Private Raummission Mobilfunker auf dem Mond

Eigentlich wollte ein deutsches Team bei einem Google-Wettbewerb Roboter zum Mond schicken. Aus dem Wettlauf hat man sich nun aber verabschiedet. Geflogen werden soll trotzdem - auch um ein kosmisches Mobilnetz aufzubauen.

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Dies ist eine dieser Geschichten, die man auf zwei Arten erzählen kann. Eine mögliche Variante wäre es, vom Scheitern zu berichten. Davon, dass ein Team deutscher Raumfahrtenthusiasten seit Jahren daran gearbeitet hat, im Rahmen eines internationalen Wettbewerbs ein Roboterauto auf dem Mond abzusetzen. Schneller als andere wollte man von dort oben HD-Videos zur Erde funken, man wollte Preisgelder kassieren, Geschichte schreiben.

Aber wie es aussieht, ist dieses Thema seit Kurzem durch, nach zehn Jahren harter Arbeit - weil klar ist, dass man wichtige Fristen bei der Wettfahrt ins All nicht einhalten kann.

Wieder nicht einhalten kann, wie andere Wettbewerber auch, um genau zu sein. Denn besagte Fristen sind bereits mehrfach verlängert worden. Und irgendwann ist es dann auch mal gut.

Google Lunar X-Prize heißt der Wettbewerb, Part Time Scientists das Team der deutschen Raumfahrtbastler. (Hier erfahren Sie mehr über Wettbewerb und Team.)

Andere Mannschaften im Wettrennen - SpaceIL aus Israel, Moon Express und Synergy Moon aus den USA sowie Team Indus aus Indien - glauben offiziell noch daran, dass es ihnen gelingt, bis zum Ende des Jahres in Richtung Mond abzuheben - und als Sieger 20 Millionen Dollar abzuräumen.

"Für uns ist das Ziel ein bisschen größer", sagt Robert Böhme, Chef der Part Time Scientists und im Hauptberuf Informatiker. Wenn es nach dem Berliner und seinen Mitstreitern geht, dann sollte man lieber die zweite Variante wählen, wie sich ihre Geschichte eben auch erzählen lässt: Zum Mond wollen die selbst ernannten Teilzeitwissenschaftler noch immer - nur eben nach ihrem eigenen Zeitplan.

Irgendwann ab Mitte 2018 könnte es so weit sein. Wenn alles gut geht.

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Private Raumfahrtmission: LTE-Link auf dem Mond

Neuer Partner vorgestellt

Am Sonntag hat das Team dabei aus seiner Sicht einen weiteren wichtigen Schritt gemacht. Auf der Computermesse Cebit in Hannover stellte man den Kommunikationskonzern Vodafone als neuen Partner vor. Der Autobauer Audi ist schon seit einiger Zeit als Unterstützer dabei und hilft bei der Entwicklung der Mondfahrzeuge, von denen man gleich zwei mitnehmen will.

Eine Rakete des privaten US-Raumfahrtkonzerns SpaceX soll die Technik der Part Time Scientists ins All bringen. Mit der Europäischen Weltraumorganisation wiederum arbeiten die Berliner bei Landeanflug und Navigation zusammen. Eine selbst entwickelte Fähre namens "Alina" soll für den Transport der Technik zum Mond sorgen und sich vollautomatisch um die Landung dort kümmern.

Zielgebiet ist die Gegend, in der die letzten Menschen den Erdtrabanten im Dezember 1972 verlassen haben: das Taurus-Littrow-Tal, wo unter anderem Reste des Landemoduls sowie das Mondauto von "Apollo 17" stehen. Fünf Kilometer von dort entfernt wollen die Berliner aufsetzen.

Die Roboterautos, die jeweils 12,5 Kilometer auf dem Mond zurücklegen sollen, sind wohl vergleichsweise weit entwickelt. Doch mit ihrer Landefähre haben die Berliner noch einiges zu tun. Momentan arbeite man an der dritten Generation von "Alina", sagt Teamchef Böhme. In drei bis vier Monaten solle die nächste Generation folgen. Das Team ist kürzlich in ein neues Quartier im Osten Berlins gezogen, wo man auch Reinräume für die Entwicklung einrichten will.

Nach-Hause-Telefonieren - jetzt mit LTE

"Die Partner, die wir haben, glauben an die größere Vision", gibt sich Böhme sicher. Nun ist also auch Vodafone dabei. "Alina" soll daher eine Basis-Station des neuen LTE-V-X Mobilfunkstandards an Bord haben - und so über mehrere Kilometer mit den Rovern auf der Mondoberfläche kommunizieren können. Diese müssen ihre Daten deshalb nicht mit viel Energie direkt zur Erde funken, sondern können die Technik des Landemoduls nutzen. "Der LTE-Link auf dem Mond ermöglicht uns bei geringem Energieeinsatz besonders effizient über große Strecken Daten zu übertragen", sagt Böhme.

Während die kleinen Roboterautos nach einem Dutzend Einsatztagen wohl die Kälte der dann beginnenden Mondnacht nicht überstehen dürften, sollte das Landemodul laut der Part Time Scientists länger funktionieren - und damit auch die Funkstation an Bord. "Es gibt kein technisch vorgegebenes Maximum", sagt Böhme.

"Wir bringen Kommunikationsinfrastruktur ins All", zeigt er sich euphorisch. Bisher habe die Raumfahrt immer daran gekrankt, dass jeder das Rad immer wieder neu erfunden habe. Das sei in diesem Fall nicht mehr nötig: "Wenn eine andere Mondmission in der Nähe von 'Apollo 17' landet, kann sie 'Alina' als Kommunikations-Relay zur Erde nutzen."

Ob sich andere Mondfahrer tatsächlich auf die Technik der Deutschen verlassen wollen, das ist vielleicht noch eine andere Geschichte. Aber zumindest wächst das Interesse am Mond stetig. Da ist nicht nur der - einigermaßen wahnwitzige - Plan von SpaceX-Chef Elon Musk, schon im kommenden Jahr zwei Weltraumtouristen auf eine Bahn in Richtung des Erdtrabanten zu schießen. Amazon-Gründer Jeff Bezos hat auch angekündigt, mit seinem Unternehmen Blue Origin einen Lieferdienst zum Mond aufmachen zu wollen.

Falls die Roboterautos von Böhme und seinem Team also wirklich im Taurus-Littrow-Tal landen, bekommen sie dort womöglich wirklich Besuch. Zum Beispiel von einem Amazon-Lieferauto. Und wenn "Alina" dann immer noch in Form ist, kann der kosmische Paketbote mit ihr nach Hause zur Erde telefonieren - und die Nachricht hinterlassen, dass er niemanden angetroffen hat.

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