Paris - "Die neuen Astronauten werden Schritt für Schritt Europas neue Repräsentanten im Weltraum", sagte Esa-Chef Jean-Jacques Dordain bei der Vorstellung der sechs neuen Kandidaten am Mittwochnachmittag. "Wir sind an einem Wendepunkt der Esa-Raumfahrtaktivitäten." Insgesamt 8413 ernsthafte Bewerbungen hatte es auf die Ausschreibung gegeben. Rund ein Fünftel von ihnen kam aus Deutschland (siehe Tabelle unten).
Einer der 1798 deutschen Bewerber, der Hamburger Geophysiker Alexander Gerst, 33, hat nun das Rennen gemacht. Der Vulkanexperte ist der einzige Wissenschaftler in der Gruppe. Sein Großvater, ein Funkamateur, habe vor 27 Jahren seine Begeisterung für das All geweckt, berichtete Gerst bei seiner Vorstellung. Er habe seine Worte damals zum Mond gefunkt, von wo aus sie mit Verzögerung wieder zur Erde zurückgekehrt seien.
Gerst stammt aus Künzelsau in Baden-Württemberg. Er hat an der Universität Karlsruhe und im neuseeländischen Wellington studiert. Auch für seine Dissertation hat er sich in ferne Regionen aufgemacht: In der Antarktis untersuchte er die Frühphase von Eruptionen am Mount Erebus.
"Für die deutsche Raumfahrt ist das ein sehr guter Tag"
"Ich freue mich über die Auswahl von Alexander Gerst als Mitglied des europäischen Astronautenteams", erklärte Johann-Dietrich Wörner, der Chef des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. "Für die deutsche Raumfahrt ist das ein sehr guter Tag." Gerst stehe in der langen Tradition erfolgreicher deutscher Kosmonauten und Astronauten (siehe Fotostrecke): "Von Sigmund Jähn bis Thomas Reiter haben die Deutschen im All immer ihren Anteil bei der Realisierung nationaler und internationaler bemannter Raumfahrtmissionen erbracht."
Neben Gerst wurden zwei Italiener, ein Däne, ein Brite und ein Franzose nominiert. Die einzige Frau in der Gruppe ist die italienische Militärpilotin Samantha Christoferetti. Sie zeigte sich bei der Vorstellung im Esa-Hauptquartier hellauf begeistert: Bis zum gestrigen Tage, so sagte sie, habe sie den zweitbesten Job der Welt gehabt. Nun trete sie den besten an, sagte Christoferetti.
Die Perspektiven sind in der Tat interessant: Die Astronauten werden zunächst für Einsätze auf der Internationalen Raumstation ISS ausgebildet, wo sie vor allem das europäische Forschungsmodul "Columbus" bevölkern sollen. Doch auch weitere Ziele sind durchaus im Bereich des Möglichen: "Sie sind alle jung genug, um mit internationalen Kollegen zum Mond zu fliegen", sagte Esa-Chef Dordain.
Im vergangenen Frühjahr hatte die Esa ihre Ausschreibung gestartet. Wer sich für den Job im All interessierte, brauchte in der ersten Stufe des Verfahrens unter anderem ein Gesundheitszeugnis für Privatpiloten und einen Hochschulabschluss - etwa in Medizin oder einer Ingenieurswissenschaft. Fließend Englisch sprechen zu können, war ein Muss, wer Russisch sprach, bekam Bonuspunkte. Auch eine Promotion oder Testpilotenerfahrung waren gern gesehen.
| Wer sich beworben hat | |||
| Staat | Zahl der Bewerber | Anteil an Gesamtbewerbungen | |
| Frankreich | 1860 | 22.1% | |
| Deutschland | 1798 | 21.4% | |
| Italien | 927 | 11.0% | |
| Großbritannien | 822 | 9.8% | |
| Spanien | 789 | 9.4% | |
| Schweiz | 351 | 4.2% | |
| Finland | 336 | 4.0% | |
| Belgien | 253 | 3.0% | |
| Österreich | 210 | 2.5% | |
| Portugal | 210 | 2.5% | |
| Niederlande | 203 | 2.4% | |
| Schweden | 172 | 2.0% | |
| Griechenland | 159 | 1.9% | |
| Irland | 128 | 1.5% | |
| Norwegen | 74 | 0.9% | |
| Dänemark | 39 | 0.4% | |
| Luxemburg | 14 | 0.2% | |
| andere Staaten | 72 | 0.9% | |
| Gesamt | 8413 | 100.0% | |
| Quelle: Esa | |||
Politisch interessant ist die Berufung des britischen Hubschrauber-Testpiloten Timothy Peake. Denn die Briten zahlen bisher nicht in das Esa-Budget für die bemannte Raumfahrt ein. Dass Peake trotzdem nominiert wurde, könnte auch dem Wunsch der Esa-Führung entspringen, dass sich das ändern könnte. "Wenn wir Top-Kandidaten haben, können wir sie nicht zurückweisen - noch nicht einmal, wenn sie Briten sind", scherzte Esa-Chef Dordain. Um gleich danach eine Bitte nach Geld aus London nachzuschieben: "Mit solch einem Prachtkerl, wie können sie da weiterhin nicht zahlen?"
Los geht das Training für die neuen Kandidaten Anfang September, unter anderem im Esa-Astronautenzentrum in Köln-Porz. Dort gibt es auf dem Gelände des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) unter anderem eines von Europas tiefsten Schwimmbecken. In dem Zehn-Meter-Bassin ("NEAC Neutral Buoyancy Facility") können Astronauten in spe üben, wie man sich unter Bedingungen, die denen der Schwerelosigkeit ähneln, am besten klarkommt. Dazu werden ISS-Module im Becken versenkt, in denen sich die Raumfahrer dann bewegen können. Aber auch in Russland und den USA werden die neuen Esa-Astronauten ausgebildet.
Das Basistraining dauert zunächst 18 Monate, dann folgt eine missionsspezifische Ausbildung. Für Langzeiteinsätze auf der ISS dauert diese noch einmal 18 Monate. Realistisch gesehen können die neuen Astronauten demzufolge frühestens im Jahr 2013 ins All starten. Die Frage ist allerdings, wie viele Jahre die Internationale Raumstation dann noch im Einsatz sein wird. Und auch die weitere Perspektive der Mondflüge wackelt. Derzeit denkt die Nasa darüber nach, ihr Mondprogramm massiv zusammenzustutzen. "Der nächste Schritt nach der ISS ist die Erkundung des Mondes", gibt sich Dordain trotzdem optimistisch. "Wir arbeiten alle daran, dass wir Teil eines internationalen Monderkundungsprogramms werden."
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