Neue Messung: Höhere Kollisionsgefahr für die Milchstraße

Flink durchs All: Mit knapp einer Million Kilometern pro Stunde rotiert unser Sonnensystem um das Zentrum der Milchstraße, haben Forscher nun herausgefunden. Das heißt auch, dass unsere Galaxie deutlich massereicher ist als bisher vermutet - und die Gefahr kosmischer Kollisionen steigt.

Long Beach - Unsere Heimatgalaxie zu beobachten ist alles andere als einfach. Schließlich befindet sich die Erde rund 28.000 Lichtjahre vom Zentrum der Milchstraße entfernt. Dichte Gaswolken versperren den Blick dorthin, interstellarer Staub schluckt vor allem sichtbares Licht. Ein internationales Astronomenteam, zu dem auch Forscher des Max- Planck-Instituts für Radioastronomie in Bonn gehören, hat mit einem Verbund von zehn Radioteleskopen in Nordamerika nun eine aufsehenerregende Beobachtung gemacht: Mit Hilfe des sogenannten Very Long Baseline Array (VLBA) konnten sie nachweisen, dass unsere Galaxie schneller rotiert und weit massereicher ist als bisher vermutet. Damit steigt auch die Wahrscheinlichkeit einer Kollision mit einer anderen Galaxie.

Die Astronomen hatten bestimmte Regionen lebhafter Sternentstehung in der Milchstraße ins Visier genommen. Das dort vorhandene Gas verstärkt hindurchtretendes Licht wie in einem Laser. Forscher nennen dieses Phänomen einen kosmischen Maser. Die Astronomen beobachteten etliche dieser Maser mit dem VLBA, als sich die Erde jeweils auf gegenüberliegenden Positionen ihres Sonnenumlaufs befand. Mit Hilfe der sogenannten Triangulation konnten sie dann die Maser anpeilen und deren Entfernung sowie Geschwindigkeit bestimmen. Daraus leiteten sie ab, dass unser Sonnensystem sich mit knapp einer Million Kilometern pro Stunde um das galaktische Zentrum bewegt - und nicht, wie bisher geglaubt, mit 800.000 km/h.

Höhere Gravitationskräfte, höheres Kollisionsrisiko

Aus Beobachtungsdaten schließen die Astronomen auch, dass die Masse der Milchstraße größer sein muss als bislang angenommen - und zwar um etwa 50 Prozent. Damit wäre unsere Heimatgalaxie gleichauf mit dem benachbarten Andromedanebel. "Bisher dachten wir, Andromeda sei dominant - und dass wir die kleine Schwester sind", sagte Mark Reid vom Harvard Smithsonian Center for Atrophysics. "Aber jetzt scheint es eher so, als seien wir zweieiige Zwillinge."

Die größere Masse der Milchstraße hat aber ihre Schattenseite: Die stärkeren Gravitationskräfte zerren heftiger an den Galaxien in der Umgebung und machen Kollisionen - in astronomisch großen Zeiträumen - wahrscheinlicher, berichteten die Forscher auf einer Tagung der American Astronomical Society im kalifornischen Long Beach. Allerdings muss sich kurzfristig niemand Sorgen vor einem Zusammenstoß machen: Eine Kollision erwarten die Forscher erst in zwei bis drei Milliarden Jahren.

Gleichzeitig hat ein weiteres Astronomenteam um Nicolai Bissantz von der Ruhr-Universität in Bochum die Gas- und Masseverteilung der Milchstraße genauer bestimmt. Die Forscher nutzten für ihre Beobachtungen ein Infrarotinstrument des Nasa-Satelliten "Cosmic Background Explorer", da in diesem Spektralbereich die Gaswolken nahezu transparent sind. Mit den Daten fütterten sie ein Strömungsmodell für die Gase in der Milchstraße und konnten damit die Struktur der Spiralarme rekonstruieren.

Mit der Modellierung und Kartierung der Spiralarme unserer Galaxie konnten die Wissenschaftler die Frage beantworten, wie viele Spiralarme die Milchstraße besitzt. Schauen Astronomen nämlich zum Zentrum der Galaxie, sind zwei Hauptarme zu beobachten, weiter außen stoßen sie auf vier. Bissantz und seinen Kollegen zufolge ist dies kein Widerspruch: Das Gesamtbild ergibt, dass sich vom Galaxienzentrum zwei Hauptarme in den Raum erstrecken, die sich später in den äußeren Bereichen in vier Spiralarme aufspalten. Australische Forscher hatten 2004 sogar von einem fünften Arm der Milchstraße berichtet.

chs/ddp/AP/AFP

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