"Chang'e 4" Was ein Professor aus Kiel mit der chinesischen Sonde auf dem Mond zu tun hat

An Bord der chinesischen Mondsonde ist auch ein Messgerät aus Kiel, entwickelt vom Physiker Wimmer-Schweingruber aus Kiel. Das Gerät soll das Krebsrisiko für Astronauten erforschen - und hat einen wichtigen weiteren Auftrag.

Robert Wimmer-Schweingruber
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Robert Wimmer-Schweingruber

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Als sich Robert Wimmer-Schweingruber am frühen Donnerstagmorgen auf den Weg zur Arbeit macht, blickt er stolz zum Mond. Der Professor für Experimentelle und Angewandte Physik arbeitet an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und hat gemeinsam mit seinem Team ein Messgerät entwickelt, das nun an Bord der chinesischen Sonde "Chang'e 4" auf der Rückseite des Mondes gelandet ist. "Das ist schon eine unglaubliche Vorstellung", sagt er dem SPIEGEL.

Die Mission ist ein Novum in der Raumfahrt. Denn es ist das erste Mal, dass ein menschengemachtes Objekt auf der Rückseite des Mondes gelandet ist. Von der Erde aus sehen wir immer nur eine Seite des Mondes, weil sich der Trabant genauso schnell um sich selbst dreht wie um die Erde.

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Raumsonde "Chang'e 4": Landung auf der Rückseite des Mondes

Dadurch sind etwa 41 Prozent der Mondoberfläche von der Erde aus nie zu sehen. Erst seit der sowjetischen Mondmission "Lunik 3" hat die Menschheit eine Vorstellung, wie es dort aussieht. Am 7. Oktober 1959 schickte die Sonde insgesamt 29 Bilder, die immerhin 70 Prozent der erdabgewandten Fläche zeigen.

Die Landung auf der Mondrückseite ist deutlich schwieriger, weil sie nicht so flach ist wie die Vorderseite. Außerdem ist keine direkte Funkverbindung möglich. China brachte deshalb bereits im Mai den Übertragungssatelliten "Queqiao" in Position. Vorherige Mondoperationen konzentrierten sich auf die erdzugewandte Seite des Mondes, auf der schon zahlreiche Sonden und zwölf Astronauten gelandet sind.

"Lunar Lander Neutrons & Dosimetry" (LND)
University of Kiel

"Lunar Lander Neutrons & Dosimetry" (LND)

"Unser Messgerät hat die Landung gut überstanden und heute Morgen schon zwei bis drei Stunden lang gemessen", sagt Wimmer-Schweingruber. Dass das Messgerät "Lunar Lander Neutrons & Dosimetry" (LND) überhaupt an Bord der chinesischen Sonde ist, sei großes Glück.

Vor knapp drei Jahren hatten die Kieler Forscher ihr Projekt auf einem Wissenschaftstreffen in der Nähe von München vorgestellt. Ihnen blieben nur 15 Minuten Zeit für die Präsentation. Fast 20 Teams hatten ihre Experimente präsentiert, drei bekamen von China den Zuschlag, darunter auch die Wissenschaftler aus Kiel. Das Projekt wird auch durch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt gefördert. Die Kosten liegen bei etwa einer Million Euro.

Im Video: Auf der Rückseite des Mondes

China National Space Administration/HANDOUT/EPA-EFE/REX

Das Gerät misst die für Astronauten gefährliche Strahlung im Weltraum, die Krebs auslösen kann. "Die Strahlendosis auf der Mondoberfläche wurde bisher noch nie gemessen, sondern nur die Gesamtstrahlung während einzelner Mondmissionen", sagt Wimmer-Schweingruber. Dadurch sei noch unklar, wie viel Strahlung Astronauten tatsächlich abkriegen.

Die Forschungsergebnisse sollen helfen, Astronauten bei künftigen Mondmissionen besser zu schützen. "Neben dem Start und der Landung bergen die Strahlungen das größte Risiko für Astronauten", erklärt Wimmer-Schweingruber. Und die können sehr variabel sein und seien deshalb schwer vorauszusagen.

Robert Wimmer-Schweingruber mit "Lunar Lander Neutrons & Dosimetry" (LND)
DPA

Robert Wimmer-Schweingruber mit "Lunar Lander Neutrons & Dosimetry" (LND)

Außerdem spürt das Messgerät Wasser auf. Dass es auf dem Mond Wasser gibt, ist schon seit Längerem bekannt. Bei dem Experiment der Kieler geht es vor allem darum, das neue Gerät zu testen, um es auch bei weiteren Weltraummissionen einsetzen zu können. Die Forscher aus Kiel entwickeln auch Geräte für die Weltraumbehörden Esa und Nasa.

"Ein sportliches Ziel"

Die Arbeit am LND musste sehr schnell gehen. "Wir hatten nur 13 Monaten Zeit - ein sportliches Ziel", sagt Wimmer-Schweingruber. Bis zur letzten Minute vor der Abgabefrist hätten die Forscher unter Hochdruck gearbeitet. Zum Glück hätten schließlich alle Bauteile funktioniert.

"Unsere größte Sorge war, dass das Messgerät während des Raketenstarts beschädigt wird, weil dann enorme Kräfte wirken", sagt der Physiker. Deshalb hatte das Forschungsteam das LND in Experimenten kräftig durchgeschüttelt, um einen Raketenstart zu simulieren.

Außerdem konnten die Wissenschaftler nicht immer auf bewährte Designs zurückgreifen, die beispielsweise auch im Marsrover "Curiosity" verbaut sind. Bestimmte Bauteile dürfen nicht nach China exportiert werden, weil ihr Aufbau streng geheim ist. Die Kieler Forscher mussten deshalb Teile der Elektronik neu entwerfen. Mindestens ein Jahr lang soll das LND nun auf der Rückseite des Mondes arbeiten und Messwerte zur Erde schicken.



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
lennixl 03.01.2019
1. Clickbait
Was soll dieses Clickbait im Vorschautext? Warum schreibt man nicht direkt, dass mit dem Messgerät Wasser aufgespürt werden kann? Langsam habe ich wirklich das Gefühl, ich befinde mich auf F*cus Online.
Linus Haagedam 03.01.2019
2. gibt Schlimmeres
Zitat von lennixlWas soll dieses Clickbait im Vorschautext? Warum schreibt man nicht direkt, dass mit dem Messgerät Wasser aufgespürt werden kann? Langsam habe ich wirklich das Gefühl, ich befinde mich auf F*cus Online.
Es soll neugierig machen. Bei uns beiden hat es funktioniert. Blöd ist doch nur, wenn dann im Text nichts kommt. Hier aber gibt es die versprochene Zusatzinformation und sie ist - einigermaßen - interessant.
permissiveactionlink 03.01.2019
3. Interessant !
"Von der Erde aus sehen wir immer nur eine Seite des Mondes, weil sich der Trabant genauso schnell um sich selbst dreht wie um die Erde." Man sollte es etwas präzisieren : Wenn wir aus der Entfernung auf eine Kugel sehen, sehen wir maximal 50% von deren Oberfläche. Beim Mond sehen wir zwar in erster Näherung immer dieselben 50%, aber n i c h t exakt. Das ist auch der Grund, warum uns bis Mitte des 20. Jhdts nur 41% der Mondoberfläche unbekannt waren, und nicht 50%. Der Grund dafür ist die sog. Libration des Mondes (in Länge, Breite und paralaktisch), durch die es uns möglich ist, am Rand des Mondes mal hier, mal dort etwas hinter den Mond zu blicken. Wir kennen also mehr als 50% des Mondes, und wir sehen nicht permanent immer auf dieselbe Mondfläche !
nachdenklich1 03.01.2019
4. Traurig
"Bestimmte Bauteile dürfen nicht nach China exportiert werden, weil ihr Aufbau streng geheim ist" Und ich dachte immer wenigstens in der Weltraumforschung für die Zukunft der Menschheit können wir diesen Sanktionsirrsinn ablegen. Wahrscheinlich wird dieser Irrsinn noch nicht einmal aufhören, wenn uns ein Riesenmeteorit droht auszulöschen....
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