalplatten, Vulkane, Erdbeben, die uns über das Innere des Planeten Aufschluss geben. Auf dem Mars gibt es zwar keine Kontinentalplatten, wohl aber Vulkane. Deren Aktivitäten wollen wir jetzt zum ersten Mal nachweisen. Gleichzeitig wollen wir den inneren Aufbau des Mars verstehen, indem wir Schockwellen analysieren, die durch den Planeten laufen.

SPIEGEL ONLINE: Bei der Suche nach früherem oder aktuellen Leben wird die Sonde nicht helfen.

Zurbuchen: Höchstens indirekt. Aber wenn man die geologische Geschichte des Mars versteht, seine Aktivität, dann kann man auch die Frage nach der Entstehung von Leben besser diskutieren.

SPIEGEL ONLINE: Nach "Insight" soll es im Jahr 2020 wieder eine amerikanische und eine europäisch-russische Mission mit Roboterautos geben. Beide Seiten verhandeln auch darüber, mit einer Sonde Material vom Mars zur Erde zu holen. Wie weit sind Sie da?

Zurbuchen: Wir sprechen im Moment mit unseren jeweiligen Politikern über das Geld. Ende des kommenden Jahres, spätestens Anfang 2020 werden wir wissen, was wir tun können.

SPIEGEL ONLINE: Und wann hätten wir dann tatsächlich Material vom Mars hier bei uns auf der Erde?

Zurbuchen: Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre, würde ich schätzen.

SPIEGEL ONLINE: Warum wird eigentlich Sonde auf Sonde zum Mars geschickt? Wäre nicht längst einmal die Venus dran?

Zurbuchen: Die internationale Community spricht gerade viel über Venus-Sonden. In Europa gibt es einen Wettbewerb um zukünftige Missionen, wo ein Flug zur Venus unter den Finalisten ist. Da würde sich Amerika auch gern beteiligen. Die Inder haben kürzlich eine Venus-Mission in Aussicht gestellt. Und wir bei der Nasa diskutieren gerade mit den Russen, ob wir zusammen zur Venus fliegen. Innerhalb der nächsten zehn Jahre wird das sicher passieren, vermutlich sogar mit mehr als einer Mission.



insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Nachtsegler 25.11.2018
1. Spanend:
Aktive Vulkane auf dem Mars? Wenn es keine Plattentektonik wie auf der Erde gibt und wenn die Monde zu leicht sind, um den Mars durchzuwalken, woher kommt dann die Energie, die einen Vulkan aktiv macht? Der größte bekannte Vulkan des Sonnensystems, der auf dem Mars steht, ist jedenfalls eine Vulkanleiche, soviel man weiß. Das wird eine interessante Sache!
permissiveactionlink 25.11.2018
2. #1, Nachtsegler
Nun ja, man könnte dann bei der Erde mit derselben Berechtigung fragen, woher die Energie stammt, um die Plattentektonik zu ermöglichen. Von den Gezeitenkräften des Mondes ganz sicher nicht, obwohl sie für das Heben und Senken der Kontinente ( ca. 0,5m) und die Gezeiten verantwortlich sind. Wieso ist das Erdinnere eigentlich noch flüssig und nicht erstarrt, immerhin sind seit Bildung der Erde ca. 4,6 Milliarden Jahre vergangen ? Die Antwort liegt in den radioaktiven Elementen mit langer Halbwertszeit, als Thorium und Uran. Beim Zerfall wird sehr viel Energie frei, die das Magma flüssig hält. Die Erdkruste ist kein perfekter Wärmeisolator, durch sie geht auch ständig Wärme nach außen verloren. 1g Radium setzt beim Zerfall zu Blei 3889 kWh Energie frei, und Radium entsteht sowohl aus Uran als auch aus Thorium, wenn auch verschiedene Isotope mit verschiedenen Halbwertszeiten. Nur der radioaktive Zerfall im Erdinneren ermöglicht uns bis heute Vulkanismus, Plattentektonik und Erdmagnetfeld !
Mars-Männchen 25.11.2018
3.
An sich ist der Beitrag in Ordnung, jedoch bemängele ich zwei Punkte zu Beginn: 1) Es sind zwar bisher erst 40% erfolgreich auf dem Mars angekommen, jedoch hat die NASA, die auch InSight verantwortet, eine deutlich höhere Quote. Immerhin sind sie mit Spirit, Opportunity, Phoenix Lander und Curiosity erfolgreich gewesen. 2) Schiapirelli schlug nur bedingt fehl. Dies war ein Testlandesystem und sollte entsprechend Daten zur Landung liefern, was es "erfolgreich" getan hat. Da in vermutlich 2020 der Milliarden-teure ExoMars-Rover auf dem Mars landen soll, war dies eine durchaus nachvollziehbare Vorgehensweise und mit Hilfe der Daten von Schiapirelli kommt der Rover hoffentlich auch heil am Boden an. Ansonsten halte ich die Antwort, warum die Venus bisher so selten besucht wurde, für eher ungeschickt. Die Oberflächentemperatur beträgt dort ca. +500°C, was eine ganz andere technische Herausforderung ist und bisher nicht die technischen Möglichkeiten bestehen, dies für längere Zeit zu überleben.
malliki 25.11.2018
4. Nummer5 landet auf dem Mars
... und wessen Flagge steckt sie in den Boden. Ja, ja - auf dem Mars landen, aber keine Formel gegen Armut finden. Schlaue Wissenschaft.
Nachtsegler 25.11.2018
5. Frage an permissiveactionlink
Ich vermute, dass das Erdmagnetfeld, welches unserem Planeten das Tragen von Leben und den Erhalt der Atmosphäre ermöglicht, dem Mond zu verdanken ist. Dadurch, dass er die Erde abbremst und dafür sorgt, dass der schwere Erdkern etwas schneller als die äußeren Erdschichten rotiert, wird Strom im Erdinneren induziert, oder? Ist auch für das Magnetfeld radioaktiver Zerfall ursächlich? Auch das Heben und Senken der Erdoberfläche stellt eine gewaltige Energieleistung dar. Der Mond hebt ja nicht nur das Wasser der Ozeane. Spielt die gewaltige Energie, die dadurch in die Erde gebracht wird, bei der Plattentektonik wirklich nur eine untergeordnete Rolle?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.