Mars Satellitenbilder deuten auf Supervulkane hin

US-Geologen haben offenbar die Reste von explodierten Supervulkanen auf dem Mars entdeckt. Muss die Geschichte des Wüstenplaneten umgeschrieben werden?

Von Thorsten Dambeck

DPA/ NASA/ JPL/ GSFC/ Arizona State UC

Das Krisengebiet lag im Hochland von Arabien. Im Untergrund hatte die Unruhe zugenommen, bis es zwangsläufig zum großen Knall kam: Explosionen erschütterten die Wüste, und als die Dinge ihren Lauf nahmen, waren selbst entfernte Gebiete nicht vor den Umwälzungen sicher, die in Arabia Terra begonnen hatten.

Was nach einer blumigen Schilderung des arabischen Frühlings klingt, ist tatsächlich die Quintessenz einer Theorie, die amerikanische Marsforscher in der neuesten Ausgabe des Wissenschaftsblatts "Nature" publiziert haben. Denn Arabia Terra liegt auf dem Mars: Was dort detonierte, waren längst erloschene Supervulkane.

Seit Jahrzehnten sind zwei Vulkanprovinzen auf dem Mars bekannt, die Tharsis- und die Elysium-Region. Hier spuckten gewaltige Schildvulkane über lange Zeiträume das feurige Innere des Planeten an die Oberfläche. Die beiden Provinzen gehören zu den wichtigsten Entdeckungen der frühen Marssonden. Olympus Mons, ein alter Tharsis-Vulkan, ist mit einer Höhe von 22 Kilometern der mächtigste Berg im Sonnensystem.

Supervulkane explodierten auch auf der Erde

Doch wenn es nach Joseph Michalski vom Planetary Science Institute in Tucson Arizona und seinem Nasa-Kollegen Jacob Bleacher geht, haben die Sonden bisher etwas Wichtiges übersehen: ein drittes vulkanisches Zentrum in der Marsregion Arabia Terra. Das bedeutet "arabisches Land" und ist eine von Kratern zernarbte Hochlandregion unmittelbar nördlich des Marsäquators. Die Region hat eine maximale Ausdehnung von etwa 4500 Kilometern. Geologen halten sie wegen ihrer hohen Kraterdichte für eine der geologisch ältesten Mars-Gebiete.

Unmengen feinkörniges, geschichtetes Material rätselhaften Ursprungs haben Marssatelliten in Arabia ausgemacht. Es könnte vulkanische Asche sein, vermuten die "Nature"-Autoren. Und mehr noch: Arabias Feuerberge sollen eine andere, explosive Spielart des Vulkanismus sein, nämlich Supervulkane. So bezeichnen Geologen Vulkane auf der Erde, deren gewaltige Ausbrüche mindestens tausend Kubikkilometer Magma und Asche ins Land spucken.

Die Eruptionen sind so schnell, dass sie nicht zum Aufbau der typischen Schildstruktur taugen, wie sie etwa vom Mauna Loa auf der Erde oder Olympus Mons auf dem Mars bekannt sind. Ausbrüche irdischer Supervulkane sind sehr selten, in historischer Zeit ist kein einziger Fall überliefert. Zuletzt fand so etwas vor mehr als 26.000 Jahren statt und zwar auf der Nordinsel Neuseelands. Das damalige Inferno schuf den heutigen Taupo-See, der immerhin größer ist als der Bodensee.

Seltsame Senken im Marsboden

"Wir haben uns immer gefragt, wo die ganz alten Vulkane auf dem Mars sind", erklärt Michalski. Die Entdeckung "supervulkanischer Strukturen" ändere nun den Blick auf den Roten Planeten. Der Geologe hält es sogar für denkbar, dass auf dem jungen Mars explosiver Vulkanismus weit verbreitet war - mit womöglich weitreichenden Konsequenzen für die Entwicklung des Marsklimas.

Als Hauptargument führen die "Nature"-Autoren die irregulären Krater in Arabia an, die sie für ihre Studie unter die Lupe genommen haben; das Paradebeispiel ist Eden Patera. Das ist eine seltsam geformte Bodensenke, sie misst etwa 55 mal 85 Kilometer. Sowohl im Inneren als auch in ihrer Umgebung sehen die Forscher Anzeichen für Vulkanismus und interpretieren die gewaltige Grube als vulkanische Caldera. Auch die Ausmaße der Struktur entsprächen typischen Kratern irdischer Supervulkane.

Eine alternative Erklärung wäre die Entstehung beim Einschlag eines großen Meteoriten und die nachfolgende Erosion, die der Struktur ihre seltsame Gestalt gab. Das halten die Autoren jedoch für unwahrscheinlich.

Noch fehlt der Beweis

Ist Eden Patera also wirklich ein Prototyp für eine vergangene Ära marsianischer Supervulkane, sozusagen das Pendant zum neuseeländischen Taupo-Vulkan? Oder könnte alles ganz anders gewesen sein? Stephan van Gasselt, Mars-Experte an der Freien Universität Berlin, bleibt skeptisch: "Denkbar wäre nach wie vor, dass es sich um Einschlagskrater handelt. Überlagern sich diese, so können sie mitunter eine recht eigentümliche Gestalt haben." Vulkan- oder Einschlagskrater - beides sei immer wieder bei der Interpretation von Bilddaten verwechselt worden.

Auch wenn die analysierten Strukturen tatsächlich alte Calderen sind, so müssten die Autoren noch belegen, dass es sich wirklich um eine andere Art von Vulkanismus handelt als die schon lange bekannten Feuerberge. Van Gasselt: "Zudem muss überprüft werden, ob die Strukturen wirklich so alt sind, wie die Autoren es vermuten. Das werden Datierungen durch eine genaue Statistik der Einschlagkrater klären können." Gleichwohl sei die Publikation ein interessanter Beitrag und könne die Debatte um die Geschichte unseres Nachbarplaneten voranbringen.

Anmerkung der Redaktion: In einer älteren Version dieses Artikels hieß es, ein Beispiel für Schildvulkane auf der Erde sei der Vesuv. Das ist falsch. Wir haben die entsprechende Passage korrigiert und bitten, den Fehler zu entschuldigen.



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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
rudisander 02.10.2013
1. Schade, genau dies hätte den Staatsminister Goethe ..
... mit absoluter Sicherheit "brennend" interessiert, und zwar gerade deshalb, WEIL er ein überzeugter Neptunist gewesen ist.
bebb 02.10.2013
2. ...
Der Taupo brach vor 22 600 Jahren aus, nicht vor "mehr als 26 000 Jahren"
Layer_8 02.10.2013
3. Sehr schön
Zitat von bebbDer Taupo brach vor 22 600 Jahren aus, nicht vor "mehr als 26 000 Jahren"
Dann kennen Sie bestimmt auch den genauen Tag
caecilia_metella 02.10.2013
4. Ja, klar
Wenn Geologen die Menschheit vor Supervulkanen retten wollen, dann studieren sie den Mars. Ich würde prüfen, ob Wellen im Nichts verschwinden. (Scherz) Also würde ich wissen wollen, ob z.B. Stoßwellen und Seismische Wellen miteinander zu tun haben. Mich belästigt der Lärm da oben jedenfalls auch ohne Supervulkane.
berossos 02.10.2013
5. Kein Problem
Zitat von Layer_8Dann kennen Sie bestimmt auch den genauen Tag
Es war nach heutiger Zeitrechnung der 7. Juli, ziemlich exakt um 13.00 Uhr Ortszeit. Was allein deshalb schon misslich war, weil überall im Lande schon Wochenendstimmung herrschte und keiner damit rechnete, dass der Vulkanausbruch die zwei freien Tage und die zwanzig Jahre danach ziemlich verhunzen würde.
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