Neutrino-Jagd Blei aus antikem Schiff schützt Hightech-Experiment

Vor rund 2000 Jahren ist ein römisches Schiff mit Bleibarren an Bord gesunken. Jetzt tritt die antike Ladung eine zweite Karriere an: Das Metall soll einen Neutrino-Detektor tief unter der Erde vor radioaktiver Strahlung schützen.

Neutrino-Detektor (am Lawrence Berkeley National Laboratory in Kalifornien): In Italien soll antikes Blei einen solchen Detektor abschirmen
Ernest Orlando / Lawrence Berkel

Neutrino-Detektor (am Lawrence Berkeley National Laboratory in Kalifornien): In Italien soll antikes Blei einen solchen Detektor abschirmen


Als der Kommandant des römischen Handelsschiffes vor rund 2000 Jahren die Reise übers Mittelmeer antrat, erwartete er vermutlich alles Mögliche - nicht aber, dass die Bleibarren an Bord in ferner Zukunft helfen würden, neue Erkenntnisse über das Universum und die Sterne zu sammeln.

Mit dem Schiff nahm es ein böses Ende: Es ging vor Sardinien unter. Vor 20 Jahren wurde das Wrack gefunden und die Ladung geborgen. Doch das Blei war nicht mehr dasselbe. Während der zwei Jahrtausende im Salzwasser sank die ohnehin sehr geringe Radioaktivität des Isotops Blei-210 um den Faktor 100.000. Da sich die Strahlung von Blei-210 alle 22 Jahre halbiert, ist heute praktisch nichts mehr von ihr übrig.

Das macht es zu einem äußerst nützlichen Werkstoff für das "Cuore"-Experiment des italienischen Nationalinstituts für Nuklearphysik (INFN). In seinem Rahmen suchen Forscher nach Neutrinos, jenen extrem schwierig zu erfassenden und mysteriösen Elementarteilchen. Die Partikel besitzen keine Ladung, ihre Masse ist vermutlich nicht Null, aber extrem klein. Sie gelten als mögliche Erklärung für die sogenannte Dunkle Materie, die mehr als 20 Prozent der Masse des Universums ausmachen soll und nicht direkt, sondern nur anhand ihrer Gravitationswirkung nachgewiesen werden kann.

Zweite Karriere 1400 Meter tief unter der Erde

Jetzt soll das Blei aus dem antiken Schiff unter die Erde gebracht werden, rund 1400 Meter unter den Apennin bei Gran Sasso. Dort soll es die hochempfindlichen Neutrino-Detektoren gegen störende Einflüsse von außen abschirmen. Schon zuvor hatte das INFN 150 Barren bekommen. Eine zweite Lieferung soll nun ermöglichen, das "Cuore"-Experiment betriebsbereit zu machen.

Dabei handelt es sich um jene Barren, die keine Beschriftung oder andere archäologisch wertvollen Informationen enthalten. Sie werden nun von Verkrustungen gereinigt und eingeschmolzen. Allerdings werden sich die INFN-Forscher auch auf ihre Weise erkenntlich zeigen: Sie werden an dem Blei und möglicherweise auch an dem Kupfer, das an dem Schiffswrack gefunden wurde, präzise Messungen vornehmen - um den Archäologen Informationen über die in der Bronzezeit verwendeten Materialien zu geben. Darüber hinaus hatte sich das INFN vor 20 Jahren auch finanziell an der Bergung des Wracks beteiligt.

"Dieses Blei ist extrem wichtig für das 'Cuore'-Experiment", erklärte INFN-Mitarbeiter Ettore Fiorini. Das Material für den Schutzschild müsse "völlig frei von radioaktiver Kontaminierung" sein.

"Es ist einzigartig, dass die fortschrittlichsten und innovativsten Technologien auf die Archäologie und die Technologie der alten Römer zurückgreifen müssen", sagte Lucia Votano, Direktor der INFN-Labore in Gran Sasso. Das antike Blei spiele eine entscheidende Rolle bei der Abschirmung des Experiments vor natürlicher Radioaktivität - denn die könnte laut Votano eben jene seltenen Vorgänge verschleiern, denen die Forscher auf die Spur kommen wollen.

mbe



© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.