Mission Mars500: Überraschende Hormonzyklen bei Männern

Von , Moskau

Erstaunliche Ergebnisse des "Mars500"-Projekts: Lange galt der Hormonspiegel bei Männern als konstant, deutsche Wissenschaftler haben jetzt das Gegenteil nachgewiesen. Während des 520 Tage langen Experiments stießen sie auf überraschende Hormonzyklen bei den Probanden.

Simulierter Raumflug: Die Lehren aus der Mission "Mars500" Fotos
ESA/ IBMP/ O.Voloshin

Die sechs menschlichen Versuchskaninchen gaben sich gefasst, bevor sich die schwere Stahltür des "Botschka-Fässchen" genannten Mars500-Moduls im Juni 2010 in Moskau hinter ihnen schloss. 520 Tage ohne Sonnenlicht und direkten Kontakt zur Außenwelt lagen da vor ihnen, 17 Monate Fertigmahlzeiten aus der Tiefkühltruhe morgens, mittags, abends. "Ich bin Soldat Russlands", sagte Proband Alexander Smolejewski tapfer. "Ich bin fades Essen gewohnt".

Als eine "Mischung aus finnischer Sauna und ausgebautem Dachstuhl der siebziger Jahre" beschrieb das an der Mission beteiligte Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) das Modul. Die Crew, drei Russen, zwei Europäer und ein Chinese, sollte knapp anderthalb Jahre lang einen Raumflug nachstellen - simulierter Spaziergang auf der Marsoberfläche inklusive - und so Vorarbeit leisten für die Vorbereitung eines wirklichen Flugs zum Mars. Von dessen Eroberung träumt vor allem Russland, die treibende Kraft hinter der Simulation. 65 Prozent der Russen halten einen Flug zum Mars für notwendig.

Gleichsam als Trittbrettfahrer aber nahm der DLR auch deutsche Wissenschaftler mit ganz irdischen Forschungsinteressen an Bord. Das Team des Molekularmediziners Jens Titze untersuchte, ob Kochsalz den Blutdruck erhöht. Das Fachmagazin "Cell Metabolism" veröffentlicht nun Titzes Auswertung des Experiments "Mars500".

Mehr Salz führt zu höherem Blutdruck

Die "Mars500"-Probanden folgten strikten Ernährungsplänen. Zunächst reduzierten Titze und Co. die in Mahlzeiten enthaltene Kochsalzration von den in Deutschland üblichen 12 Gramm pro Tag auf 9 Gramm, später weiter auf die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen 6 Gramm. Der Blutdruck der Crew sank. Der Grund dafür hätte auch die abnehmende Aktivität der Besatzung während der Mission sein können. Um Langeweile als Ursache während zunehmender Isolationsdauer auszuschließen, erhöhten die Forscher die Salzration wieder auf 12 Gramm. Der Blutdruck stieg. Damit gelang erstmals in einem langfristigen Experiment der Nachweis eines Zusammenhangs von Salz und Bluthochdruck beim Menschen. Von dieser Erkenntnis könnten 15 bis 20 Millionen Bluthochdruckpatienten in Deutschland profitieren. Titze hofft, dass eine salzärmere Kost jedes Jahr das Leben von Tausenden Patienten verlängern könnte.

Bislang galt die Niere als entscheidender Taktgeber für den Salzhaushalt des Menschen: Nimmt der Körper zu große Salzrationen auf, scheidet er sie binnen 24 Stunden wieder aus, hieß es. Das ist offenbar nicht richtig. Die Probanden schieden mal mehr, mal weniger Salz über den Urin aus, unabhängig von ihren Mahlzeiten. Ihre Körper speicherten Salz über mehrere Tage, der Salzgehalt im Körper stieg und fiel ihn einem mehrtägigen Rhythmus. Urinproben eines Tages reichen also nicht aus, um den Salzkonsum eines Menschen einzuschätzen, damit ist die Basis eines gängigen Diagnoseverfahrens hinfällig.

Auch Männer haben Hormonschwankungen

Die mehrtägigen Zyklen werden durch Hormone gesteuert. Der Hormonspiegel bei Männern wurde anders als bei Frauen weitgehend konstant angenommen. Die Salz-Zyklen bei den "Mars500"-Probanden aber wurden von wechselnden Konzentrationen des Steroids Aldosteron, des Stresshormons Cortisol und des Sexualhormons Testosteron begleitet. Die Hormone schwanken in Rhythmen von rund 7-, 14- und 28 Tagen.

Titze hatte seine Entdeckung auch als "männliche Regel" bezeichnet. Das brachte ihm Kritik ein, der Begriff sei zu plakativ. "Inhaltlich bleibt das bestehen. Es gibt Steroidhormone, die zyklisch schwanken. So etwas hat man beim Mann noch nie zuvor beobachtet", so der Wissenschaftler.

Gestörte innere Uhr

Ein weiteres Forscherteam berichtete bereits am Montag im Fachblatt "PNAS" über einen gestörten Schlaf-Wach-Zyklus bei den Probanden. Die Wissenschaftler stellten fest, dass der Bedarf an Schlaf und Erholung mit zunehmender Isolationsdauer stieg. Die Pseudoastronauten wurden immer passiver und lethargischer. Erst 20 Tage vor dem geplanten Ende des Experiments, der geplanten "Rückkehr" auf die Erde, dagegen sank das Schlafbedürfnis der Crew wieder dramatisch - wohl aus Vorfreude auf das Ende der Mission.

Um den natürlichen 24-Stunden-Rhythmus bei Langzeitmissionen beibehalten zu können, empfehlen die Forscher dazu passende Beleuchtungsmuster und feste Zeiten für Mahlzeiten und Fitnessübungen.

Das Experiment, das den fernen Mars zum Ziel hatte, hat das Wissen über den menschlichen Organismus erweitert - wirft aber zugleich mehr Fragen auf. Was steuert beispielsweise die entdeckten Hormonzyklen, sind sie vergleichbar mit der weiblichen Menstruation?

Jens Titze, der deutsche Molekularmediziner, ist "selbst ein wenig erschreckt" von den Ergebnissen. "Dank Mars500 wissen wir, dass der Körper sehr viel komplizierter funktioniert als wir dachten. Ich bin mir sicher, dass unsere Daten ganz neue Forschungsrichtungen eröffnen werden."

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insgesamt 65 Beiträge
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1. Sex!?
Emmi 08.01.2013
Die 6 Männer waren also 500 Tage da drin. Und was ist mit Sex? Vergeht einem da völlig die Lust!? Unterliegt die Libido auch einem Zyklus (was ich vermute)?
2.
cassandra106 08.01.2013
Zitat von sysopErstaunliche Ergebnisse des "Mars500"-Projekts: Lange galt der Hormonspiegel bei Männern als konstant, deutsche Wissenschaftler haben jetzt das Gegenteil nachgewiesen. Während des 520 Tage dauernden Mars500-Experiments stießen sie auf überraschende Hormonzyklen bei den Probanden. Mission Mars 500: Überraschende Hormon-Zyklen bei den Probanden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/mission-mars-500-ueberraschende-hormon-zyklen-bei-den-probanden-a-876299.html)
So richtig neu ist das aber nicht. Ist doch schon vor Jahren bekannt geworden, dass Männer auch einen hormonellen Zyklus haben.
3.
klugscheißer69 08.01.2013
Zitat von EmmiDie 6 Männer waren also 500 Tage da drin. Und was ist mit Sex? Vergeht einem da völlig die Lust!? Unterliegt die Libido auch einem Zyklus (was ich vermute)?
Nun, so wie es auf den Bildern aussieht, hatten die Herren jeweils zwei gesunde Hände und diese vermutlich sogar dabei.
4.
Marshmallowmann 08.01.2013
Zitat von EmmiDie 6 Männer waren also 500 Tage da drin. Und was ist mit Sex? Vergeht einem da völlig die Lust!? Unterliegt die Libido auch einem Zyklus (was ich vermute)?
Ja, aber einem Tageszyklus, weiss man aber schon länger.
5.
cassandra106 08.01.2013
Zitat von EmmiDie 6 Männer waren also 500 Tage da drin. Und was ist mit Sex? Vergeht einem da völlig die Lust!? Unterliegt die Libido auch einem Zyklus (was ich vermute)?
Es gibt Millionen Menschen, die jahrelang problemlos ohne Sex auskommen. Da ist auch nicht wirklich etwas dabei, schließlich ist Sex nicht lebensnotwendiges. Würde man daran nicht krepieren, Menschen könnten mit ihrem Willen auch die weitaus stärkeren Triebe Hunger, Durst und sogar Atmen vollständig kontrollieren. Und auch andere Triebe, wie Fluchtreflex u.ä. kann der Mensch mit seinem Willen kontrollieren. Alles möglich. Dagegen ist der Sexualtrieb ein kleines Licht - Erkrankungen mal außen vor. Und ansonsten: Gibt ja noch Masturbation.
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