Spektakulärer Test: Mars-Mann in der Eishöhle

Aus der Dachstein-Rieseneishöhle berichtet

Glitzernder Raumanzug, ausgefeilte Analysegeräte: Bei einem aufwendigen Feldversuch wird in Österreich die Ausrüstung für bemannte Marsmissionen ausprobiert. Noch machen simple Dinge Probleme - doch die Tester sind überzeugt, dass Menschen zum Roten Planeten fliegen werden. Irgendwann.

SPIEGEL ONLINE

Die Rufe aus dem Missionskontrollzentrum verhallen ungehört - und schuld ist schon wieder dieser verflixte Kopfhörer! Weil der schon wieder verrutscht ist, steht Astronaut Daniel Schildhammer auf seiner Erkundungsmission reichlich hilflos da. Wohin sich als nächstes wenden? Welche Probe nehmen? Wann zur Basis zurückkehren? Der 28 Jahre alte Materialwissenschaftsstudent aus Innsbruck hat ein ernsthaftes Problem: Sein bulliger Plexiglashelm verhindert, dass er die Ohrhörer wieder in Position bringen kann. Deshalb kann er keine Anweisungen empfangen. Punkt.

Ein echter Außeneinsatz auf dem Mars wäre spätestens an dieser Stelle zu Ende. Doch Schildhammer - er hat mit einer Körpergröße von 178 Zentimetern und Schuhgröße 43 die perfekten Raumanzug-Maße - ist kein echter Astronaut. Also darf er sich ausnahmsweise helfen lassen. Denn statt über den Roten Planeten schlurft er gerade durch eine Höhle im Salzkammergut. Zwei Assistenten können gefahrlos seinen Kopfschutz abnehmen und das Malheur beheben.

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Test für Marsanzug: (Space) Suit up!
"Für jedes Problem, das wir hier haben, müssen wir dankbar sein", sagt Gernot Grömer. "Denn wir haben es hier - und nicht auf dem Mars." In der Dachstein-Rieseneishöhle testet das Österreichische Weltraum Forum (ÖWF) gerade die Ausrüstung für eine mögliche bemannte Marsmission. Und Grömer, normalerweise Astrophysiker an der Universität Innsbruck, leitet das Projekt des eingetragenen Vereins ÖWF, der Astroprofis und -Enthusiasten zusammenbringt.

Ein Dutzend Experimente finden gleichzeitig in der Höhle statt. So zuckelt gerade der in Polen entwickelte Marsrover "Magma" über eine Eisfläche. An Bord hat er das Radarsystem "Wisdom", das auf der nächsten europäischen Marsmission das Gestein bis zu drei Meter tief durchleuchten soll. "Hier im Eis können wir sogar zehn Meter tief schauen", sagt Projektmitarbeiter Stephen Clifford vom Lunar and Planetary Institute im texanischen Houston.

Doch das spektakulärste Versuchsobjekt ist ohne Zweifel "Aouda.X". Proband Schildhammer tappt in dem Raumanzug-Simulator gerade durch eine riesige, mit Felsbrocken übersäte Halle. Der 45 Kilogramm schwere, silbern glänzende Anzug, ein Unikat übrigens, verdankt seinen Namen einer Romanfigur von Jules Verne: Im Klassiker "In 80 Tagen um die Welt" verdreht die indische Prinzessin Aouda dem Titelhelden Phileas Fogg den Kopf.

Von der schnellen Fortbewegung des Romanhelden ist Schildhammer freilich weit entfernt: Gummi-Expander in jedem Gelenk des Anzugs machen jeglichen Handgriff zur mühseligen Plackerei: "Das ist schon sehr belastend und erschöpfend, wenn man es längere Zeit macht", sagt der Anzugtester. So wie es eben auch in einem wuchtigen Anzug auf dem Mars der Fall wäre, trotz der geringeren Gravitation. Immerhin: Schildhammer kann sich mit Mineralwasser stärken, das im Helm über einen spezielles Mundstück ankommt. Und unten herum sorgt ein sogenanntes Uridom dafür, dass er sich später um den weiteren Verbleib der Erfrischung keine Sorgen machen muss.

Mit dem Akkubohrer vor spektakulärer Kulisse

Gerade hat der Möchtegern-Astronaut eine Zange und einen Akkubohrer aus der kleinen Werkzeugtasche vor seiner Brust geholt. Damit macht er sich an einem Felsblock zu schaffen - eine simulierte Probenentnahme. Die Höhle ist eine spektakuläre Kulisse für den Großversuch: Etwa 13.000 Kubikmeter Eis liegen in den Hohlräumen des Dachsteinkalks. Die ältesten Eispartien sind bis zu 500 Jahre alt. Doch warum wird ausgerechnet hier getestet? Vielleicht auch der beeindruckenden Bilder wegen, die Journalisten und Tourismusmanager gleichermaßen begeistern?

Nein, sagt Grömer: "Wir wissen seit einiger Zeit, dass es auf dem Mars Höhlen gibt. Und wenn es an der Oberfläche tatsächlich einmal Leben gegeben hat, wären das die idealen Rückzugsräume." Astrobiologisch ist da durchaus etwas dran: Tatsächlich könnten konstante Temperaturen, erhöhte Feuchtigkeitswerte und vor allem der Schutz vor kosmischer Strahlung die Hohlräume als Rückzugsorte simpler Lebensformen prädestinieren - wobei die Sache mit den beeindruckenden Bildern sicher ein höchst angenehmer Nebeneffekt für alle Beteiligten am Dachstein sein dürfte.

Während Schildhammer sich durch die Höhle kämpft, überwacht die Missionskontrolle jeden seiner Schritte. Die Daten gehen über eine klobige Antenne und das extra installierte Funknetz zur simulierten Bodenstation. Die ist ein paar Minuten Fußmarsch bergab untergebracht, im Nebenraum eines Ausflugsrestaurants. Die vielen Computerschirme passen nicht so recht zum urigen Holzdekor und den karierten Vorhängen.

Statt wie sonst um die phantastische Aussicht über den Halstätter See geht es um CO2-Werte, Temperaturen und Luftfeuchtigkeit. Eine Helmkamera zeigt außerdem das Bild, das Schildhammer in der Höhle vor sich sieht. So lassen sich die Experimente aus der Ferne steuern - auch wenn die reale Signallaufzeit zum Mars und zurück wegen der großen Entfernung bis zu 26 Minuten betragen kann. Deswegen soll der Astronaut möglichst intelligente Hilfssysteme in seinem Anzug haben, wenn er auf sich allein gestellt ist.

Eine Frage des Geldes

Hier sehen auch die Entwickler von "Aouda.X" ihre Stärke. Sie sind eins von vier Teams weltweit, die an Marsanzügen tüfteln. So hat die US-Weltraumbehörde Nasa den Prototypen "NDX-1", der von der University of North Dacota entwickelt wird, vor kurzem in der Antarktis getestet. Jedes der Teams hat verschiedene Schwerpunkte. Bei "NDX-1" geht es um die Druckhülle, beim "Biosuit" des Massachusetts Institute of Technology steht die Ergonomie im Vordergrund - und bei den Österreichern die Interaktion von Mensch und Maschine, zum Beispiel mit Hilfe von fortgeschrittener Spracherkennungstechnik.

"Der Anzug in seiner jetzigen Form ist nicht fürs Überleben im All gedacht", stellt Alexander Soucek klar. Er ist einer der Flugdirektoren im Kontrollraum. Normalerweise arbeitet der studierte Jurist in der Erdbeobachtungsabteilung der europäischen Weltraumbehörde Esa in Rom. "Uns geht es darum, auf der Erde so forschen zu können wie auf dem Mars", sagt Soucek. Und dass die Menschheit eines Tages zum Mars aufbrechen wird, steht für ihn außer Zweifel: "Vielleicht in zehn Jahren, vielleicht in hundert Jahren, vielleicht in tausend Jahren."

Viele der 50 Teilnehmer des Feldtests sind sich ebenfalls sicher, dass solch ein Flug nur eine Frage der Zeit ist. Doch trotz öffentlichkeitswirksamer Simulationen wie am Dachstein oder beim Mars-500 Projekt: Die Astro-Euphorie der Mondlandungszeit ist längst verflogen. Viele hochverschuldete Industriestaaten haben derzeit andere Probleme, als Reisegrüppchen zu fernen Planeten zu schicken. Die Europäer etwa werden sich gegen Ende des Jahrzehnts sogar mühen müssen, überhaupt die Beiträge für die Internationale Raumstation zusammenzukratzen - geschweige denn ein Ticket für ein internationales Marstaxi zu buchen.

Selbst Robotermissionen spüren längst das Spardiktat. In diesem August soll der Nasa-Rover "Curiosity" auf dem Mars landen, doch dann ist für Jahre Schluss mit solchen Missionen. Die klammen Amerikaner haben das transatlantische Gemeinschaftsprojekt "ExoMars" aufgekündigt. Ob die Esa die Mission stattdessen mit Russland stemmen kann, muss sich zeigen.

Vielleicht machen sich eines Tages auch steinreiche Privatiers auf den Weg. Immerhin, Grömer sieht die Rolle seines Projekts durchaus realistisch: Der erste Marsbesucher wird - wenn er denn jemals fliegt - wohl kaum einen Anzug made in Austria tragen. Aber vielleicht schaffen es ja ein paar Erkenntnisse aus der Höhle auf den Roten Planeten, hofft der Astrophysiker in aller Bescheidenheit: Als Rentner wolle er einmal "vor dem 3-D-Fernseher sitzen, die Fast-Liveschaltung auf den Mars miterleben und meinen Enkelkindern sagen: 'Die Schraube habe ich entworfen.'"

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insgesamt 4 Beiträge
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1.
asdf01 30.04.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEGlitzernder Raumanzug, ausgefeilte Analysegeräte: Bei einem aufwendigen Feldversuch wird in Österreich die Ausrüstung für bemannte Marsmissionen ausprobiert. Noch machen simple Dinge Probleme - doch die Tester sind überzeugt, dass Menschen zum Roten Planeten fliegen werden. Irgendwann. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,830499,00.html
Können schon. Wenn man sieht, mit welchen irrwitzigen Summen von Steuergeldern bei Euro-Rettungsschirmen, Bankenrettungen, etc. fröhlich um sich geworfen wird, kann man davon auch Mars-Missionen finanzieren. Und das wäre in meinen Augen durchaus sinnvoller angelegtes Geld. Aber das der politische Wille dafür vorhanden sein wird, ist natürlich nahezu auszuschließen.
2.
Ischi 30.04.2012
Dies gilt als Auftakt für zukünftige Mars Missionen. Federführend ist hier Elon Musk (ehemals PayPal jetzt ua Tesla Motors). Heir ein Interview von Heute, dazu https://www.facebook.com/PlanetaryResourcesInsider/posts/144667545658332 Durchaus möglich das die ESA, wie auch die NASA in Zukunft noch mehr mit privaten Unternehmen zuzsammenarbeiten (SpaceX, Planetary Resources Inc ua).
3. wieso eigentlich? wo sind die Visionen?
spon-facebook-1786107337 03.05.2013
"Der erste Marsbesucher wird - wenn er denn jemals fliegt - wohl kaum einen Anzug made in Austria tragen." - und wieso? weil der autor einfach annimmt, dass es trotz seiner eigenen Schlussfolgerungen über die klammen Industriestaaten doch die Amis oder Russen sein werden, die auf den Mars kommen? .... und selbst wenn - warum sollte in einer globalisierten Welt - wo alles per ebay amazon klickklick weltweit bestellt werden kann - nicht der beste Anzug geordert werden? und wenn dieser dann eben aus Österreich wäre?? .... und wieso sind unsere Experten für solche Weltraum-Reisen, für unsere Utopien und Zukunftsplanungen immer so pessimistisch, so wenig enthusiastisch!.... ich meine, wir sind vor 50 Jahren bei weitaus schlechterer Technik auf den Mond gelangt- was soll also das ganze Kosten und Machbarkeits-Gelabere??? ... und ich stimme meinem Vorredner zu: wer Hunderte Milliarden für Bankenrettung ausgeben kann und Millionen Steuer verschwenden und immer wieder Unsummen für Waffen etc. ausgibt, der kann auch Geld für menschheitzusammenschweißende und -begeisternde Projekte zusammen bekommen :-)
4. Ja warum fehlen die Visionen
nilaterne 30.05.2013
Weil die Russen oder die Amerikaner (jedenfalls zur Zeit), einfach das Ding durchziehen. Eventuell hat auch noch CHina die Nase vorn und keiner weiß das, weil alles unter größter Geheimhaltung getestet wird. Und so ein Artikel wie dieser in Spiegel online den Chinesen aufzeigt, ob sie schnell genug sind. Und mal ehrlich, wer glaubt denn hier daß wir Europäer einmal einig wären und an einem Strang ziehen? Ich glaube das nicht! Gleich wohl ist diese Grundlagenforschung in Österreich wichtig, auch wenn sie später abgekupfert wird.
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