Hamburg - Seit drei Monaten umkreist die Raumsonde "Messenger" den Merkur, Zehntausende Bilder und große Datenmengen hat sie in dieser Zeit zur Erde gefunkt. Jetzt hat die US-Raumfahrtbehörde Nasa auf einer Pressekonferenz erste Ergebnisse der Mission präsentiert - und die sind durchaus überraschend.
Die chemische Zusammensetzung der Merkur-Oberfläche weicht demnach von jener der anderen inneren, felsigen Planeten im Sonnensystem ab. Auch das Merkur-Magnetfeld ist - anders als das der Erde - stark asymmetrisch. Überraschend für die Forscher ist auch die Entdeckung von Vertiefungen, die wie ausgestanzt wirken.
"Diese Landschaftsformen ähneln nichts, was wir zuvor auf dem Merkur oder auf dem Mond gesehen haben", sagte Brett Danevi von der Johns Hopkins University, ein Mitglied des "Messenger"-Teams. Die Vertiefungen sind mehrere hundert Meter bis zu einigen Kilometern groß und häufig von hellem, stark reflektierendem Material umgeben. "Wir debattieren noch über den Ursprung dieser Strukturen", so Danevi. "Aber sie scheinen relativ jung zu sein. Sie deuten darauf hin, dass es mehr flüchtige Substanzen als vermutet in der Kruste des Planeten gibt."
Die Substanzen - vor allem Schwefel - könnten, so vermuten die Forscher, durch die Oberfläche nach außen brechen und dabei die ungewöhnlichen Vertiefungen hinterlassen. Das hatten die Experten nicht erwartet. Der Merkur sollte eigentlich im heißesten und dichtesten Teil der rotierenden Gas- und Staubscheibe entstanden sein, aus der alle Planeten des Sonnensystems hervorgegangen sind. Leichtere Materialien wie Schwefel, so die Annahme, hätten sich auf dem Merkur deshalb nicht halten können.
"Normalerweise gehen solche Elemente im Weltraum verloren", sagte Chefwissenschaftler Sean Solomon von der Carnegie Institution in Washington. "Dass wir dennoch Schwefel an der Oberfläche sehen, deutet darauf hin, dass Schwefelgase hervorgebrochen sind." Inzwischen müsse man wohl die Theorien zur Entstehung des Merkurs überdenken. "Alle unsere einfachen Vorstellungen - ein heißer Planet, keine flüchtige Substanzen - stellen sich als weniger simpel heraus, als wir gedacht hatten."
Vulkanismus formte Oberfläche
Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) analysieren in Zusammenarbeit mit der Nasa die Daten von drei der insgesamt sieben Instrumente an Bord von "Messenger"(kurz für "Mercury Surface, Space Environment, Geochemistry and Ranging Spacecraft"). Dazu zählt auch eine spezielle Kamera, mit der die Forscher kilometerdicke Lavaschichten in der Nordpolregion des Planeten nachweisen konnten.
Die große Ausdehnung dieser lavabedeckten Flächen zeigt nach Ansicht der Wissenschaftler, dass Vulkanismus im Verlauf eines großen Teils der Merkur-Geschichte eine wichtige Rolle bei der Gestaltung des Planeten gespielt hat.
Unerwartet sei außerdem die Entdeckung einer starken Asymmetrie des Magnetfelds des Planeten. Der Mittelpunkt des Magnetfelds liegt nicht - wie bei der Erde - im Planetenzentrum, sondern 480 Kilometer nach Norden verschoben. Dadurch öffnet sich das Magnetfeld über dem Südpol sehr viel stärker als über dem Nordpol. Die südpolare Region ist deshalb einem wesentlich intensiveren Zustrom energiereicher Teilchen von der Sonne ausgesetzt.
Die bisherigen Überraschungen könnten nicht die letzten sein, die der Merkur bereithält. Die kommenden Untersuchungen sollen zeigen, ob der Planet in seinen durchgehend im Schatten liegenden Kratern vielleicht sogar Eis besitzt.
mbe/dapd
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Weltall | RSS |
| alles zum Thema Sonnensystem | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH