Merkwürdige Molekülwolke Im Weltall pulst ein dunkles Herz

Die Dunkelwolke Barnard 68 ist eigentlich schon undurchsichtig genug, doch neue Erkenntnisse lassen sie noch rätselhafter erscheinen. Das tiefschwarze Objekt pulsiert offenbar in majestätischem Rhythmus.

Von Martin Paetsch


Auf den ersten Blick sieht Barnard 68 nach nichts aus. Die Dunkelwolke, die wenige hundert Lichtjahre entfernt in der Konstellation Schlangenträger ein Schattendasein fristet, fällt eigentlich nur dadurch auf, dass sie hinter ihr liegende Sterne komplett verfinstert. Doch das scheinbare Loch im Weltall führt, wie Forscher jetzt entdeckt haben, ein seltsames Eigenleben: Es pulsiert wie ein gigantisches Herz - allerdings sehr viel langsamer.

Dunkelwolke Barnard 68: Rhythmisches Wabbeln
ESO

Dunkelwolke Barnard 68: Rhythmisches Wabbeln

Bislang schluckt das obskure Objekt nur Sternenlicht, doch irgendwann könnte es selbst zu leuchten beginnen. Es gehört zu den so genannten Bok-Globulen, dichte Molekül- und Staubwolken, die nach Ansicht der Astronomen eine Vorstufe der Sterne darstellen. Auch Barnard 68 hat das Zeug zu einer stellaren Karriere: Die dunkle Blase, die 300-mal größer ist als unser Planetensystem, enthält anderthalb Sonnenmassen Sternenstaub.

Sterne wie unsere Sonne entstehen, wenn solche Wolken unter ihrem eigenen Gewicht in sich zusammenfallen, bis im Zentrum die Temperaturen hoch genug sind und die Kernfusion einsetzt. Im Innern von Barnard 68 konnten Wissenschaftler jedoch noch keinen neugeborenen Stern ausmachen. Die finstere Gasansammlung scheint es mit dem Kollabieren auch nicht besonders eilig zu haben, denn sie verhält sich relativ stabil.

Was nicht heißt, das sie sich gar nicht rührt. Mit dem spanischen IRAM-Radioteleskop konnten Forscher ein komplexes Bewegungsmuster an der Außenseite der Wolke nachweisen. "Wir wollten herausfinden, ob Barnard 68 rotiert, expandiert oder in sich zusammenfällt", erzählt Charles Lada vom Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics im US-amerikanischen Cambridge. "Stattdessen entdeckten wir, dass diese Molekülwolke anscheinend einen Herzschlag besitzt."

Die Daten über Materie, die an manchen Stellen der Wolkenoberfläche einwärts und an anderen auswärts strömt, lassen sich, so die Wissenschaftler, nicht mit einfachen Bewegungen wie etwa einer Rotation erklären. Sie deuten vielmehr auf ein rhythmisches Wabbeln hin, das an die Schwingungen in einer gigantischen Portion Wackelpudding erinnert.

Sonne: Pulsieren im Minutentakt
SOHO/EIT, ESA & NASA

Sonne: Pulsieren im Minutentakt

Damit steht Barnard 68 unter vergleichbaren Wolken ziemlich allein da. Ein ähnliches Verhalten kannten Astronomen bislang eher von ausgewachsenen Sonnen: "Sterne sind dafür bekannt, dass sie pulsieren, nicht aber Wolken", erklärt Lada. Die Bewegungen in dem dunklen Herz lassen sich sogar mit denselben Gleichungen beschreiben wie das Pulsieren der Sterne.

Allerdings hat es Barnard 68 beim Herumwabbeln nicht so eilig wie etwa unsere Sonne, die im Minutentakt pulsiert. Die Bewegungen der Dunkelwolke, die mit einer Temperatur von nur minus 263 Grad Celsius zu den kältesten Objekten im Universum zählt, fallen sehr viel träger aus: Von einem Pulsschlag zum nächsten vergehen, wie die Forscher berechnet haben, rund 250.000 Jahre.

Wie es zu den seltsamen Erschütterungen kommt, ist den Astronomen bislang ein Rätsel. Lada und seine Kollegen vermuten aber, dass Barnard 68 von der Schockwelle einer nahe gelegenen Supernova in anhaltende Schwingungen versetzt wurde. Darauf deutet auch die Lage der Wolke in einer heißen Blase hin - solche Freiräume, von denen einer auch die Heimat unserer Sonne bildet, wurden vermutlich von explodierenden Sternen ins interstellare Medium gerissen.

Wie außergewöhnlich Barnard 68 tatsächlich ist, will das Team um Lada demnächst klären. Die Forscher, die ihre Ergebnisse im Fachblatt "Astrophysical Journal" veröffentlichen, planen die Beobachtung einiger anderer Molekülwolken, die nah genug an der Erde liegen. Studien sollen zeigen, ob auch diese Exemplare fast unmerklich pulsieren - oder ob die Dunkelwolke im Schlangenträger ein kosmischer Exot ist.



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