Mit TV-Sendung ins All Briten suchen die Super-Astronauten

Wie bislang Plattenverträge oder Container-Ruhm soll künftig per TV-Casting eine Reise ins All beschert werden. In Großbritannien gibt es dafür Pläne. Gleichzeitig wurden erste Kabinenentwürfe für künftige Weltraumtouristen vorgestellt - sie sind enger als der Big-Brother-Container.


London/New York - Um ein TV-Popstar zu werden, muss man singen oder tanzen können oder Dieter Bohlen gefallen. Wenn man dann berühmt ist, kann man ins Dschungelcamp gehen und sich von den TV-Zuschauern wieder rauswählen lassen. Wer unbekannt war und nichts konnte, dem blieb in der Vergangenheit immer noch die Option, sich in den Big-Brother-Container sperren zu lassen. In Zukunft winkt als Lohn für die Entblößung vor einem Millionen-TV-Publikum Höheres: fest angeschnallt ins Weltall zu fliegen.

In Großbritannien wird über eine neue Fernsehsendung verhandelt, bei der Freiflüge für internationale Möchtegern-Astronauten oder -Astronautinnen als Siegprämie winken sollen. Dabei soll nach dem Vorbild von Casting-Shows wie "Deutschland sucht den Superstar" unter zahlreichen Bewerbern ein Weltraum-Tourist ermittelt werden, wie die britische Zeitung "The Guardian" berichtet. Der Arbeitstitel der Sendung lautet demnach "Astronaut Idol" und würde sich damit der internationalen Nomenklatur der Superstar-Sendungen anlehnen. Das Pendant zu "DSDS" heißt etwa in den USA "American Idol".

Sowohl der öffentlich-rechtliche Sender BBC als auch der Privatkanal ITV interessierten sich für "Astronaut Idol", berichtet die Zeitung. Verhandlungspartner sei Virgin Galactic, eine Firma des exzentrischen Schwerreichen Richard Branson. Der will mit Virgin Galactic ab 2008 Touristenflüge an die Grenze zum All anbieten.

Von "DSDS" zu "Space Idol"

Der britische Zeitungsbericht erschien just am Morgen nach einer PR-Veranstaltung Bransons in New York: Dort hatte der Eigner der Fluglinie Virgin Atlantic erstmals die Innenausstattung seines Linienraumschiffs "Spaceship Two" vorgestellt: eine Kabine mit weißem Innenraum und Liegesitzen unter runden Fenstern, welche größer sind als die aus Verkehrsflugzeugen bekannten. Solange "Spaceship Two" unter einem Trägerflugzeug hängt und nachdem es sich dort ausklinkt sowie durch die oberen Atmosphärenschichten aufsteigt, sollen Passagiere auf diese verstellbaren Liegen festgeschnallt sein. Entflieht das Gefährt dem Schwerefeld der Erde dann so weit, dass Schwerelosigkeit herrscht, sollen sie in der Kabine schweben können.

Branson zeigte ein Werbevideo von imaginären Fluggästen im gestern vorgestellten Interieur des "Spaceship Two". Das Schweben und Gleiten an der Grenze zum Weltall wäre für die zahlenden Gäste allerdings ein kurzes Vergnügen: Nach fünf Minuten Schwerelosigkeit nähert sich das suborbitale Gefährt wieder so sehr der Erde, dass die Passagiere sich festschnallen müssten.

Neben zwei Piloten soll "Spaceship Two" für sechs Passagiere mit Tickets à 200.000 US-Dollar - rund 157.000 Euro - Platz bieten. Auch bei der geplanten TV-Sendung "Space Idol" sollen am Ende sechs Kandidaten aus aller Herren Länder übrig bleiben. Sollte die Astronauten-Suchshow je ins Programm gehoben werden, wäre sie für Bransons Raumflugfirma sicherlich gute Werbung - einen Markt gibt es offenbar.

Nach Angaben von Virgin Galactic haben bereits 200 Menschen eine Anzahlung für den kurzen Flug mit "Spaceship Two" geleistet. Zehntausende hätten Interesse bekundet. Wahrscheinlich ist damit jedoch die bloße Registrierung auf der Website von Virgin Galactic gemeint.

Vom Ansari-Preis zum Linienweltraumflug

Bransons weißer Flieger soll eine Weiterentwicklung von "Spaceship One" sein, dem Prototypen, den Virgin Galactic zusammen mit dem Luftfahrtabenteurer Burt Rutan entwickelt hatte. Der hatte mit dem Trägerflugzeug "White Knight" im Herbst 2004 das "Spaceship One" zweimal in der Luft ausgeklinkt in eine Höhe knapp über 100 Kilometer aufsteigen lassen. Damit erfüllte das Projekt die Kriterien des Ansari X Prize für den ersten privaten bemannten suborbitalen Raumflug. Rutans Firma Scaled Composites konnte so zehn Millionen US-Dollar Preisgeld einstreichen.

Maßgeblich zu dem Preis - der explizit private Konkurrenz zur staatlichen Raumfahrtbehörde Nasa fördern sollte - beigetragen hatte eine Millionenspende der Telekommunikationsunternehmerin Anousheh Ansari. Sie ist mittlerweile die erste Frau überhaupt, die als Weltraumtouristin zur Internationalen Raumstation ISS gereist ist.

Bislang können Privatleute nur über ein US-amerikanisches Tochterunternehmen der russischen Raumfahrtbehörde Flüge ins Weltall arrangieren. Ansari hat für den Trip zur ISS rund 20 Millionen US-Dollar (15,7 Millionen Euro) bezahlt. Nach ihrer sicheren Landung in der Steppe von Kasachstan will die russische Firma die Preise nun erhöhen.

Mit Bonusmeilen ins All

Bransons Virgina Atlantic hat für das Ende des nächsten Jahres erste Testflüge mit dem "Spaceship Two" angekündigt. Ab 2008 soll es nach Unternehmensangaben erste kommerzielle Flüge geben - zunächst von Kalifornien aus, später von einer Anlage im US-Bundesstaat New Mexico, die den Namen Spaceport America trägt und als erster kommerzieller privater Weltraumhafen für Personenflüge beworben wird.

Dabei hat sich Virgin ein äußert ehrgeiziges Ziel gesetzt: Schon im ersten Jahr des Regelbetriebs möchte man 500 Passagieren an den Rand des Alls und damit in die Schwerelosigkeit heben. Das wäre etwa dieselbe Zahl an Menschen, die in den vergangenen 45 Jahren in den Weltraum geflogen sind.

Sollten diese Pläne in die Tat umgesetzt werden können, wird eine Person dafür weder 200.000 US-Dollar zahlen, noch im Fernsehen um die Gunst des Publikums buhlen müssen - und trotzdem fliegen können: Der Brite Alan Watts hatte zwei Millionen Bonusmeilen der Fluggesellschaft Virgin Atlantic eingesammelt - und will diese in einen Raumflug mit Virgin Galactic tauschen. Watts war bei der Kabinenpräsentation in New York anwesend und nahm schon einmal in einem der Liegesessel Platz.

stx/dpa/AFP/AP



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