Nasa Sonne hat so wenig Flecken wie seit 100 Jahren nicht mehr

Die Sonne ist so ruhig wie schon seit rund hundert Jahren nicht mehr. Die Nasa konnte im vergangenen Jahr in 73 Prozent der Beobachtungszeit keinen einzigen Sonnenfleck registrieren. Und dieses Jahr fallen die Zahlen sogar noch krasser aus: An 87 Prozent der Tage war die Sonne komplett fleckenlos.


Berlin - Elf Jahre dauert der Zyklus der Sonnenflecken normalerweise. In Zeiten des Maximums gibt es Hunderte von dunklen - und damit kühleren - Bereichen auf der Oberfläche unseres Zentralgestirns. In Zeiten des Minimums sind diese Störungen im Magnetfeld der Sonne fast gar nicht zu beobachten. Und derzeit ist das Sonnenfleckenminimum derart ausgeprägt, dass die Forscher nur staunen können.

Eine neue Nasa-Statistik zeigt, dass es sich mit den Sonnenflecken dieser Tage scheinbar wie mit dem Aktienmarkt verhält: Immer wenn es scheint, als sei der niedrigste Wert erreicht, geht es munter weiter abwärts. Bereits im Jahr 2008 ließen sich an 266 der 366 Tage überhaupt keine Sonnenflecken finden. Das entspricht 73 Prozent des Beobachtungszeitraums. Die Forscher mussten in ihren Annalen bis ins Jahr 1913 zurückblättern, um noch niedrigere Werte zu finden. Damals wurden nämlich sogar 311 Tage ohne Sonnenflecken registriert.

Doch 2009 übertrifft - zumindest bisher - die Werte des vergangenen Jahres noch einmal drastisch: Bis zum 31. März gab es an 78 von 90 Tagen keine Flecken, also in 87 Prozent der Beobachtungszeit. Dabei sollte die Sonnenaktivität eigentlich langsam aber sicher wieder zulegen: "Wir warten seit zwei Jahren, dass es wieder losgeht", sagt Johann Hirzberger vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Katlenburg-Lindau im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Und tatsächlich: Bereits im vergangenen Sommer hatten Forscher erklärt, sie seien verwundert darüber, dass die Sonnenaktivität nicht schon längst wieder zulege. Der letzte Zyklus habe seinen Höhepunkt im Jahr 2001 gehabt, deswegen seien im Anschluss einige Jahre der Ruhe durchaus zu erwarten gewesen. Doch die Länge der Ruhephase sei verwunderlich. "Die Sonne ist so ruhig, wie wir sie seit fast einem Jahrhundert nicht mehr gesehen haben", erklärt nun Nasa-Forscher David Hathaway vom Marshall Space Flight Center in Huntsville.

Klar sei allerdings auch, so sagt sein Kollege Hirzberger, dass die neue Phase der Sonnenaktivität bereits begonnen habe. Die vereinzelt zu beobachtenden Flecken gehörten bereits zum neuen Zyklus. Sie träten traditionsgemäß in höheren heliografischen Breiten, also weiter entfernt vom Äquator auf. Später im Verlauf des Zyklus würden sich die Flecken dann immer mehr der Mitte des Sterns annähern.

Messungen der Sonde "Ulysses" zeigen, dass der Druck des Sonnenwinds seit Mitte der neunziger Jahre um 20 Prozent gesunken ist. Dadurch kann mehr kosmische Strahlung unser Sonnensystem erreichen, weil der vom Sonnenwind aufgebaute Schutzschild derzeit vergleichsweise schwach ausfällt. Und wer auf der Erde zum Beispiel jenseits des Polarkreises Nordlichter beobachten wollte, der wurde im Winter oft enttäuscht. Denn auch diese faszinierenden Leuchtphänomene (siehe Fotostrecke unten) bilden sich bei einem schwachen Sonnenwind nur selten.

Auch die Helligkeit der Sonne ist nach Auskunft der Nasa derzeit etwas geringer als üblich. Im Bereich des sichtbaren Lichts habe man ein Minus von 0,02 Prozent gemessen. Im Bereich des starken UV-Lichts seien es allerdings satte sechs Prozent.

"Wenn die Sonnenaktivität hoch ist, wird es bei uns auf der Erde leicht wärmer, vor allem in der höheren Atmosphäre", erklärt Forscher Hirzberger. Doch zurzeit ist genau das Gegenteil der Fall. Dadurch dehnen sich auch die höheren Atmosphärenschichten etwas weniger stark als sonst ins All aus. Satelliten in niedrigen Orbits werden etwas weniger stark abgebremst. Andererseits bleibt auch Weltraummüll auf erdnahen Umlaufbahnen etwas länger auf seiner Bahn, bevor er abstürzt und verglüht.

Die Frage ist, wie lange die Sonne noch so inaktiv bleiben wird wie zurzeit - und was danach passiert. Einige Forscher glauben, dass das erste Maximum nach einer längeren Phase der Ruhe stärker ausfallen könnte als die folgenden. Diese Ansicht ist aber umstritten. Fakt ist: Längerfristige Vorhersagen sind, im Gegensatz zu kurzfristigen Weltraumwetterberichten, die zum Beispiel beim Schutz von Satelliten zum Einsatz kommen, ausgesprochen schwierig zu erstellen und nur wenig vorhersagekräftig.

Schwierig ist vor allem die Antwort auf die Frage, ob es neben dem Elf-Jahres-Zyklus noch weitere, längerfristige Sonnenfleckenzyklen gibt. Im langfristigen Vergleich sollte allerdings selbst das derzeitige Mega-Minimum nicht überbewertet werden. In den Jahren 1913 und 1901 dauerten die Ruhephasen noch länger als derzeit. Wenn man die Maßstäbe von damals anlegt, könnte das aktuelle Sonnenflecken-Tief noch rund ein Jahr andauern. Und in den Jahren zwischen 1650 und 1700 gab es sogar eine noch viel ausgeprägtere Phase der Ruhe.

chs

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