Nobelpreisträger-Interview Was vor dem Urknall war

Zwei Jahrzehnte suchte George Smoot nach den Spuren des Urknalls - und fand sie in der kosmischen Hintergrundstrahlung. Im Interview erklärt der Physik-Nobelpreisträger, warum er glaubt, dass es vor dem Big Bang schon einmal Raum und Zeit gab.


Was war Ihre zweite Reaktion, nachdem Sie realisierten, dass Sie den Nobelpreis in Physik gewonnen haben?

Prof. Smoot: Ich erlaube mir, die erste und zweite Reaktion zusammenzufassen, weil sie innerhalb weniger Minuten aufeinander folgten. Zuerst einmal bin ich vom Telefonklingeln mitten in der Nacht geweckt worden. Und als ich rangegangen bin, habe ich nicht genau mitbekommen, worum es eigentlich geht – außer dass jemand von der Nobel-Foundation am Apparat war. Dann wollte ich wissen: "Woher haben Sie eigentlich meine Nummer?" (lacht)

Mir ist durch den Kopf gegangen, dass es jetzt zwar spät nachts ist, also genau die richtige Zeit für die Bekanntgabe. Trotzdem fragte ich mich: Ist der Anruf wirklich "echt"? Ich habe anderen früher ja auch Streiche gespielt, und jetzt hatte ich mindestens einen meiner Studenten im Verdacht, dahinter zu stecken. Andererseits wirkten diese Leute schon recht seriös, und als dann der dritte von ihnen in der Leitung war, dachte ich: Das hier ist echt. Aber erst im Laufe des Tages habe ich angefangen, mir über die Bedeutung im Klaren zu werden, und richtig realisiert habe ich es dann eigentlich erst ein paar Tage später. Ich war so beschäftigt, dass ich eine Weile gebraucht habe, bevor ich wirklich verstanden habe: Ja, mein Leben hat sich verändert!

Ihre Entdeckung ist ja so etwas wie der Heilige Gral in der Wissenschaft. Aber die Auszeichnung, die Sie dafür bekommen haben, ist das in gewisser Weise ja auch!

Smoot: Ja, es ist die höchste Ehre, die einem zuteilwerden kann, und ich habe auch eine ganze Weile dafür gebraucht, mich darauf einzustellen. Man ist zwar gewöhnt daran, die Sachen, die man schreibt oder angeht, sorgfältig zu machen. Man achtet auch auf jedes Wort, damit nichts falsch verstanden wird. Aber jetzt, wenn ich etwas sage, geht mir gleich durch den Kopf: "Ob das wohl ein gutes Beispiel für andere ist?" Mir ist klar, dass ich jetzt ein Vorbild für jüngere Wissenschaftler bin. Was irgendwie witzig ist – ich kann mich erinnern, als ich zuerst zum Lab [Lawrence Berkeley National Laboratory/University of California] kam mit all diesen Nobelpreisträgern: Obwohl ich wusste, das sind ganz normale Menschen, hat dieser Preis allein doch dafür gesorgt, dass ich ihnen aufmerksamer zuhörte.

18 Jahre harte Arbeit, bis sie endlich anerkannt wurde …

Smoot: Ist doch gar nicht lang, oder? Wie lange dauert der Bau einer Kathedrale? (lacht) Alles, was du brauchst, ist eine Vision und dranzubleiben.

Eine unnachgiebige Jagd, die Sie von den Regenwäldern Brasiliens bis zum Südpol geführt hat. Warum haben Sie so viel Energie in diese Arbeit gesteckt?

Smoot: Zuerst dachte ich, es würde sechs Jahre dauern, nicht 18 – was auch möglich gewesen wäre, wäre alles normal verlaufen und wären nicht eine Reihe von Problemen aufgetaucht.

Was war für Sie das entmutigendste Erlebnis in dieser Zeit?

Smoot: Es gab eine Menge frustrierender Dinge. Das Challenger-Unglück etwa führte zu einer großen Verunsicherung. Eine Zeitlang nach dem Absturz musste die ganze NASA-Shuttleflotte auf dem Boden bleiben, sodass es für uns keine Chance gab, den Satelliten mit einer Fähre ins All zu hieven. Daher sagten wir uns, dass wir nun mit einem eigenen Plan vorstellig werden müssen. Um ein alternatives Trägersystem zu finden, nahm ich Gespräche mit den Russen und Franzosen auf. Als die NASA davon hörte, war sie ein wenig aufgebracht. Sie sagten uns, dass wir am Boden bleiben sollen, dass sie als führende Raumfahrtagentur es sich nicht leisten kann, nach Europa zu gehen, um irgendetwas ins All zu schießen. Schließlich meinten sie: Wenn ihr einen Weg findet, eure Sonde mit einer Delta-Rakete ins All zu befördern, können wir es machen. Und wir gingen darauf ein.

Was hat Sie dazu veranlasst, während der Pressekonferenz anlässlich der COBE-Entdeckung (23. April 1992) zu sagen: "Wenn Sie religiös sind, dann ist es so, als würden Sie Gott sehen!" Für diese Äußerung ernteten Sie bekanntlich auch Kritik!

Smoot: Wenn Sie über die Entstehung des Universums philosophieren, müssen Sie metaphorisch denken. Als ich während der COBE-Pressekonferenz das Wort "Gott" verwendete, war dies als reine Vereinfachung und Reduktion gedacht. Trotzdem fragten die Journalisten: Was meinen Sie damit? Erklären Sie es uns in Worten, die wir verstehen! Das Lustige an der ganzen Sache war letzten Endes, dass ein Wissenschaftsjournalist der "Washington Post", das zu den intellektuelleren Blättern in den USA zählt, seinen Chefredakteur bekniet hatte, diesen Satz als Aufmacher auf die erste Seite zu platzieren. Aber dieser sah für die Story nur eine Notiz auf der ersten Seite ganz unten oder der zweiten Seite vor. Daraufhin regte sich der Wissenschaftsjournalist derart auf, dass sich die Redaktion zwei Tage später bei ihm entschuldigte.

Offensichtlich ist unser auf vier Dimensionen ausgerichtetes Gehirn nicht mit der Fähigkeit gesegnet, die wahre Natur des Big Bang oder die anderer komplexer kosmologischer Vorgänge zu begreifen.

Smoot: Allein schon die Idee einer gekrümmten Raumzeit wirkt auf viele Menschen ziemlich fremdartig. Deshalb war es solch ein riesengroßer Sprung, dass Einstein in der Lage war, die Idee einer gekrümmten Raumzeit zu postulieren. Aber wenn sie wirklich denken, dass die Stringtheorie das richtige Modell ist und wir in zehn oder elf Dimensionen leben, dann offenbart sich Ihnen, wie schwer eine solche Vorstellung wirklich ist, da unser Gehirn so ausgebildet ist, dass es Tag für Tag seine Berechnungen auf dreidimensionaler räumlicher Ebene macht. Aber wir haben immerhin die Mathematik und können mithilfe von Computern das Ganze visualisieren. Und ungeachtet der Tatsache, dass unser Universum mehrere komplexe Dimensionen haben könnte, sieht es letztlich danach aus, dass es doch sehr einfach aufgebaut ist.

  • 1. Teil: Was vor dem Urknall war
  • 2. Teil

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