Nordlichter über Deutschland Jäger des seltenen Himmelsfeuers

Die Sonnenaktivität ist auf ihrem Minimum - in diesem Winter brennen Polarlichter über Deutschland so selten wie seit Jahren nicht mehr. Eigentlich Saure-Gurken-Zeit für Jäger des Himmelsfeuers. Dennoch gelangen ihnen spektakuläre Bilder. SPIEGEL ONLINE zeigt die besten.

Von Tonia Sorrentino


Ganze drei Polarlichter sind in dieser Saison, die im August begann, am Nachthimmel über dem deutschsprachigen Raum aufgetaucht. Eine magere Ausbeute, die Thomas Sävert in der "Polarlicht-Galerie" seiner Website präsentiert. Derzeit ist die Chance, ein Polarlicht in hiesigen Breiten zu sehen, gleich Null. Ein Jammer für die Polarlichtjäger in Deutschland: Die Sonne gibt sich geizig und lässt die Himmelsfeuer-Fans im Dunklen stehen.

Für Laien klingt die Suche nach den Nordlichtern nach einem hoffnungslosen Unterfangen, zumal die sogenannte Aurora Borealis eher aus Skandinavien, Kanada, Alaska und Sibirien bekannt ist, wo sie über das ganze Jahr verteilt regelmäßig am Himmel erscheint. Auch Jakob Staude vom Heidelberger Max-Planck-Institut für Astronomie bedauert: "In diesem Jahr und auch in den kommenden ist es unwahrscheinlich, dass es über Deutschland ein Polarlicht geben wird." Andererseits gab es in diesem Jahr schon mindestens drei Beobachtungen durch Amateure.

"Dafür fährt man schon mal ein paar Kilometer", sagt Ulrich Rieth. Damit meint der 32 Jahre alte Hobby-Astronom etwa die knapp 300 Kilometer lange Strecke von Mainz nach Venlo. 2001 wurden Rieth und ein Kollegen dafür mit einem fünfstündigen Lichtspektakel belohnt - und traten erst weit nach Mitternacht die Heimreise an. "Am nächsten Morgen mussten wir arbeiten, aber der Aufwand hat sich gelohnt", meint Rieth.

Verformungen auf Echtzeitbildern

Während Polarlichtjäger sich bis in die achtziger Jahre hinein noch auf Zufallsbeobachtungen mit Teleskopen verlassen mussten, sind sie heute bei jedem Ereignis live dabei. Dank öffentlich zugänglicher Satellitendaten von Weltraumbehörden können sie per Internet die Sonne im Auge behalten, die mit ihrer Aktivität die Polarlichter hervorruft.

Profis wie Rieth können schon kleinste Veränderungen in der Sonnenaktivität auf Echtzeitbildern interpretieren, beispielsweise mit Hilfe von Aufnahmen des Satelliten "Soho" (Solar and Heliospheric Observatory) - und so abschätzen, wann ein Schwall aus geladenen Teilchen in Richtung Erde unterwegs ist. Eine Geschwindigkeit von 1000 Kilometern pro Sekunde sei ein guter Wert. Zusammen mit "verschiedenen anderen Parametern" zeige er, wann dieser sogenannte Sonnenwind auf die Erdatmosphäre prallt. Meist dauere das etwa zwei bis vier Tage.

In solchen Tagen sind Polarlichtjäger in Deutschland auf dem Sprung: immer bereit, sich auf den Weg zu machen und das seltene Phänomen nicht nur zu erleben, sondern auch möglichst eindrucksvoll auf Bildern festzuhalten. Über Foren im Internet informieren und verabreden sie sich, veröffentlichen ihre Bilder und kommentieren Beiträge von Kollegen. Eine der ersten Anlaufstellen für Amateurastronomen in Deutschland ist der Arbeitskreis Meteore, eine Art Unterverband der Vereinigung der Sternenfreunde (VDS). Wer mehr über Nordlichter erfahren und gern selbst eines beobachten würde, sagt Rieth, sei dort gut aufgehoben.

Leuchten zeigt sich am nachtschwarzen Himmel

Wo und wann genau eine Aurora Borealis zu sehen ist, kann aber niemand exakt voraussagen. "Die Behörden melden, wenn eine Eruption stattgefunden hat und nennen ein Zeitfenster von etwa zwölf Stunden", sagt Rieth. Eine Ortsangabe werde allerdings nicht mitgeliefert. "Wenn man es zum Beispiel in Italien sehen kann, sieht man es auch in Deutschland - und in Skandinavien sowieso." Notwendig sei lediglich ein wolkenloser, nachtschwarzer Himmel. Von einer künstlich erleuchteten Großstadt wie Hamburg oder Berlin aus könne man ein Polarlicht hingegen nur schwer ausmachen. Rieths Tipp: Nord- oder Ostsee bieten eine besonders schöne Kulisse.

An seine erste Beobachtung kann sich der Hobby-Astronom noch gut erinnern: Es war im April 2000 und eher Zufall. "Es gab eine ganz hübsche Konstellation von Planeten. Dann kam auch noch ein Polarlicht daher." Glühend rot sei es gewesen, und extrem hell. So hell, dass Rieth mitten in der Nacht seinen eigenen Schatten auf der Straße gesehen hat - auf rötlich schimmerndem Untergrund.

Inzwischen macht Rieth lieber Jagd auf subtilere Auroren. Solche, die man versehentlich auch für einen Städte-Lichterschein am Horizont halten könnte. "Denn diese Polarlichter muss man erstmal als solche nachweisen."

Die nächste vielversprechende Aktivitätsphase der Sonne beginnt erst wieder in drei Jahren. Dann wird viel Plasma in Richtung Erde geschleudert. Ein bisschen Hoffnung hat Rieth aber auch in diesen Tagen noch. Denn manchmal schickt die Sonne auch in Zeiten, in der sich ihre Aktivität wie jetzt im Minimum befindet, Sonnenwinde zur Erde, die den Himmel erleuchten. Am 6. Dezember etwa, wenn der Chemiker wieder auf See ist, wird er nach Wolkenlücken suchen - den Blick auf den nördlichen Himmel gerichtet.



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