Nobelpreisträger-Interview Was vor dem Urknall war

2. Teil


Kosmologen sind Historiker des Universums. Sie schauen zurück in die Vergangenheit!

Smoot: Ja, das stimmt. Sie schauen zurück in der Zeit. Wir befinden uns im Hier und Jetzt, und wir nutzen das von fernen Teilen des Universums eintreffende Licht, um Schnappschüsse des Kosmos aus verschiedenen Ären zu erhalten.

Die Steady-State-Theorie scheint selbst in einem Schwarzen Loch verschwunden zu sein – gefangen in dessen Singularität.

Smoot: Was passierte, war, dass die Steady-State-Theorie sich nicht gegen das von Observationen gestützte Urknall-Modell behaupten konnte. Daher mussten Geoffrey Burbidge und seine Kollegen das Modell modifizieren. Später wurden sie mit einer moderateren Version ihrer Theorie vorstellig: dem Quasi-Steady-State-Entwurf.

Kennen Sie Astronomen, die dieses Modell auch heute noch favorisieren?

Smoot: Nun, Burbidge gehört dazu. Tatsächlich sandte er mir kürzlich eine E-Mail, in der er mir zum Nobelpreis gratulierte. Obwohl er immer noch an das Quasi-Steady-State-Modell glaubt, schrieb er mir: "Wohlverdient"! (lacht)

Ist es nicht eine Ironie, dass ausgerechnet ein katholischer Priester, Georges-Henri Lemaître, das erste Big-Bang-Modell entworfen hat? In dem Glauben, dass Gott den Big Bang verursacht hat, akzeptiert der Vatikan heute den Urknall. Wer oder was löste Ihrer Ansicht nach den Urknall aus?

Smoot: Schon interessant, dass der Vatikan von Galileo gelernt und entsprechend gehandelt hat. Sie haben inzwischen ihr eigenes Observatorium, ihre eigenen Kosmologie-Berater. Sie haben aus der Lektion gelernt, also haben wir uns nicht gewundert, dass Lemaître es akzeptierte. Denn im Fall eines Big Bang hat man einen Anfang und somit auch Platz für einen Schöpfer. Bei einem Steady-State-Universum ist das nicht so. Stephen Hawkings’ Universum etwa braucht gar keine Ursache, es entsteht aus dem Nichts und bezieht seine Kraft aus sich selbst.

Irgendwie war eine Situation erforderlich, in der Grundenergie und Materie vorhanden waren. Kommen die richtigen physikalischen Gesetze hinzu, ergäbe das dann automatisch einen Big Bang und eine Inflationsphase. Die Frage wäre nur, ist ein Gott dafür zuständig? Die Antwort darauf ist natürlich ungewiss, wann immer man danach fragt, wie alles begann und warum, und was es verursacht hat. Es läuft doch alles darauf hinaus: Irgendwer oder irgendetwas musste die Ausgangsbedingungen ja ermöglicht und das Experiment in Gang gebracht haben, oder nicht? Also lautet die Frage: Ist dieses Universum nur eine Berechnung, die jemand angestellt hat? Oder ist das hier das einzig mögliche Universum?

Eine Antwort darauf gibt es natürlich nicht, aber ich vermute einmal, dass es schwierig sein wird, die Existenz eines Gottes ausschließen oder beweisen zu können.

Wenn Sie den Big Bang visualisieren müssten – wie sähe dieser aus?

Smoot: Ich stelle mir ein unendliches Universum vor, das sich immer weiter ausdehnt, und wenn ich unendlich sage, dann meine ich etwas sehr, sehr Großes. Am liebsten vergleiche ich es mit einer grenzenlosen Petri-Schale voller sich schnell teilender Zellen. Mutiert eine Zelle, entstehen viele ähnliche, sodass die unendliche Petri-Schale schließlich viele Regionen aufweist, die sich aufgrund lokaler Mutationen sehr voneinander unterscheiden. An einer Stelle ist aus einer Region ein Haufen wachsender roter Zellen geworden. Drum herum sind vielleicht weiße oder durchsichtige und weiter drüben dann blaue Zellregionen. Die früher entstandenen Regionen wachsen in der Inflationsperiode, da die Ausdehnung beschleunigt wird. Der Abstand zwischen zwei Punkten wächst exponentiell, später entstandene Regionen können dann nicht mehr so groß werden.

Kosmologen werden oft gefragt: "Was war vor dem Big Bang?" Und auch wenn diese Frage vielleicht genauso wenig beantwortet werden kann: Was war nicht existent vor dem Big Bang?

Smoot: Ohne Zweifel waren da keine Menschen oder Pflanzen, in so einer Welt gab es wahrscheinlich nicht einmal eine gut strukturierte Raumzeit. Ich denke, entweder war da gar nichts, buchstäblich nichts, im Gegensatz zu irgendetwas Wahrnehmbarem. Ein essenzielles Nichts, das sich definiert als die Abwesenheit von allem – inklusive Raum und Zeit. Oder Raum und Zeit haben bereits komplex existiert – nur mit den Dimensionen in einer anderen Ordnung.

Ich denke, dass es vor dem Ereignis, das der Big Bang genannt wird, bereits etwas wie Raum und Zeit gegeben hat, nur noch ohne Ausrichtung oder etwas Derartiges.

Bis jetzt gehört das Urknall-Modell zu den besten kosmologischen Theorien. Andererseits ist den Forschern klar, dass es wohl niemals endgültig bewiesen werden kann, und damit wahrscheinlich eines Tages ein neues Modell an die Stelle des Big-Bang-Konzepts treten wird. Ist das nicht entmutigend?

Smoot: Nein, das ist typisch für die Wissenschaft: Du entwirfst ein neues Modell, betrachtest es skeptisch, bereitest deine Tests vor. Wenn dann eine andere Theorie auftaucht, welche die offenen Fragen besser beantworten kann, werden die Leute langsam zu ihr überwechseln. Sie werden es umso schneller tun, umso überzeugender die Gründe sind, dass die Beobachtungen mit dem neuen Modell wirklich mehr Sinn ergeben als mit dem alten.

Es gibt ja auch noch einige alternative Big-Bang-Theorien, die zyklische Universen oder auch die Existenz von Multiversen postulieren. Was halten Sie von diesen metaphysischen Konzepten?

Smoot: Ich finde sie interessant. Es gibt ja einige potenzielle Alternativen, manche von ihnen sind besser begründet als andere. Einer der Kernpunkte eines zyklischen Universums beispielsweise ist, dass man irgendwie mit seiner Entropie fertig werden muss. Hat man ein sich wiederholendes zyklisches Universum, so verhält es sich nach unserem Erkenntnisstand so, dass die Entropie mit jedem Kreislauf dazu neigt, zu steigen – sie wird größer und größer, obwohl das Universum selbst nicht so viel Entropie hat.

Wie viele hochentwickelte außerirdische Zivilisationen werden wohl gerade das Nachglühen des Big Bang untersuchen so wie wir?

Smoot: Ich weiß, dass einer meiner Studenten seine Arbeit den Wesen von Andromeda gewidmet hat, die sich mit demselben Problem herumschlagen (lacht). Aber sobald man nur grob die Berechnungen kennt – und das geht zurück bis zu Enrico Fermi, eines meiner Vorbilder – stellt sich die Frage: Wo sind sie?

Sie spielen auf das Fermi Paradoxon an?

Smoot: Richtig. Wenn man die Zahlen studiert, realisiert man, dass es jede Menge außerirdisches Leben geben müsste – bei so vielen Galaxien erwartet man aufgrund der Berechnungen jedenfalls intelligentes Leben. Für mich wäre das eine unglaubliche Entdeckung, das würde ändern, wie der Mensch über sich denkt. Eigentlich bin ich mir sicher, dass sie existieren. Das könnte natürlich zu einem Problem werden, wenn Sie zufällig einer dieser religiösen Menschen sind, die glauben, die Welt ist einzig und allein für den Menschen erschaffen worden.

Hat das Universum einen eigenen freien Willen? Gibt es mit Blick auf das Anthropische Prinzip so etwas wie ein Kosmisches Prinzip?

Smoot: Ich bin einer der strengen Kritiker des Anthropischen Prinzips. In dieser Hinsicht ist es sicherlich einfach, den Part des Advokaten des Teufels zu übernehmen. Daher denke ich auch, dass das Anthrophische Prinzip so eine Art Untermauerung des Intelligent-Design-Konzepts ist (lacht). Genau hierüber wurde ich schon einmal befragt. Damals sagte ich, dass dies meine Position sei, die ich auch verteidigen würde. Wenn Sie sich über dieses Thema auf eine Diskussion einlassen und aufgefordert werden, Position zu beziehen, brauchen Sie überzeugende Argumente. Und ich glaube, dass ich genau solche habe.

Im August (2006) berichtete das Wissenschaftsmagazin "Science", dass nur 40 Prozent der amerikanischen Bevölkerung an das Konzept der Evolution glauben.

Smoot: Das finde ich beunruhigend, geradezu beängstigend. Eine lange Zeit war die Kosmologie auch wegen des katholischen Christentums etwas, das von den meisten Religionen akzeptiert wurde. Noch vor 20 Jahren hat niemand die Kosmologie in Frage gestellt. Zu sagen, es hätte keinen Big Bang gegeben, entspricht der Behauptung, dass die Erde flach ist. Ich denke, dass es sehr wichtig für die Zukunft der Menschheit wäre, dass die Leute wieder aufgeklärter und rationaler werden. Da ich jetzt auf meinem Gebiet zu den erfahreneren Forschern zähle, besteht eines meiner Ziele darin, die nächste Wissenschaftlergeneration auf das Kommende vorzubereiten.

Thales, Aristoteles, Ptolomäus, Kopernikus, dann Newton und jetzt Albert Einstein – all diese Universen "entstanden" in Europa. Denken Sie, dass das nächste Universum in den USA "kreiert" wird?

Smoot: Schwer zu sagen; ich denke, dass der nächste Kosmos von europäischen und US-Forschern gemeinsam erschaffen wird. Fraglos ist die westliche Kultur in der Vergangenheit unglaublich erfolgreich gewesen. Inspiriert wurde sie selbst von der antiken Kultur. Wissenschaft ist halt eine Kultur, die sich wie andere auch über die ganze Welt ausbreitet.


Das Interview führte Harald Zaun

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