Militär im All Russland schickt Weltraumkrieger zur ISS

Ein russischer Kosmonaut hat den Auftrag bekommen, im Oktober militärische Experimente in der Raumstation ISS durchzuführen. Ganz im Geheimen wird er kaum arbeiten können, denn mit ihm reist auch ein amerikanischer Astronaut zur Internationalen Station.


Raumstation ISS (Zeichnung): "Den Weltraumtruppen Nutzen bringen"
DDP

Raumstation ISS (Zeichnung): "Den Weltraumtruppen Nutzen bringen"

Am 9. Oktober startet Kosmonaut Juri Schargin zusammen mit seinem Landsmann Salishan Scharipow und dem Amerikaner Leroy Chiao mit der "Sojus TMA-5"-Kapsel zur Station, um dort eine Woche lang ein ziviles und militärisches Programm zu absolvieren. Der 44-jährige Oberstleutnant, geschiedener Vater zweier Kinder, ist der einzige Vertreter der Weltraumtruppen Moskaus im Kosmonautenkorps.

Seinen Einsatz hat Schargin der Tatsache zu verdanken, dass einer der raren Plätze in den "Sojus"-Kapseln, die nur zweimal pro Jahr die ISS anfliegen, unverhofft frei wurde. Eigentlich hatte der St. Petersburger Bauunternehmer Sergej Polonski den dritten Platz für 20 Millionen Dollar gebucht. Der 31-Jährige wollte nach dem Amerikaner Dennis Tito und dem Südafrikaner Mark Shuttleworth dritter privater Weltraumtourist werden. Doch dann bekam er am Freitag Startverbot - aus nicht näher bezeichneten "medizinischen Gründen".

Damit war der Weg für Schargin frei, der als Günstling des neuen Chefs der Föderalen Raumfahrtagentur, Generaloberst Anatoli Perminow, gilt. Perminow, bis Anfang des Jahres noch Oberkommandierender der Weltraumtruppen, hatte ihm damals schon eine Fahrkarte zur ISS versprochen, wie zu hören ist.

Der neue Weltraumtruppen-Chef, Generalleutnant Wladimir Popowkin, sieht den Absolventen der Militärischen Ingenieursakademie für Luft- und Raumfahrt in St. Petersburg natürlich nicht als "Tourist" in der Station. Schargin solle dort vielmehr "ein interessantes Programm" erfüllen, "das den Weltraumtruppen und dem Land als Ganzes Nutzen bringt", kündigte Popowkin im Vorfeld an. Worum es sich dabei genau handelt, sagte er jedoch nicht.

Außenarbeiten an ISS: Erprobung von Waffen verboten
AP/ NASA

Außenarbeiten an ISS: Erprobung von Waffen verboten

Schargin ist nicht der erste Vertreter einer militärischen Spezialeinheit, der zur ISS fliegt. Schon der erste Kommandant der Station, US-Astronaut William "Bill" Shepherd, gehörte einer Elitetruppe an. Der Commander der Navy Seals, einer Einheit für geheime Kommandoaktionen zu Wasser, zu Lande und in der Luft, unternahm um die Jahrtausendwende einen zeitlich begrenzten "Ausflug" in die Raumfahrt und steht mit drei Shuttle-Starts und einem Flug mit einem russischen "Sojus"-Schiff zur ISS zu Buche. Im August 2002 nahm er wieder Abschied von der Nasa und ging zu den Seals zurück. Auf die Frage, was er besser könne als jeder andere auf der Welt, hatte Shepherd im Oktober 2000 in einem Interview geantwortet: "Ich töte Menschen mit einem Messer."

Wie die Russen das militärische Programm von Schargin zu rechtfertigen gedenken, ist bisher nicht bekannt. Tatsache ist, dass sie bereits in den 70er Jahren ihre "Saljut"-Raumstationen militärisch genutzt haben. Später waren auch im Mir-Labor derartige Dinge in größerem Stil geplant. Das fiel aber ins Wasser, weil sich der Start des dafür vorgesehenen "Spektr"-Moduls immer wieder verzögerte. Dennoch wurden einzelne militärische Aufträge erfüllt, wie offiziell eingeräumt wurde.

Der Weltraumvertrag von 1967 verbietet es, Objekte mit Kernwaffen oder anderen Massenvernichtungswaffen auf eine Erdumlaufbahn zu bringen oder auf Himmelskörpern und im Weltraum zu stationieren. Er untersagt außerdem die Errichtung von Militärbasen, die Erprobung von Waffen und die Abhaltung militärischer Manöver im All. Nicht verboten sind allerdings durch den Kosmos fliegende ballistische Raketen sowie Satelliten zur Kontrolle, Kommunikation und Aufklärung. Das bestehende Völkerrecht garantiert also keine vollständige Entmilitarisierung und unterbindet nicht generell die militärische Nutzung des Alls.

Gerhard Kowalski, ddp



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