Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Merkwürdiger Orbiter: Spekulationen um russischen Satelliten-Killer

Von

Ein mysteriöses Objekt im Erdorbit löst Spekulationen aus: Hat Moskau einen Satelliten-Killer im All stationiert? Es wäre nicht der erste Versuch dieser Art - und Russland nicht der einzige Staat, der mit solcher Technologie experimentiert.

Weltraumschrott (Grafik): Rätselraten um Objekt "2014-28E" Zur Großansicht
AFP / HO / EOS

Weltraumschrott (Grafik): Rätselraten um Objekt "2014-28E"

Der Raketenstart vom 23. Mai erschien wie ein harmloser Routinevorgang: Russland schoss drei Kommunikationssatelliten ins All, um ein bereits existierendes militärisches Netzwerk zu verstärken. Dabei geriet auch ein Objekt in die Erdumlaufbahn, bei dem es sich eigentlich um Weltraummüll handeln sollte. Doch der vermeintliche Schrott vollführte plötzlich erstaunlich präzise Manöver. Zuletzt kam es am 9. November zum Treffen mit der ausgebrannten Raketenstufe, die das Objekt vor Monaten ins All befördert hatte.

Was haben die Russen da in den Orbit gebracht? Seit die "Financial Times" am Montag zuerst über das Mysterium berichtet hat, spekulieren Zeitungen, Amateurastronomen und Experten über das Objekt mit der astronomischen Bezeichnung "2014-28E" oder "Kosmos 2499". Vom Nordamerikanischen Luft- und Weltraum-Verteidigungskommando (Norad) wird es unter der Katalognummer 39765 geführt. Vor dem Hintergrund der aktuellen Spannungen zwischen Russland und dem Westen gewinnt das Treiben im Orbit zusätzlich an Brisanz.

Verlässliche Informationen, worum es sich bei Objekt "2014-28E" handelt, gibt es nicht. Das Verhalten des Satelliten lässt unterschiedliche Zwecke denkbar erscheinen - manche davon friedlich, andere kriegerisch. Ein Satellit, der sich anderen Satelliten nähern kann, könnte etwa zu deren Reparatur und Betankung eingesetzt werden oder aber Weltraumschrott entfernen, der zur immer größeren Gefahr für die Nutzung des Alls wird. An einer solchen Müllabfuhr im Orbit arbeiten mehrere Staaten, darunter auch Deutschland.

Für Argwohn sorgt allerdings die Tatsache, dass Moskau "Kosmos 2499" zunächst nicht offiziell angemeldet hat. "Die Fähigkeit kleiner Satelliten, im Orbit einander näher zu kommen, galt schon immer als nützlich", sagte Ex-Nasa-Mitarbeiter James Oberg der "Moscow Times". Doch sowohl China als auch Russland hätten derartige Experimente zuletzt ohne offizielle Ankündigung durchgeführt, und zwar parallel zu bereits vorhanden zivilen Programmen. "Das legt nahe, dass sie keinem friedlichem Zweck dienen", so Oberg.

Testet Moskau einen Jagdsatelliten?

Die Arbeit an Anti-Satelliten-Waffen ist beinahe so alt die Raumfahrt selbst. Die USA begannen bereits Ende der Fünfzigerjahre mit der Entwicklung von Raketen, die Orbiter vom Himmel schießen können. Das ist überaus knifflig: Im niedrigen Erdorbit - also in Höhen von 200 bis 2000 Kilometern - rasen Satelliten mit etwa 25.000 bis 30.000 Stundenkilometern über die Erde hinweg und stellen sehr kleine Ziele dar. Dennoch wurde diese Hürde überwunden: 1985 schoss ein US-Kampfjet einen Forschungssatelliten mit einer speziellen Rakete ab, China zog im Januar 2007 nach.

Doch insbesondere der chinesische Test hat gezeigt, welche gefährlichen Folgen ein solcher Abschuss haben kann: Tausende Trümmerteile gelangten in den Orbit. Wegen der hohen Geschwindigkeiten im All können selbst winzige Bruchstücke beim Aufprall enorme Energien freisetzen. Mit der Zerstörung feindlicher Satelliten bringt der Angreifer also auch seine eigenen Orbiter in Gefahr.

Zur Pulverisierung gegnerischer Satelliten gibt es zwei Alternativen. Eine sind Hacker-Angriffe, die ebenfalls von der Erde aus durchführbar sind. So hat etwa Iran im März 2010 europäische Kommunikationssatelliten sabotiert, und erst vergangene Woche gelang chinesischen Hackern ein ähnlicher Angriffe auf US-Wettersatelliten. Die zweite Alternative sind Satelliten, die gegnerische Orbiter einfangen.

Sowjets forschten am "Kampfsatellit"

Die Sowjetunion begann bereits 1961 mit der Arbeit an einem Projekt namens Istrebitel Sputnik. Der "Kampfsatellit" sollte sich seinem Ziel im Orbit nähern und dann in einer Wolke von Schrapnell explodieren. Das würde zwar ebenfalls eine Menge Trümmer im Orbit hinterlassen. Doch inzwischen gibt es Technologien, die eine subtilere Herangehensweise ermöglichen. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) etwa betreibt die "Deutsche Orbitale Servicing Mission" ("Deos"). Ein mit einem Greifarm ausgestatteter Satellit soll einen anderen im Orbit packen, um ihn dann zu warten oder zu reparieren - oder, falls das nicht möglich ist, ihn kontrolliert zum Absturz zu bringen.

China verfügt möglicherweise bereits über diese Fähigkeit. Im September 2013 vollführte ein kurz zuvor gestarteter Satellit ein plötzliches Rendezvous-Manöver mit einem anderen chinesischen Orbiter und soll ihn mit einem Greifarm eingefangen haben. Auch hier spekulierten Experten, dass es sich um einen Test einer Anti-Satelliten-Waffe gehandelt haben könnte.

Sicherheitsexperten sehen solche Entwicklungen mit Sorge. Denn anders als in den Sechzigerjahren hängen heute weite Teile des öffentlichen Lebens und der globalen Wirtschaft von Satelliten ab - und der stetig dichter werdende Schrott im Orbit gefährdet ihren Betrieb schon genug.

Doch einen internationalen Vertrag, der die Militarisierung des Alls verhindern oder zumindest kontrollieren könnte, gibt es nicht. Zwar ist seit 1967 der Outer Space Treaty der Vereinten Nationen in Kraft, doch er verbietet lediglich die Stationierung von Massenvernichtungswaffen im All. Alles andere ist erlaubt.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 35 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
marthaimschnee 19.11.2014
Die sollten mal lieber den Müll killen, den sie alle da oben hinterlassen.
2. Übrigens...
Polonium4U 19.11.2014
...ist die Unterscheidung zwischen zivilem und militärischem Nutzen bei "Wartungssatelliten" auch nicht einfach und rechtlich mehr als schwierig. Jeder zivile Wartungs- oder "Müllabfuhrsatellit" kann als Antisatellitenwaffe verwendet werden. Daher gibt es bis heute, obwohl technisch längst machbar, keine Missionen die den niedrigen Erdorbit mal saubermachen. Liegt daran, dass über den Einsatz dieser Satelliten eine neutrale (blockfreie) Institution entscheiden müsste, die es nicht gibt. Selbst die zivilen Missionen dieser Art, sofern sie von nationalen Agenturen durchgeführt werden verstoßen an sich gegen die "Outer Space Treaty" von 1967... Trotzdem machen es alle. Also warum die Aufregung?
3. interessant
Graphite 19.11.2014
dass nur in einem Nebensatz erwähnt wird, dass andere (USA nahe) Staaten dieses ziel ebenfalls verfolgen. Problematisch ist allerdings, dass die Militärnutzung des Orbits rechtlich kaum bedacht wurde. Die USA hatte schon mitte der 80er den Plan per Laser eine Luftleeres Loch in die Atmosphäre zu brennen und darin einen Gegenstand (je schwerer deto besser) auf die Erde fallen zu lassen. in diesem sinne ist eine gewöhnliche Brandbombe eine Massenvernichtungswaffe und kein Bunker der Welt wäre davor sicher, da die Aufprallgeschwindigkeit derart groß wäre dass ein eindringen des "Bolzens" in sehr große tiefen der Erdkruste möglich ist!
4.
zauselfritz 19.11.2014
Zitat von Graphitedass nur in einem Nebensatz erwähnt wird, dass andere (USA nahe) Staaten dieses ziel ebenfalls verfolgen. Problematisch ist allerdings, dass die Militärnutzung des Orbits rechtlich kaum bedacht wurde. Die USA hatte schon mitte der 80er den Plan per Laser eine Luftleeres Loch in die Atmosphäre zu brennen und darin einen Gegenstand (je schwerer deto besser) auf die Erde fallen zu lassen. in diesem sinne ist eine gewöhnliche Brandbombe eine Massenvernichtungswaffe und kein Bunker der Welt wäre davor sicher, da die Aufprallgeschwindigkeit derart groß wäre dass ein eindringen des "Bolzens" in sehr große tiefen der Erdkruste möglich ist!
Nebensatz? Es wird gleich zweimal spezifisch darauf eingegangen. Anfall von Westen-Bashing? Dieses Hirngespinst (physikalisch so nicht realisierbar da die Luft schlicht zu einem superheissen Plasma wird, welches selbst eine Dichte besitzt) eines orbitalen Bunkerbrechers hat man schnell wieder zu den Akten gelegt. Wenn überhaupt, dann wird man das mit Hyperschallprojektilen realisieren.
5.
Schnubbi 19.11.2014
Muss noch jemand an Golden Eye denken? :)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Eutelsat
Satelliten machen das Leben leicht: Sie bringen uns TV und Telefon, füttern Navigationsgeräte mit Daten, machen hochauflösende Aufnahmen unseres Planeten. Wie viel wissen Sie über unsere künstlichen Trabanten? Testen Sie es SPIEGEL-ONLINE-Quiz.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: