Meteoriteneinschläge Unsichtbare Gefahr aus dem All

Im Jahr 1908 vernichtete ein Meteorit ein riesiges Waldstück in Sibirien. Ein Wissenschaftler glaubt, dass der kosmische Eindringling kleiner war als bislang vermutet. Sollte er Recht haben, würde die Gefahr aus dem All steigen. Denn für uns sind die tickenden Zeitbomben unsichtbar.


Der Körper explodierte in einer Höhe von einigen Kilometern über der Erdoberfläche, im Zentrum der Explosion fand man danach nur noch einen Wald aus Stümpfen, die Bäume waren von allen Ästen befreit. Weiter entfernt, wo die Druckwelle von der Seite traf, wurden Bäume umgeknickt wie Streichhölzer. Ein Einschlagkrater wurde nie gefunden.

1908 wurde das Gebiet der Tunguska zerstört - 2000 Quadratkilometer Wald in Sibirien völlig verwüstet. Über die Größe des Meteoriten, der diese Katastrophe verursachte, gibt es nun neue Erkenntnisse. Simulationen von Mark Boslough von den Sandia National Laboratories im US-Bundesstaat New Mexico zeigen, dass der Tunguska-Meteorit vielleicht nur 30 Meter groß war - und damit kleiner als bislang angenommen.

Meteoriten dieser und ähnlicher Größe, die auf Kollisionskurs mit der Erde sind, schießen mit 40- bis 60-facher Schallgeschwindigkeit durch die Erdatmosphäre. Viele explodieren bereits, bevor sie die Oberfläche treffen. Die extreme Reibung und Hitze beim Eintritt in die Atmosphäre drücken die Gesteinsbrocken flach wie Pfannkuchen. Die einwirkenden Kräfte können dabei so stark werden, dass die Meteoriten letztlich zerbersten. Geschieht dies, ist es fatal, denn spätestens seit den Atomwaffentests des vergangenen Jahrhunderts weiß man, dass eine Explosion in geringer Höhe den größten Schaden anrichtet. Wissenschaftler glauben, dass exakt dies auch 1908 in Tunguska passiert ist.

Bei der Explosion des Meteoriten in der Luft wird Gesteinsmaterial über eine weite Fläche verstreut, ein Einschlagskrater entsteht dabei nicht. Wissenschaftler verlassen sich auf Computersimulationen, um anhand der Zerstörung auf die Größe des Meteoriten rückzuschließen. Im Falle des Tunguska-Ereignisses glaubte man bislang, dass ein Meteorit von 50 Metern Durchmesser die Explosion verursachte, die eine Wucht von 10 bis 20 Megatonnen TNT besaß. Laut Boslough war er nur 30 Meter groß und die Explosion hatte lediglich eine Wucht von nur drei bis fünf Megatonnen. Dennoch: "Wenn solch ein Ereignis über einer dicht besiedelten Region stattfände, können bis zu einer Million Menschen umkommen", sagte Boslough dem Fachmagazin "New Scientist".

Tunguska-Katastrophe: Kahlschlag in sibirischem Wald
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Tunguska-Katastrophe: Kahlschlag in sibirischem Wald

Seiner Meinung nach fielen bisherige Schätzungen des Tunguska-Meteoriten zu groß aus, weil sein Auseinanderbersten wie eine nukleare Explosion betrachtet wurde - an einem festen Punkt in der Atmosphäre stattfindend. Der resultierende Schaden bei solch einer Explosion wäre also nur abhängig von ihrer Größe und Temperatur, sowie ihrer Entfernung zum Erdboden. "Das vernachlässigt allerdings etwas ganz Entscheidendes", sagt Boslough, "die Bewegung".

Seine Simulationen nämlich zeigen, dass der nach der Explosion des Meteoriten entstehende Feuerball wie eine Rakete weiter auf die Erde zurast - und im Fall Tunguskas die Oberfläche zwar nicht ganz erreichte, sondern nur bis zu einer Höhe von etwa fünf Kilometern vordrang. Dennoch: Seine Hitze- und Schockwelle gelangte bis zum Boden und richtete den überwiegenden Teil des Schadens an.

Wenn Boslough Recht behalten sollte, würde das bedeuten, dass auch kleine Meteoriten einen weit größeren Schaden anrichten könnten, als man bisher glaubte. Die Zahl der potentiellen Bomben aus dem All würde sich damit erhöhen. Beunruhigend, denn sie wären auch noch unsichtbar: Objekte unter 140 Metern, die im Sonnensystem umherfliegen, können noch nicht von den Astronomen registriert werden.

lub



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