Berlin - Nach dem spektakulären Fehlstart einer russischen "Sojus"-Rakete mit einem "Progress"-Raumfrachter hat das große Aufräumen begonnen. Spezialtrupps sind in der fernöstlichen Altai-Gebirgsrepublik unterwegs, um die Trümmer zu bergen. Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur "Interfax" könnten sich etwa zehn Waldarbeiter in dem Gebiet befunden haben, das von dem Raketenschrott getroffen wurde. Sie könnten auch durch den hochgiftigen Raketentreibstoff Heptil gefährdet sein, den der "Progress"-Transporter an Bord hatte.
Zugleich geht die intensive Suche nach den Ursachen der Katastrophe weiter. Und Russlands Raumfahrtagentur Roskosmos versichert, ihre Verpflichtungen im ISS-Programm bedingungslos zu erfüllen. Nur wie, das ist noch zu klären - denn neue "Sojus"-Starts soll es erst geben, wenn die Ursachen des Unfalls klar sind. So zumindest zitiert die Nachrichtenagentur Interfax einen Vertreter der russischen Raumfahrtbehörde. Der neue Chef der Raumfahrtagentur Roskosmos, Wladimir Popwkin, rief ranghohe Mitarbeiter nach einem Bericht der Nachrichtenagentur "Ria Novosti" zu einer Nachtsitzung zusammen.
Roskosmos erklärte anschließend, eine Havariekommission solle Startvorbereitungen, Start und Flug der Trägerrakete untersuchen, die Gründe für den Absturz ermitteln und Vorschläge zur Beseitigung der Fehler unterbreiten. Dann werde man "technische, organisatorische und personelle Maßnahmen" treffen, so Agenturchef Popowkin. Einer der wichtigsten Schritte sei die Verstärkung der Qualitätskontrolle in den Betrieben und Organisationen der Raketenindustrie. Er wolle außerdem bei Roskosmos Strukturen schaffen, wie es sie bereits im Verteidigungsministerium "effektiv" funktionierten.
Eine weitere Arbeitsgruppe solle alle Trägerraketen, "Sojus TMA"-Raumschiffe und "Progress"-Frachter überprüfen, die derzeit für Starts im Rahmen des bemannten Raumfahrtprogramms vorbereitet werden. Ein drittes Gremium solle den gesamten Produktionszyklus bei der Herstellung von Raumfahrttechnik überprüfen - Trägerraketen, Oberstufen und Raumflugkörper.
"Herausfinden, ob es womöglich einen Systemfehler gab"
Gesucht wurden Ideen, wie das gegenwärtige Problem gelöst werden kann - denn für die Russen wiegt der "Sojus"-Absturz schwer. Und wichtiger als der Verlust der 2,7 Tonnen Nachschub für die Besatzung der Internationalen Raumstation wiegt die Tatsache, dass das bis dato zuverlässige kosmische Arbeitspferd des Landes zu lahmen scheint.
Die möglichen Folgen gerade für den weiteren Betrieb der Raumstation sind noch nicht absehbar. Doch werden die Partner jetzt mit Nachdruck daran erinnert, dass sie nach dem Ende des Space-Shuttle-Programms kein bemanntes Reservetransportsystem für die Station mehr haben und voll von den Russen abhängen.
Der Chef des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) hat im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE eine internationale Untersuchung des Vorfalls gefordert. "Das kann man nicht allein den Russen überlassen", sagte Johann-Dietrich Wörner. Es müsse aufgeklärt werden, was genau mit der Oberstufe der "Sojus"-Rakete passiert sei. "Wir müssen herausfinden, ob es womöglich einen Systemfehler gab", so Wörner.
Ähnliche Bruchlandung im Jahr 1975
Die Bruchlandung im Altai weckt Erinnerungen an das Jahr 1975. Damals war ein "Sojus"-Raumschiff mit Wassili Lasarew und Oleg Makarow an Bord ebenfalls wegen eines Problems mit der dritten Raketenstufe dort notgelandet. Wie durch ein Wunder überlebten die Männer den später "Sojus 18-1" genannten Flug. nach diesem Vorfall war die nächste "Sojus"-Rakete bereits sieben Wochen später gestartet worden. Wie schnell diesmal der Fehler ausgemacht und beseitigt werden kann, steht noch nicht fest.
Die "Ria Novosti" berichtet unter Berufung auf ungenannte Raumfahrtmanager, der für den 22. September geplante Start der nächsten bemannten "Sojus"-Kapsel zur ISS werde sich wohl verzögern. Dann müssten auch die drei Astronauten, die eigentlich am 8. September von der Raumstation zurückkehren sollen, länger im All ausharren. Eine Verlängerung ihrer des Aufenthalts um bis zu zwei Monate gilt als unproblematisch. Danach müssten sie jedoch zur Erde zurück, weil ihre bereits an der ISS angedockte "Sojus"-Landefähre dann nicht mehr im All bleiben darf.
Kurzfristige Versorgungsprobleme dürften durch den Ausfall des Frachters in der ISS nicht auftreten, sagte der russische Flugleiter Wladimir Solowjow. Niemand werde Hunger leiden. Nach den bisherigen Planungen sollte das nächste Frachtraumschiff solle am 28. Oktober zur Station fliegen, ein weiteres dann Ende Dezember.
Roskosmos hat inzwischen den für Freitag geplanten Start eines Glonass-Navigationssatelliten mit einer neuen "Sojus"-Rakete vom nordrussischen Militärkosmodrom Plessezk abgesagt. Ob auch der für den 20. Oktober geplante Premierenstart des "Sojus"-Trägers vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guyana in Gefahr ist, muss sich noch zeigen.
Das "Sojus"-Desaster kommt für die Russen zur Unzeit. Denn seit geraumer Zeit kämpfen sie mit ernsten Problemen bei den mehrfach zündbaren Oberstufen ihrer "Proton-M"-Raketen. Nach einer neuen Panne in der vergangenen Woche, bei der der Nachrichtensatellit "Express-AM4" verloren ging, erhielten diese vorerst Startverbot. Nun trifft auch die "Sojus" der Bann.
chs/dapd/AFP
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Weltall | RSS |
| alles zum Thema Sojus | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH