Nasa-Jumbo Fliegender Sternwarte "Sofia" droht das Aus

Ist es das Ende für das fliegende Observatorium "Sofia" mit seinem 2,5-Meter-Spiegelteleskop? Die Nasa will die Finanzierung des umgebauten Jumbojets stoppen. Betroffenen wäre besonders die deutsche Forschung.

NASA / C. Thomas

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Es war ein Anlass, wie ihn sich Pressesprecher wünschen: Anfang Februar starteten vier deutsche Physiklehrer von einem Flugfeld in der kalifornischen Mojave-Wüste zu einem zehnstündigen Flug mit dem "Stratosphären-Observatorium für Infrarot-Astronomie", kurz "Sofia". Das ist ein umgebauter Jumbojet, der ein nicht weniger als 17 Tonnen schweres Teleskop an Bord hat.

Hoch über den Turbulenzen der Atmosphäre soll die fliegende Sternwarte Beobachtungen möglich machen, für die sonst teure Weltraumteleskope nötig wären. Kein störender Wasserdampf schluckt die einströmende Infrarotstrahlung. Und die Pädagogen an Bord der Boeing 747-SP sollten ihren Schülern aus erster Hand von der Forschungsarbeit berichten, bei der an diesem Abend unter anderem eine Spiralgalaxie im Sternbild Giraffe beobachtet wurde.

Nach mehr als einem Jahrzehnt der Vorbereitungen ist das Observatorium seit Dezember 2010 im regulären Betrieb, so gab es vergangenes Jahr eine Messkampagne in Neuseeland. Die Kosten für das Projekt schultern die US-Weltraumbehörde Nasa und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), allerdings nicht zu gleichen Teilen. Und das könnte jetzt zum Problem werden: Im Haushaltsentwurf der Nasa für das kommende Jahr sind die Gelder für "Sofia" radikal zusammengestrichen. Das Vorzeigeprojekt steht damit vor dem Aus, es drohen atmosphärische Störungen ganz anderer Art - und Schlagzeilen, wie sie sich Pressesprecher nicht wünschen.

Nach Lösungen suchen

Nasa-Chef Charlie Bolden hat gerade seinen Budgetvorschlag für das kommende Jahr vorgestellt. Darin fordert er vom Kongress 17,5 Milliarden Dollar für das kommende Jahr. Das ist ungefähr so viel, wie die Nasa in diesem Jahr bekommt. Doch die Mittel für "Sofia" sollen dramatisch sinken - von 85 Millionen Dollar in diesem auf gerade noch 12 Millionen im kommenden Jahr.

Für "Sofia" würde das bedeuten, das haben Nasa-Offizielle schnell klargemacht, dass der Jet dauerhaft im Hangar bleiben muss - wenn die deutschen Partner ihren Anteil nicht erhöhen. Man kann das als Erpressung verstehen. Andererseits haben die Amerikaner den Löwenanteil der 1,2 Milliarden Dollar Gesamtkosten getragen.

Deutschland lieferte das Teleskop und trägt zwanzig Prozent der Betriebskosten. Und mehr ist wohl auch in Zukunft nicht drin, wie das zuständige Bundesministerium für Wirtschaft und Energie wissen lässt: Man stehe "zu den im deutsch-amerikanischen 'Memorandum of Understanding' eingegangenen Verpflichtungen". Daher werde man "wie bisher" zum operationellen Betrieb beizutragen.

"Wir werden gemeinsam mit den US-Kollegen nach Lösungen suchen, um das Programm weiterzuführen", heißt es vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Wohl eher der Form halber sagt man dort außerdem, man sei "darüber informiert" gewesen, dass "'Sofia' im Rahmen des aktuellen Nasa-Haushalts zur Diskussion steht".

Doch tatsächlich ist die deutsche Seite vom drohenden Rückzug der Amerikaner ziemlich kalt erwischt worden. Das zeigt sich auch, wenn man mit Forschern am "Sofia"-Institut an der Universität Stuttgart spricht. Die Formulierung "wie ein Hammerschlag" ist zu hören, von "Überraschung" ist die Rede.

Betriebskosten drücken?

"Ich musste eine Entscheidung treffen", so Nasa-Chef Bolden zum drohenden Aus für "Sofia". Denn für die US-Weltraumbehörde ist der Jet ein Programm mit niedriger Priorität. Das geht aus einer Zusammenfassung des Budgetentwurfs hervor, die vom Weißen Haus veröffentlicht wurde. Bei diesen Programmen solle gespart werden, um höher priorisierte Arbeiten voranzutreiben - zum Beispiel die Vorbereitung von Astronautenflügen zum Mars und einem Asteroiden, aber auch den Start des "Webb"-Weltraumteleskops.

Nun soll eine Arbeitsgruppe von Nasa und DLR klären, wie es mit "Sofia" weitergeht, hieß es auf US-Seite. Und deutsche Projektbeteiligte hoffen, das letzte Wort sei vielleicht noch nicht gesprochen. Doch Paul Hertz, Chef der Astrophysik-Abteilung der Nasa, sagt, die Betriebskosten des Flugzeugs seien wohl kaum weiter zu drücken - weil sie vor allem für Treibstoff und Wartung anfielen. Und bei denen könne man nicht sparen.

Es ist freilich nicht das erste Mal, dass "Sofia" vor dem Aus steht. Schon 2006 hatte die Nasa mit dem Gedanken gespielt, das Projekt zu begraben. Damals war der Jet noch nicht einmal zum ersten Forschungsflug gestartet. Der erste Einsatz mit Teleskop fand erst am 26. Mai 2010 statt.

Nach den ursprünglichen Plänen sollte "Sofia" 20 Jahre lang im Forschungsdienst bleiben, mit rund 160 Einsätzen im Jahr. Das war auch eines der wichtigsten Argumente beim Start des Projekts. Denn Infrarot-Observatorien auf Satelliten geht nach einigen Jahren das Kühlmittel aus. "Sofia" sollte dagegen viel länger fliegen können. Das aber muss man jetzt ernsthaft anzweifeln.

Von Juni bis Oktober dieses Jahres soll "Sofia" übrigens bei Lufthansa Technik in Hamburg auf Herz und Nieren geprüft werden - so jedenfalls der bisherige Plan. Im schlechtesten Fall muss der Jet dann perfekt gewartet ins Technikmuseum umziehen.

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Anmerkung der Redaktion: Die Reaktion des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie ist nachträglich im Text eingefügt worden.

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Seite 1
sirius08/15 05.03.2014
1. Sehr Traurig
Zitat von sysopNASA / ESA / HST / AURA / STScl / ESO / SOFIAIst es das Ende für das fliegende Observatorium "Sofia" mit seinem 2,5-Meter-Spiegelteleskop? Die Nasa will die Finanzierung des umgebauten Jumbojets stoppen. Betroffenen wäre besonders die deutsche Forschung. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/nasa-projekt-sofia-jumbo-observatorium-droht-das-aus-a-957100.html
Jedes Jahr werden Milliarden von Geldern in der Rüstungsindustrie verbraten und für so ein sinnvolles Projekt ist nicht übrig. Aber zu etwas anderem als Kriege führen ist diese Menschheit wohl nicht fähig.
flaviussilva 05.03.2014
2. Klären Sie mich auf.
Zitat von sirius08/15Jedes Jahr werden Milliarden von Geldern in der Rüstungsindustrie verbraten und für so ein sinnvolles Projekt ist nicht übrig. Aber zu etwas anderem als Kriege führen ist diese Menschheit wohl nicht fähig.
wo wurde hier Geld für ein Rüstungsprojekt verbraten ? Es handelt sich um ein rein ziviles Projekt zur Erforschung des Weltalls, aber manche Menschen lesen USA, Flugzeug und Geld und schon kommt der Antiamerikaner heraus und tippt was von Rüstungsindustrie und Geld verbraten ins Forum um sich gut zu fühlen. Würde die Menscheit jedes mal nur diskutieren ob etwas sinnvoll ist, dann wären wir nie in die Höhlen gekommen sondern würden noch immer in den Baumwipfeln zwischen den Ästen rumturnen !
Maya2003 05.03.2014
3.
Zitat von sirius08/15Jedes Jahr werden Milliarden von Geldern in der Rüstungsindustrie verbraten und für so ein sinnvolles Projekt ist nicht übrig. Aber zu etwas anderem als Kriege führen ist diese Menschheit wohl nicht fähig.
Exakt. Man sollte das Projekt alleine weiterführen - kostet 2 Jagdbomber. Und bringt mehr.
otelago 05.03.2014
4. Abgesehen davon
Zitat von Maya2003Exakt. Man sollte das Projekt alleine weiterführen - kostet 2 Jagdbomber. Und bringt mehr.
Es gibt doch in den Anden in 5000m Höhe neuartige Infrarotteleskope, die Frage ist ob "Sofia" so relevant ist. Es ist ja fraglos immens teuer, einen Jumbo herumfliegen zu lassen nur um Sterne zu gucken.
rudi.waurich 05.03.2014
5. @flaviussilva
Ich glaube, Sie haben den Mitforisten sirius hier falsch verstanden. Auf jeden Fall wäre es schade, wenn sich keine weitergehende Finanzierung für dieses sinnvolle Projekt findet.
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