Neuer deutscher Astronaut Matthias Maurer "Der Mond wäre mein Wunschziel"

Die Esa hat den Saarländer Matthias Maurer als neuen Astronauten vorgestellt. Ist er der erste Europäer, der mit den Amerikanern um den Mond fliegt - oder mit den Chinesen sogar dort landet?

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Bei jedem anderen würde man von einem Abenteuerurlaub sprechen. Genau genommen von einem Abenteuerurlaub in der XXL-Version. In den verschneiten Wäldern Russlands aus Tannenzweigen, einer Rettungsdecke und einer Plastikplane ein Zelt bauen? Check. Lavafelder und Höhlen erforschen am Timanfaya-Vulkan auf der Insel Lanzarote? Check. Abtauchen in ein Unterwasserlabor im Atlantik vor Key Largo im US-Bundesstaat Florida? Check.

Bei Matthias Maurer, 46, steht aber noch einiges mehr auf der Liste, denn der Mann gehört seit Kurzem offiziell zum Astronautenkorps der Europäischen Weltraumorganisation Esa, am Donnerstag wurde er offiziell vorgestellt. Er hat Seenotrettung und Brandbekämpfung im Hafen von Rostock geübt, ein paar Lektionen Raumstationstraining in Japan absolviert und an insgesamt 93 Parabelflügen in einem Spezialflieger teilgenommen - jeder rund 20 Sekunden lang. Damit ist er schon ein Drittel der Zeit in Schwerelosigkeit geschwebt, die Jurij Gagarin, der erste Mensch im All, erleben durfte.

Der Saarländer hat sich gut vorbereitet, denn im All und auf dem Hin- und Rückweg sind viele Qualifikationen gefragt. Maurer, ein promovierter Materialwissenschaftler, ist ein Nachzügler im Europäischen Astronautenkorps. Die aktuelle Astronautenklasse ist Ergebnis einer Auswahl aus dem Jahr 2008. Dabei hatten sich 8500 ernsthafte Interessenten beworben und Maurer kam unter die Top Ten. Für das Ticket ins All wurden aber zunächst fünf andere Männer und eine Frau in die noch engere Wahl gezogen.

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Matthias Maurer: Ein Saarländer will starten

Doch immerhin: Maurer, der damals bei einem medizintechnischen Unternehmen arbeitete, bekam etwas später einen Job bei der Esa. Nun wird er, mit Verspätung, doch noch zum Astronauten befördert. "Es hat ein bisschen länger gedauert bei mir", sagt er nun im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "In der Raumfahrt braucht man einen langen Atem." Hinter den Kulissen war das seit Monaten klar, mit seiner Vorstellung ist die Nachricht nun auch offiziell.

Eigentlich hatte man in der Bundesregierung damit geliebäugelt, erstmals eine Frau ins All zu schicken. Doch Esa-Chef Jan Wörner hatte klar gemacht: Auf der Nachrückerliste des Auswahlverfahrens von 2008 stehe nun mal keine deutsche Kandidatin. Also könne er auch keine nominieren. "Ich verstehe, dass der Wunsch da ist, dass eine Frau fliegt", sagt Maurer. "Ich bin nun aber einmal, wer ich bin."

Nun will eine private Initiative dafür sorgen, dass eine Deutsche zur Internationalen Raumstation fliegen kann, braucht dafür aber noch finanzkräftige Sponsoren.

Maurer hat indes ein anderes Problem, zumindest auf den ersten Blick: Er ist noch keiner zukünftigen Raummission zugeordnet. Während sein Kollege Alexander Gerst zum Beispiel weiß, dass er im kommenden Jahr für ein halbes Jahr zur Internationalen Raumstation fliegt, dort sogar erstmals das Amt des Kommandanten bekommt, steht bei Maurer noch gar nichts fest.

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Reise ins All: Elf Raumfahrer und ein Maurer

Beim zweiten Hinsehen kann das aber durchaus ein Vorteil sein, zumindest lässt es Raum auch für exotischere Konstellationen. Maurer könnte eine Art Joker sein. So wäre er ein möglicher Kandidat, um beim Testflug des neuen US-Raumschiffes "Orion" eine Runde um den Mond zu drehen. Vorausgesetzt, ein Europäer darf mit - und die Nasa fliegt so um das Jahr 2021 überhaupt in diese Gegend. Im Moment hat der neue US-Präsident Trump mit dem Abbau von Grundrechten und Umweltschutzregeln so viel zu tun, dass er sich noch nicht weiter um die US-Raumfahrtbehörde kümmern konnte. Dort weiß man also noch nicht viel über die zukünftige Strategie.

"Der Mond wäre mein Wunschziel"

Ein anderer, womöglich sogar noch spannenderer Reisepartner wären die Chinesen. Die bauen gerade ihre neue Weltraumstation auf und wollen schon in absehbarer Zeit zum Mond. Esa-Chef Jan Wörner wiederum wirbt schon seit einiger Zeit für ein internationales Monddorf. In Maurers offiziellem Vorstellungsvideo war das auch in ein paar kurzen Szenen zu sehen. "Der Mond wäre mein Wunschziel", sagt er.

Chinesisch spricht Maurer auch schon, er hat am Landesspracheninstitut in der Ruhr-Universität Bochum und bei einem Sprachkurs-Aufenthalt in China gelernt. Außerdem trainieren chinesische Raumfahrer schon seit einiger Zeit mit europäischen Kollegen. Man kennt sich, baut Vertrauen auf.

Und erst kürzlich meldete sich die Crew der chinesischen Mission "Shenzhou 11" mit einem Video aus dem All, in dem der Kommandant Jing Haipeng in seinem blauen Overall zunächst etwas steif in die Kamera winkt. Er bedankt sich brav für einen Geburtstagskuchen, den ihm die Europäer auf seine Raumstation mitgeschickt hatten.

Dann schwebt sein Kollege Chen Dong ins Bild. Er sagt, man hoffe "in naher Zukunft" auf einen gemeinsamen Flug mit europäischen Raumfahrern. Vielleicht ja mit Matthias Maurer? Der hätte Lust drauf, so viel ist klar: "Ich habe die chinesischen Kollegen als warmherzige, liebevolle Leute kennengelernt", so Mauer. "Ich vertraue der chinesischen Technik. Ich würde jederzeit mit ihnen fliegen."

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