Merkur-These Gewaltiger Crash formte Planeten

Ein gigantischer Asteroideneinschlag hat dem Merkur offenkundig seine heutige Form gegeben. Dies ergaben Computer-Simulationen Schweizer Forscher. Bruchstücke sind womöglich bis zur Erde geflogen.


Merkur entstand bei der Kollision zweier Himmelskörper vor viereinhalb Milliarden Jahren. So hat es zumindest der Astrophysiker Jonathan Horner mit Kollegen der Universität Bern errechnet. Ein Teil der herausgeschlagenen Trümmer sei bis zur Erde gelangt. "Die Arbeit zeigt, dass Merkur nicht in der Lage war, einen Großteil des Kollisionsmaterials wieder einzufangen", sagte Horner zu SPIEGEL ONLINE. Seinem Szenario nach reichte dazu die Anziehungskraft des relativ kleinen Planeten nicht aus.

Die ungewöhnlich hohe Dichte Merkurs hat Wissenschaftlern schon lange Rätsel aufgegeben. Eine Theorie führt diese Besonderheit auf die dramatische Entstehungsgeschichte des Planeten zurück: Vor etwa 4,5 Milliarden Jahren riss der Einschlag eines gigantischen Asteroiden in einen Vorläuferplaneten den Großteil von Planetenkruste und Mantel weg und ließ nur den metallreichen, dichten Kern zurück.

Horners Computermodell gibt dafür eine Erklärung: Die verhältnismäßig leichten Gesteine der Kruste wurden weiter ins All geschleudert als die schweren metallischen Komponenten des Kerns. Die Wissenschaftler modellierten das Verhalten der Materialien der beiden kollidierenden Körper im Computer. Ihre Berechnungen resultierten in einem dichten, merkurähnlichen Objekt. Er war von einer Hülle ausgestoßener Trümmerstücke umgeben. Ein Großteil des leichten Materials sei aber vom Sonnenwind verweht worden, berichtete Horner auf einem Astronomietreffen der britischen Royal Astronomical Society in Leicester.

In der zweiten Simulation verfolgten die Forscher die Flugbahnen dieser Partikel über einige Millionen Jahre, bis sie auf einem Planeten landeten, im interstellaren Raum verloren gingen oder in die Sonne fielen. Dabei fanden sie heraus: Trümmerteile schafften es bis zur Erde. "Der Planet, der dabei am meisten Material abbekommen hat, ist die Venus. Auf sie fielen rund ein bis zwei Prozent des Ausgestoßenen ab - wenigstens während der simulierten zwei Millionen Jahre", sagte Horner. "Die Erde bekam weniger ab, etwa 0,02 Prozent."

Damit ist der Einschlag auf dem Proto-Merkur für die Geschichte der Erde kaum mehr als eine Fußnote. Horner rechnet vor: Wenn auf die Erde, entsprechend der Simulation, rund 1019 Kilogramm Merkurmaterial regneten, sei das angesichts einer Erdmasse von 6x1024 Kilogramm bloß "ein sehr kleiner Anteil".

Spuren könnte die Kollision, die den Merkur gebar, dennoch hinterlassen haben. "Es ist durchaus möglich, dass wir irgendwann Merkur-Meteoriten auf der Erde finden werden", sagte Horner. Auch wenn das nur ein kleiner Teil sei, zeige es doch, dass Materialaustausch zwischen den inneren Planeten relativ leicht möglich sei, erklären die Forscher.

stx/ddp

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