Marsmond Phobos: Billigflug zum Trabanten des Roten Planeten

Von Guido Meyer

2. Teil: Reiseziel Phobos - absturzgefährdeter Marsmond ideal für Forschungsmission

Unser Nachbarplanet hat zwei kleine, kartoffelförmige Monde: Phobos und Deimos. Für die bisherigen Missionen haben sie keine große Rolle gespielt. Das könnte sich jedoch im Zuge eines künftigen bemannten Marsflugs ändern. "Auf Phobos verlaufen Krater in alle möglichen Richtungen", beschreibt Pascal Lee vom Ames Research Center der Nasa in ARC Moffet Field, Kalifornien, "daraus resultieren einige überraschende Effekte." Manche Einschlagkrater dort würden zum Beispiel vom Gravitationszentrum wegweisen – und nicht darauf hin, wie wir es von anderen Himmelskörpern kennen. Astronauten würden in diesen Kratern die Wände hinaufrollen, wenn sie stürzen.

Phobos, der etwa die Ausmaße einer Großstadt hat, kreist so eng um den Mars, dass er ihn alle siebeneinhalb Stunden einmal umrundet – das ist schneller, als der Planet selbst rotiert. Lange hält Phobos dieses exzessive Tempo auf der Überholspur nicht mehr durch: In etwa fünfzig Millionen Jahren wird er auf den Mars stürzen, das ist in kosmischen Maßstäben ein Wimpernschlag. Höchste Zeit also für einen Besuch. "Menschen sollten möglichst bald zu Phobos fliegen", dafür plädiert Lee, der auch für das internationale Mars Institute arbeitet.

Eine solche Reise sei im Prinzip mit den gleichen Raumschiffen möglich, die im nächsten Jahrzehnt Menschen zum Mond bringen sollen. Sie müssten nur ein wenig weiterentwickelt werden, aber keine grundsätzlichen Änderungen erfahren, so der US-Astronom. Wegen seines geringen Abstands zum Mars führt Phobos eine gebundene Rotation durch, wendet dem Planeten also immer dieselbe Seite zu. Somit könnte er den Raumfahrern als natürliche Raumstation und ideales Marsobservatorium dienen. Bodenfahrzeuge auf dem Mars ließen sich von Phobos aus fast in Echtzeit steuern. Und wahrscheinlich gibt es auf dem Trabanten auch Material vom Planeten selbst – in Form von Meteoriten.

Und da ist noch ein Grund für eine Reise zu Phobos: seine geringe Anziehungskraft. "Wenn Sie etwas zum Erdmond transportieren", erläutert Lee, "müssen sie es nicht nur auf die Reise schicken, sondern vor Erreichen des Ziels auch stark abbremsen, weil es sonst hart aufschlagen würde." Phobos’ Schwerefeld sei viel schwächer und erfordere keine aufwändigen Bremsmanöver. Raumschiffe, die dorthin fliegen, könnten ihr Tempo ausreichend drosseln, indem sie kurzzeitig durch die Marsatmosphäre fliegen. Sie bräuchten kaum Treibstoff zum Bremsen. "Es ist billiger, ein Kilo Ausrüstung zu Phobos zu schicken als zum Erdmond", so Lee.

Auch der Rückflug wäre unkompliziert. Die Anziehungskraft des Mondes ist so klein, dass sich Astronauten schon mit relativ geringer Geschwindigkeit aus seinem Schwerefeld lösen können und deshalb keine großen Treibstoffreserven benötigen.

Bevor jedoch Menschen ihren Fuß auf die Marsmonde setzen, kommen die Roboter. Russland und China entwickeln derzeit die Mission "Phobos-Grunt". "Wir wollen eine Bodenprobe von Phobos zur Erde bringen, um sie hier zu untersuchen", sagt Wladimir Obuchow vom russischen Forschungsinstitut Riame in Moskau zum Ziel der ehrgeizigen Mission. Dazu soll eine zweistufige Landeeinheit auf dem Mond aufsetzen. Ihre erste Stufe wird Staub und Gestein aufsammeln und anschließend in der zweiten Stufe, der Aufstiegskapsel, deponieren, die dann zurückfliegt. "Wir hoffen, etwa dreihundert Gramm Phobosmaterial einzusammeln", erläutert Obuchow. Die Mission soll 2011 starten.

Derweil planen auch andere Nationen unbemannte Flüge zu Phobos. Die kanadische Weltraumorganisation CSA entwickelt die Mission "Prime", die aus zwei Sonden besteht: Eine soll den Marsmond aus einer Umlaufbahn heraus kartografieren, die andere auf ihm landen. Und die Nasa will ihre Raumsonde "Asaph" zu Phobos schicken, damit sie dort nach Wasser sucht – als Grundlage für künftige bemannte Missionen.


Guido Meyer arbeitet als Wissenschaftsjournalist in Bonn.

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