Kritik an Weltraumbehörde Nasa: Ziellos im Weltall

Von Thorsten Dambeck

Die Nasa hat ihren Kompass verloren: Der Weltraumbehörde fehlt ein Ziel, das die eigenen Mitarbeiter oder gar die USA begeistern könnte. Ein Expertenbericht, von der Nasa selbst in Auftrag gegeben, offenbart jetzt das ganze Ausmaß der Misere.

Raumfahrt in der Krise: Die Geschichte der Nasa Fotos
dpa

Noch im Sommer schien die Welt in Ordnung: "Was Sie erreicht haben, verkörpert den Geist Amerikas", erklärte Präsident Obama am 13. August in einer Grußbotschaft an das Jet Propulsion Laboratory (JPL). "'Curiosity' wird uns viel Neues lehren und sogar den Grundstein für einen bemannten Flug zum Mars legen." Die JPL-Ingenieure hatten kurz zuvor das automatische Marsmobil "Curiosity" sicher auf dem Roten Planeten gelandet.

Doch die schönen Worte täuschen: Die Wirklichkeit des US-Weltraumprogramms ist desolat. Das bestätigte nun auch ein von der Nasa beauftragtes unabhängiges Expertengremium. Es bescheinigt der Weltraumbehörde, keine klare Marschroute zu haben. In ihrem am Donnerstag vorgestellten Bericht kritisiert das National Research Council (NRC) vor allem das Fehlen eines breiten nationalen Konsens darüber, welche Projekte im All vorangetrieben werden sollen.

Niemals zuvor habe er die Nasa so ziellos dahintreiben gesehen, sagte Ex-Astronaut Robert Crippen, der 1981 den ersten Flug eines Space Shuttles steuerte. Heute gehört Crippen zum zwölfköpfigen NRC-Expertenteam. Seitdem die US-Raumfähren 2011 ins Museum verbannt wurden, müssen sich amerikanische Astronauten mit russischen "Sojus"-Kapseln zur Internationalen Raumstation (ISS) chauffieren lassen - ein willkommenes Zubrot für die Russen.

Zudem ist die ISS bei den Amerikanern unpopulär. Das in etwa 350 Kilometern Höhe kreisende Labor wird als kein echter Schritt ins All wahrgenommen. Höher hinaus geht es aber derzeit auch nicht: Obama hat das von seinem Amtsvorgänger George W. Bush verkündete Mondprogramm gestrichen. Es sah vor, gegen Ende dieses Jahrzehnts eine bemannte Station auf dem Erdtrabanten zu errichten, war aber durch massive Unterfinanzierung schon unter Bush soweit in Verzug, dass eine Fortführung nicht mehr vertretbar erschien.

Zu viel mit zu wenig

Aber wohin soll die Reise gehen? "Bei der bemannten Raumfahrt verfolgt die Nasa momentan das Ziel, bis 2025 einen Asteroiden zu besuchen", erklärt Albert Carnesale von der University of California in Los Angeles, Leiter des NRC-Komitees. Dieses Ziel ist als Zwischenstation zu verstehen, eher eine Vorübung für den bemannten Marsflug, welcher für mindestens zehn Jahre später vage in Aussicht gestellt wird.

Doch einen kleinen kosmischen Felsblock mit dem immensen Aufwand einer bemannten Mission anzusteuern, begeistert nach Überzeugung des NRC kaum jemanden. "Wir sehen nur begrenzte Hinweise, dass die Mehrheit der Nasa-Mitarbeiter darin ein überzeugendes Ziel sieht", so Carnesale.

Die NRC-Experten hatten zehn Nasa-Institute in den USA untersucht, darunter auch das kalifornische JPL. Zusätzlich befragten sie fast 800 Mitarbeiter. Dabei sei deutlich geworden, dass die Weltraumbehörde zu viele Ziele gleichzeitig verfolge. Das vom Kongress genehmigte Budget, das im vergangenen Jahrzehnt im Wesentlichen konstant war, reiche dafür vorne und hinten nicht. Denn die zahlreichen Projekte umfassten ein weites Feld von Themen, neben der bemannten Raumfahrt auch die wissenschaftliche Erforschung des Alls, die Erdbeobachtung und die Luftfahrtforschung. Kurzum: die Nasa verzettelt sich.

Der Bericht nennt vier Optionen, um aus der misslichen Lage herauszukommen:

  • Mehr Geld durch Erhöhung des Nasa-Budgets: Momentan erhält die Weltraumbehörde jährlich 17,8 Milliarden Dollar, das sind weniger als 0,5 Prozent des aktuellen US-Bundesetats. In den Jahren vor der ersten Mondlandung wurden bis zu 4,4 Prozent genehmigt - ein Wert, der nie wieder erreicht wurde. Angesichts der heutigen wirtschaftlichen Lage dürfte eine deutliche Budget-Erhöhung allerdings kaum in Frage kommen.
  • Mehr Kosteneffizienz durch eine aggressive Umstrukturierung: Die Zahl der Beschäftigten, landesweit sind es 18.800, und die Infrastruktur stünden dann zur Disposition - schwierig, sagen Beobachter. Nie zuvor sei es gelungen, ein Nasa-Zentrum zu schließen.
  • Weniger ist mehr: Die Zahl der Aktivitätsfelder sollen sinken und so dem vorhandenen Etat angepasst werden.
  • Mehr Zusammenarbeit sowohl mit Unternehmen, anderen US-Behörden als auch mit internationalen Partnern könnten Kostenreduktionen nach sich ziehen.

Doch gerade auf internationaler Ebene wächst die Unfähigkeit der Nasa zu gemeinsamen großen Missionen, beispielsweise mit der Europäischen Weltraumbehörde Esa. Hauptsächlich ist dies der Kostenexplosion beim "James Webb"-Weltraumteleskop geschuldet. Gegen Ende des Jahrzehnts soll es die Nachfolge des in die Jahre gekommenen "Hubble"-Teleskops antreten. Die Kosten sind zuletzt auf geschätzte 8,7 Milliarden Dollar gestiegen.

Das gesamte Forschungsbudget der Nasa steht deshalb unter Druck. Die Folge: Andere Missionen werden auf Eis gelegt. So zog sich die Nasa aus Kostengründen weitgehend aus dem "ExoMars"-Projekt zurück, ebenso aus Projekten zur Grundlagenforschung wie dem Gravitationswellen-Observatorium "Lisa". Das gleiche gilt für die Mission ins Jupiter-System - die wird die Esa nun Anfang des kommenden Jahrzehnts im Alleingang wagen.

Immerhin hat die Obama-Regierung die unbemannte Marsforschung noch nicht völlig aus den Augen verloren. Zwei Tage vor der Veröffentlichung des NRC-Reports verkündete der Wissenschaftschef der Nasa Pläne für ein neues Marsmobil nach dem Vorbild von "Curiosity", Startdatum wäre das Jahr 2020. Das dürfte jedoch kaum ausreichen, um an die glorreichen Zeiten anzuknüpfen. Der kommende Kurs der Nasa wird deshalb wohl vor allem ein Schrumpfkurs sein.

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1. Die Frage ist, was wollen wir eigentlich da?
n01 08.12.2012
Zitat von sysopDie Nasa hat ihren Kompass verloren: Der Weltraumbehörde fehlt ein Ziel, das die eigenen Mitarbeiter oder gar die USA begeistern könnte. Ein Expertenbericht, von der Nasa selbst in Auftrag gegeben, offenbart jetzt das ganze Ausmaß der Misere. NRC-Bericht: Nasa hat keine Ziele - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/nrc-bericht-nasa-hat-keine-ziele-a-871676.html)
Als sie zum Mond geflogen sind, gab es ein Ziel. Eher da zu sein als die Russen. Als das erreicht wurde, gab es dort nicht viel zu holen außer ein paar Steine. Im Prinzip sieht es auf dem Mars momentan ähnlich aus. Nichts als Steine. Und lohnt es sich, dort Menschen hinzuschicken. Gut, als Prestigeobjekt, ja. Aber was sollen die dann dort machen. Steine mitbringen? Das lohnt sich nicht. Die Technik ist noch nicht soweit, das man wirklich sagen könnte, wir bauen massiv etwas auf dem Mars auf. Vor allem Dingen muss man auch wissen, warum man Menschen dort hin schickt. Was sollen die dort machen? Einfach nur, das mal einer da war? Das bringt nichts und kostet nur, und ist ja auch nicht gerade ungefährlich und sagenhaft aufwendig. Im Moment sind wir wohl eher noch an unsere gute alte Erde gebunden. Und das wird auch noch einige Zeit so bleiben. Ist eben so. Ich schätze, es wird noch bestimmt 50 Jahre dauern, bis die Technik wirklich so ausgebaut ist, das man die ersten Menschen dort für längere Zeit ansiedeln könnte. So einer das freiwillig will.
2. .
TS_Alien 08.12.2012
Ein bemannter Flug zum Mars ist viel zu gefährlich. Das dürfte der Hauptgrund sein, diesen nicht in Angriff zu nehmen. Die ISS bringt wissenschaftlich wenig bis nichts. Für die Kosten der ISS kommt dabei viel zu wenig heraus. Die bemannte Raumfahrt steckt insgesamt in einer Sackgasse. Daher muss man mehr auf unbemannte Projekte (Raumsonden, Satelliten, ...) setzen. Auch wenn das nicht "sexy" ist und die Bevölkerung nicht gerade vom Stuhl hauen wird: wissenschaftlich und ökonomisch gesehen ist das der einzige Weg.
3.
Lu_ke 08.12.2012
Die Ziele der NASA sollten auch daran festgemacht werden, was aus wissenschaftlicher Sicht am sinnvollsten ist und nicht was sich am spektakulärsten anhört.
4. Banken oder Forschung?
Frau Mau 08.12.2012
"Angesichts der heutigen wirtschaftlichen Lage dürfte eine deutliche Budget-Erhöhung allerdings kaum in Frage kommen." Ich verstehe nicht, warum das 95% der Menschen der westlichen Hemisphäre so sehen und stattdessen den Banken (z.B. der BayernLB usw...) jährlich das zigtausendfache hinterherschmeißen. Allein mit den Bankenhilfen Deutschlands könnte man 20 Apollo Programme gleichzeitig stemmen. Und die hätten wirtschaftlich gesehen einen erheblich höheren Nutzen in Form von Technologie und ausgebildeten Leuten.
5. Der gewaltige Kraftakt Mondlandung ist verpufft
Hajojunge 08.12.2012
Zitat von sysopDie Nasa hat ihren Kompass verloren: Der Weltraumbehörde fehlt ein Ziel, das die eigenen Mitarbeiter oder gar die USA begeistern könnte. Ein Expertenbericht, von der Nasa selbst in Auftrag gegeben, offenbart jetzt das ganze Ausmaß der Misere. NRC-Bericht: Nasa hat keine Ziele - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/nrc-bericht-nasa-hat-keine-ziele-a-871676.html)
Hätte man das Apollo-Programm konsequent weiterverfolgt, könnte es bereits heute eine bemannte Mondstation geben, eine ideale Ausgangsbasis für weitere Erkundungsflüge ins All. Stattdessen baute man das viel zu teure Spaceshuttle, und das Knowhow aus der Apollomission ist längst versandet. Computeraufzeichnungen aus dieser Zeit sind gelöscht bzw. nicht mehr rekonstruierbar, Konstruktionszeichnungen futsch. Für eine neue Mondmission müßte man fast wieder bei Null anfangen. Damals gab es den politischen Druck, es nach dem Versprechen Kennedys den Sowjets mal richtig zu zeigen. Diese Motivation ist dahin, gute Fachleute wie Wernher von Braun sind längst unter der Erde, und es gibt keine klare Linie mehr. Zudem zeigt die Marsmission, dass auch da nur Gestein zu holen ist, das dem irdischen ähnelt. Wie sollte es auch anders sein. Neue Erkenntnisse über die Geschichte des Alls sind so nicht zu gewinnen. Da können uns nur unbemannte Missionen voranbringen. Und überhaupt - haben wir nicht genügend andere Probleme auf dieser Welt?
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