Eigentlich ist es recht gemütlich in der Station, wenn nur der permanente Lärm nicht wäre. Dabei könnte Tim Peake ein bisschen Erholung durchaus gebrauchen. Gerade ist der Rotschopf von einem Außeneinsatz zurückgekehrt. An Halteleinen hat er sich über den Boden eines fernen Asteroiden gezogen - oder über das, was er und seine Kollegen gerade dafür halten sollen. Er hat Bodenproben genommen und sich mit einem Hammer an herumliegenden Gesteinsbrocken zu schaffen gemacht.
Der Ex-Hubschrauberpilot ist zusammen mit drei Kollegen auf einem simulierten Raumflug. Eine schulbusgroße Röhre am Meeresgrund vor der Küste von Florida, rund 14 Kilometer südöstlich vor Key Largo, ist das aktuelle Zuhause der Gruppe. In 20 Metern Wassertiefe, in der Nähe großer Korallenriffe, liegt das "Aquarius"-Habitat der US-Wetter- und Ozeanbehörde NOAA. Dort haben sich Peake und seine Kollegen eingemietet. Neemo, kurz für Nasa Extreme Environment Mission Operations, nennt die US-Weltraumbehörde diese Art von Expeditionen; die aktuelle ist die 16. ihrer Art.
"Aquarius" hat etwa die gleichen Dimensionen wie das russische Wohn- und Navigationsmodul "Swesda"-auf der Internationalen Raumstation. Mit Stockbetten bietet das Unterwasserlabor Platz für bis zu sechs Bewohner. Eine Hülle aus knapp zwei Zentimeter dickem Stahl und eine einen Zentimeter dicke Isolationsschicht schützen die sogenannten Aquanauten, die in der Station bei leichtem Überdruck leben. Große Bullaugen geben den Blick auf die Meereswelt des Riffgebiets draußen frei. Das klare Wasser ist auch in dieser Tiefe noch sonnendurchflutet. In ihren freien Minuten können sich die Einwohner der Röhre an den bunten Fischen vor dem Fenster freuen, manchmal kommen auch Haie vorbei.
Drei Stunden im Außeneinsatz
Während Peake per Skype und - nach dem mehrfachen Zusammenbruch der Verbindung - Telefon über seine Mission berichtet, sind zwei Kollegen noch im Wasser unterwegs. Sie lassen sich mit "DeepWorker"-Tauchbooten über den Meeresboden schippern. Daher der Lärm. Ein Zweierteam ist vormittags draußen, ein anderes am Nachmittag. "Für die Einsätze sind wir jeweils drei Stunden im Wasser", sagt Peake. Über einen Helm werden die Aquanauten dann mit Sauerstoff von der Station versorgt. Auch der Funkverkehr mit der Missionskontrolle gelangt so an ihr Ohr. Statt eines Raumanzugs tragen die Raumfahrt-Simulanten aber Taucherbekleidung.
Irgendwann um das Jahr 2025 will die Nasa auf einem Asteroiden landen. Der dürfte einen Durchmesser von einem Kilometer oder weniger haben - und damit nur ein sehr geringes Schwerefeld. Astronauten würden im schlechtesten Fall von ihrer Oberfläche ins All abdriften. Im Wasser lässt sich diese Leichtigkeit des Seins für die Raumfahrer in spe zumindest ein Stück weit simulieren. Sie üben am Ozeanboden, sich unter solchen Umständen fortzubewegen oder geologische Proben zu nehmen.
Das ist nämlich alles andere als einfach - und niemand hat die Handgriffe für das Arbeiten auf einem Asteroiden bisher gelernt. Und was ist zum Beispiel mit den Halteseilen, um ein Abdriften der Astronauten zu verhindern? Sollte man sie in einer fortlaufenden Linie am Boden anordnen - oder doch lieber nach dem Prinzip eines am Boden befestigten Wagenrades mit Nabe und Speichen? Solch langfristig nützliches Know-how sollen die Neemo-Missionen liefern.
"Wir sind hier isoliert, abgeschnitten vom Rest der Welt", sagt Peake. Wegen des hohen Drucks am Meeresboden dauert es 18 Stunden, bis die Crew am Ende des Einsatzes zurück an die Oberfläche kann. "Viel näher kann man den Bedingungen eines Raumflugs auf der Erde kaum kommen."
Um die Raumsimulation möglichst realitätsnah zu machen, wird auch der Gesprächs- und Datenverkehr zwischen "Aquarius" und der Missionskontrolle künstlich behindert - und zwar so, wie es der Fall wäre, wenn Raumfahrer auf einem weit entfernten Asteroiden in den Tiefen des Sonnensystems stehen. "Die Kommunikation ist jeweils um 50 Sekunden verzögert", erklärt Peake. Absprachen sind dadurch gar nicht so einfach. Doch genau darum geht es schließlich. Für unser Telefongespräch gibt es jedoch eine Ausnahme, um der Verständlichkeit willen.
Europäer sind auf Mitflugmöglichkeiten angewiesen
Chefin der aktuellen Neemo-Crew ist Dorothy Metcalf-Lindenburger, genannt Dottie, eine erfahrene Nasa-Astronautin. Novize Peake ist für die Europäische Weltraumorganisation Esa mit dabei. In deren Astronautencorps ist er zwar seit dem offiziellen Ende seines Trainings im November 2010 Mitglied; bisher war er jedoch noch nicht im Orbit.
Wenn das Schicksal es gut mit dem Briten meint, dann wird Peake eines Tages durchs All reisen, zur Internationalen Raumstation oder gar auf einen Asteroiden. Es kann aber durchaus auch sein, dass der Taucheinsatz 20.000 Millimeter unter dem Meer das größte Abenteuer seiner Laufbahn als Raumfahrtlehrling bleibt. Weil die Europäer keinen eigenen Astronautentransporter haben, sind sie auf Mitfluggelegenheiten bei den Russen - und in Zukunft wohl wieder bei den Amerikanern - angewiesen.
Und diese Tickets werden zumindest nach aktueller Finanzplanung gegen Ende des Jahrzehnts knapp. Peake hofft darauf, dass er entweder 2017 oder 2019 zum Zuge kommt - oder dass die Esa-Verantwortlichen noch eine zusätzliche Mitfluggelegenheit auftun. "Sie arbeiten sehr hart dafür", versichert er.
Eine Reise zu einem Asteroiden würde er nach eigenem Bekunden auch sofort mitmachen: "Das wäre eine phantastische Mission. Ich würde mich freiwillig melden, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern." Und zumindest von einem Kollegen in der aktuellen Neemo-Crew muss Peake dabei keine Konkurrenz fürchten: Steven Squyres, Chefwissenschaftler der Mars-Rover "Spirit" und "Opportunity", sagte unlängst in einem Interview, angesichts seines Alters werde er einem Asteroiden ganz bestimmt nicht mehr nahe kommen. "Ich werde mir die Mission auf meinem Schaukelstuhl im Fernsehen anschauen."
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